Dreimal in der Woche klingelt durchschnittlich das Telefon. Bei der Person, die anruft, handelt es sich dann um ein Opfer von Kriminalität oder von irgendeiner Form von Gewalt. Am anderen Ende der Leitung sitzt entweder Christine Busl als neue Leiterin der Außenstelle Coburg des Weißen Rings (WR) oder eine ihrer Mitarbeiterinnen Lee Liebscher und Corina Trier. Die drei Frauen bilden das neue Trio, das sich in der Stadt und im Landkreis um die Betreuung von Opfern kümmert.

"Wir nehmen Opfer an die Hand", erklärt Christine Busl im Gespräch mit unserer Zeitung. "Wir vermitteln Kontakte, zum Beispiel zu Therapeuten oder Rechtsanwälten - wir übernehmen eine psychotherapeutische Beratung aber niemals selber." Christine Busl ist dieser Hinweis auch deshalb wichtig, weil sie hauptberuflich seit einigen Jahren als selbstständige Schamanin in Lautertal tätig ist. Befürchtungen, Opfer würden vom Weißen Ring spirituell behandelt oder bekehrt, sind somit unbegründet.

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Sehr viel wichtiger sind speziell bei Christine Busl sowieso die Erfahrungen, die sie vor ihrer Zeit als Schamanin sammelte beziehungsweise sammeln musste. "Als Kind bin ich ein Opfer von sexuellem Missbrauch geworden", erzählt sie mit leiser Stimme. Und rückblickend weiß sie: "Ich hätte mir damals gewünscht, frühzeitig Unterstützung zu bekommen." Denn je schneller einem Opfer nach einem bestimmten Vorfall geholfen werden kann, desto besser stehen die Chancen auf eine Rückkehr in ein möglichst normales Leben. Andernfalls besteht die Gefahr, das ein erlittenes Trauma nicht aufgelöst wird, sondern sich im Körper regelrecht festsetzt und dadurch Depressionen oder auch chronische Schmerzen verursachen kann.

"Um Fälle von häuslicher Gewalt kümmert sich meistens das Frauenhaus mit seiner Beratungsstelle für Gewaltbetroffene Frauen und Kinder", erklärt Christine Busl. Ist die Gewalt von Personen außerhalb des eigenen Hausstands ausgegangen, wird Opfern oft der Weiße Ring empfohlen. Ebenso ist der Weiße Ring ein fürsorglicher Betreuer, wenn jemand ein Opfer von Raub oder auch Stalking geworden ist.

Bei zwei der drei Anrufe, die pro Woche eingehen, kann bereits durch das Telefonat geholfen werden. Etwa ein Mal pro Woche reicht es allerdings nicht aus, einfach nur einen weiteren Kontakt zu vermitteln. Denn in jedem dritten Fall, mit dem es der Weiße Ring zu tun bekommt, geht es um eine Körperverletzung oder um sexuellen Missbrauch. Dann führen Christine Busl und ihre Mitarbeiterinnen ein persönliches Gespräch mit der betroffenen Person. Damit das dem Opfer nicht noch zusätzlich schwer fällt, findet der Austausch nicht in irgendeinem anonymen Büro statt, sondern zu Hause beim Opfer oder auf Wunsch auch in einer anderen, möglichst vertrauten Umgebung.

Die WR-Frauen kommen zu solchen Gesprächen fast immer zu zweit. Denn die Erfahrung hat gezeigt, dass dadurch eine noch bessere Unterstützung für die von einem sexuellen Missbrauch betroffene Person möglich ist.

Auch Präventionsarbeit ist wichtig

Wie die konkrete Unterstützung dann aussieht, ist von Fall zu Fall verschieden. Oft kann es auch schon eine Hilfe sein, wenn der Weiße Ring sich bereit erklärt, mögliche Anwaltskosten zu übernehmen. Christine Busl versucht das an einem - zwar erfundenen, aber doch sehr realitätsnahen - Beispiel zu erklären: Eine 19-jährige Frau leidet unter einem sexuellen Übergriff, der sich an ihrem Arbeitsplatz ereignet hat. Sie ist sich unsicher, ob sie den Täter, der zugleich ihr Vorgesetzter ist, anzeigen soll oder nicht. Sie weiß weder, ob sie sich einen Anwalt leisten kann, noch, ob sie einen Rechtsstreit überhaupt gewinnen kann. Beim Weißen Ring herrscht zunächst einmal die Grundregel, dass es niemals am Geld scheitern darf, einen Täter zu bestrafen und damit auch dessen Opfer zu helfen.

Ebenso wichtig ist die Aufklärung: Mit welchen psychischen Belastungen muss das Opfer rechnen, wenn es zu einem Rechtsstreit kommt? Aber inwieweit kann der Rechtsstreit auch eine Hilfe sei, um das erlebte Trauma zu verarbeiten. Zugleich steht der Weiße Ring den Opfern auch immer noch bei, wenn es etwa zu einer Gerichtsverhandlung kommt.

Kurzum: Der Weiße Ring ist eine segensreiche Einrichtung - das hatten auch mehrere Redner betont, als Christine Busl offiziell in ihr Amt als Außenstellenleiterin eingeführt wurde. "Sie leisten eine wichtige Aufgabe", lobte Coburgs Dritter Bürgermeister Thomas Nowak (SPD). "Gut, dass wir viele starke Partner wie den Weißen Ring haben", stellte Polizeidirektor Ralf Neumüller fest. Alt-OB Norbert Tessmer (SPD) ging auf die Opferarbeit ein: "Man kann das Geschehene nicht ungeschehen machen, aber dessen Auswirkungen durch menschlichen Beistand sowie durch materielle und immaterielle Hilfe zu lindern versuchen." Norbert Tessmer war selber zehn Jahre lang Leiter der Außenstelle des Weißen Rings.

Doch die vergangenen zwei Jahre war die Stelle unbesetzt, weshalb die Betreuung kommissarisch von Helmut Will übernommen wurde, der die Außenstelle Haßberge leitet. Das klappte zwar gut, was die Betreuung von Opfer betrifft - doch mit dem neuen Team um Christine Busl kann auch die Präventionsarbeit endlich wieder intensiviert werden, die dem Weißen Ring ja ebenfalls sehr am Herzen liegt. So gab es erst jüngst in Bad Rodach einen Vortrag zum Thema "Missbrauch verhindern". Weitere sollen nächstes Jahr folgen. Geplant ist unter anderem auch eine Kooperation mit der Hochschule Coburg.

Diese vielen Pläne können natürlich noch besser umgesetzt werden, wenn die damit verbundene Arbeit auf noch mehr Schultern verteilt wird. Deshalb freut sich Christine Busl jederzeit über Interessenten, die sich ebenfalls ehrenamtlichen beim WR einbringen möchten.

Hintergrund Eduard Zimmermann, bekannt als Erfinder und langjähriger Moderator der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY... ungelöst", war 1976 einer der Mitbegründer des Weißen Rings in Deutschland. Ziel des gemeinnützigen Vereins ist es, den Opfern von Kriminalität sowie von jeglicher Form von Gewalt zu helfen sowie auch deren Angehörigen beizustehen. Heute hat der Weiße Ring fast 3000 ehrenamtliche Mitarbeiter sowie rund 44000 Mitglieder. In Coburg Stadt und Land hat er nur 75 Mitglieder.

Kontakt Die Coburger Außenstelle des Weißen Rings ist unter Telefon 0151/55164794 oder auch per Mail an coburg@mail.weisser-ring.de zu erreichen. Viele weitere Infos gibt es auch unter www.weisser-ring.de

Opfer-Telefon Der Weiße Ring hat ein kostenloses Opfer-Telefon eingerichtet, das täglich (auch am Wochenende!) jeweils in der Zeit von 7 bis 22 Uhr unter der Nummer 116 006 erreichbar ist und bei Bedarf sofort und anonym helfen kann.