Nur noch ein paar Schritte, wenige Meter bis zum größten Erfolg ihrer Karriere. Doch dann passiert's: Tina Vetter kommt ins Straucheln, stolpert, fliegt über die Ziellinie. Ein offenes Knie, eine lädierte Schulter, Kratzer im Gesicht. Dieser Lauf hat Spuren hinterlassen. Es waren die bisher schnellsten 25:28 Sekunden im Leichtathletik-Leben der 24-jährigen Master-Studentin.
Kurze Zeit später sitzt sie in der Fürther Halle auf einem Stuhl und wird von Sanitätern an Bein und Kopf behandelt. Da sprintet plötzlich ihr neuer Passauer Trainer zu ihr und jubelt: "Du hast es geschafft, Du bist Bayerische Meisterin"!
Im zweiten Finallauf war nämlich keine Starterin schneller als die gebürtige Coburgerin, die viele Jahre für den LAV Neustadt in die Spikeschuhe schlüpfte. Das Läufer-ABC lernte sie einst bei der Coburger Turnerschaft. Ihr erster Trainer war Ulrich Zetzmann.
Die Außenbahn im A-Lauf von Fürth brachte ihr letzte Woche also das erhoffte Glück. Endlich. Sie steigerte ihre persönliche Bestzeit erst im Vorlauf auf 25:88 Sekunden und wenig später im Finale sogar auf die Goldmedaille bringenden 25:28.


Zusätzliches Adrenalin im Finale

"Ich wollte eigentlich nur eine Medaille holen. Bronze hatte ich mir vorgenommen. Dass es dann sogar zu Gold reicht - da bin ich selbst überrascht und kann mir diese tolle Zeit noch gar nicht richtig erklären. Wahrscheinlich war es das zusätzliche Adrenalin im Finale".
Bei der süddeutschen Meisterschaft vor einigen Wochen in München deutete die "Vollblut-Sprinterin" - die auch schon zur Wahl als Sportlerin des Jahres der Stadt Neustadt stand ("...aber gewählt haben sie mich leider nicht", schmunzelt Vetter) - mit 26,20 Sekunden bereits an, dass mit ihr zu rechnen ist. Doch wirklich auf dem Zettel für den Sieg bei der "Bayerischen" in Fürth hatten selbst die Insider das Energiebündel aus Passau nicht. Sie ließ alle Favoriten, auch Franziska Wahl vom Gastgeber LAC Quelle Fürth, in ihrem couragierten "Sturz-Rennen" hinter sich.
Natürlich war sie stolz "wie Oskar", als sie bei der Siegerehrung mit Gold geschmückt wurde und ihren bisher größten Erfolg ihrer Karriere feierte.


Lange Zeit für Neustadt am Start

Lange Zeit stand ihre Bestzeit "nur" bei 26,40 Sekunden. 2011 lief sie diese Marke über 200 Meter noch im Trikot des LAV Neustadt, seit Anfang diesen Jahres startet sie allerdings für den 1. FC Passau. Der Hintergrund ist klar: Sie studiert in der Drei-Flüsse-Stadt, trainiert dort vier bis fünf Mal in der Woche und will ihre Zeiten - auch über die anderen Distanzen - sukzessive verbessern.


"Rotschopf" mit Politikwissen

Derzeit ist der hübsche Rotschopf, der seine Wurzeln im Neustadter Stadtteil Wildenheid hat, weil von dort ihre Großeltern und ihr Vater stammen, im zweiten Semester, baut an der Universität ihren Master: "European Studies", sie interessiert sie also vor allem für Politik und Kommunikation. Und die junge Frau hat eine klare Meinung zum neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump: "Es ist beängstigend und erschreckend, wenn jemand, der sich öffentlich rassistisch äußert und gegen Minderheiten wettert, gewählt wird. Dabei hat er ja gar nicht die wirkliche Mehrheit in Amerika bekommen".
Auch den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz sieht sie durchaus kritisch: "Der muss sich jetzt erst einmal beweisen. Bisher hat er national ja noch keine Rolle gespielt, doch als Europa-Politiker ist er ganz klar gegen viele AfD-Ansichten und das ist natürlich gut so". Für Schulz und die SPD werde es bis zur Bundestagswahl sicher kein Sprint, eher ein Marathonlauf. Wer dann am Ende jemand stürzt oder gestürzt wird, das kann und will Tina Vetter jetzt aber nicht prophezeien.