Das Verfließen der Zeit aufhalten, die Zeit anhalten - davon träumt der Mensch immer wieder. Davon träumt auch die Marschallin im "Rosenkavalier", nachdem sie aus den stürmischen Umarmungen ihres jungen Liebhabers Octavian wieder in der Gegenwart erwacht. Und sie weiß doch, wie vergeblich dieser Traum ist: "Die Zeit, die ist ein sonderbar' Ding".
Lässt sich die Vergänglichkeit mit Fotos aufhalten? Draußen im Gang vor dem ersten Rang des Coburger Landestheaters hängt die Ahnengalerie der Intendanten. Darunter auch das Konterfei von Oscar Benda, der zu Zeiten des Hoftheaters gleich mehrfach Prinzipal im Musentempel am Schlossplatz war - auch im Jahr 1911, als "Der Rosenkavalier" nur wenige Monate nach der Uraufführung in Dresden seine Coburger Erstaufführung erlebte.


Betsy Horne als Marschallin

Schräg gegenüber findet sich das Portraitbild von Bodo Busse, der seit Herbst 2010 die künstlerischen Geschicke des Landestheaters leitet und in seiner sechsten Spielzeit den "Rosenkavalier" auf das Programm gesetzt hat - 15 Jahre nach der letzten Coburger Inszenierung.
"Rosenkavalier"-Premieren sind Festtage für jedes Theater - für ein Haus von der Größe des Landestheaters ganz besonders. Und wenn die Inszenierung überzeugt, wird aus dem Premieren-Abend ein Feier-Abend im allerbesten Wortsinn. Das Publikum im Landestheater jedenfalls ist sich einig: "Bravo" schallt es den Interpreten und dem Produktions-Team am Ende vielstimmig entgegen. Musikalisch wie szenisch setzt dieser neue Coburger "Rosenkavalier" unüberhörbar- und unübersehbar Maßstäbe für das Landestheater. Regisseur Jakob Peters-Messer hat mit seinem Bühnenbildner Markus Meyer und seinem Kostümbildner Sven Bindseil eine zeitlose aktuelle Lösung gefunden, die diese "Komödie für Musik" in ihrem dramaturgischen Kern präzis erfasst und zugleich mit neuen Akzenten versieht. Markus Meyer und Sven Bindseil haben eine Ausstattung entworfen, die geschickt eingesetzte Schwarz-Weiß-Kontraste mit jenem Silberglanz verbinden, der den "Rosenkavalier" auszeichnet.
Jakob Peters-Messer verknüpft eine ausgefeilte Personenregie mit präzis durchchoreographierten Massenszenen, in denen Chor und Statisterie des Landestheaters eine Fülle von kleinen Rollen höchst lebendig gestalten. Für die zentralen Szenen findet Peters-Messer immer wieder schlüssige und einleuchtende Lösungen - auch für die Überreichung der silbernen Rose, die hoch zu Ross erfolgt und ironische Distanz mit zarter Poesie verbindet.
Coburgs Generalmusikdirektor Roland Kluttig beeindruckt als jederzeit souveräner Richard-Strauss-Interpret, der auch in den dichtesten Klangwoben stets den Überblick behält und die Solisten nie zum Forcieren zwingt. Sängerisch beeindruckt dieser Coburger "Rosenkavalier" bis in die kleinen Nebenrollen hinein. Das gilt für Betsy Horne als Feldmarschallin mit ihrer fein differenzierten Ausdrucksfülle ebenso wie für Verena Usemann mit schattierungsreichem Mezzosopran als Octavian.


Schwelgerischer Wohlklang

Ein fulminantes Rollen-Debüt als Baron Ochs auf Lerchenau gelingt Michael Lion mit seinem wandlungsfähigen Bass und seinem lebendigen Spiel. Zudem beweist Anna Gütter, dass sich die gern unterschätzte Partie der Sophie, die eigentlich dem Baron Ochs versprochen ist, sehr wohl lebendig und differenziert gestalten lässt. In der Partie des Faninal beeindruckt Peter Schöne als Gast mit lyrischem Bariton.
Garant für präzisen instrumentalen Wohlklang ist das Philharmonische Orchester, das unter Roland Kluttigs Leitung schwelgerische Fülle demonstriert, aber auch viele filigrane Verästelungen der raffiniert orchestrierten Partitur hörbar werden lässt. Auch dafür gibt es am Ende verdiente Bravo-Rufe. Der neue Coburger "Rosenkavalier" ist allemal einen Besuch wert.



Sie bringen den "Rosenkavalier" auf die Bühne

Termine Richard Strauss "Der Rosenkavalier", 9., 17. März, 18.30 Uhr, 27. März, 3. April, 17 Uhr, 7. April, 18.30 Uhr, 10. April, 15 Uhr, 15., 19., 22. April, 11. Mai, 18.30 Uhr, Landestheater Coburg

Produktions-Team
Musikalische Leitung: Roland Kluttig; Inszenierung: Jakob Peters-Messer; Bühnenbild Markus Meyer; Kostüme: Sven Bindseil; Dramaturgie: Renate Liedtke; Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio

Die Besetzung
Die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg: Betsy Horne
Der Baron Ochs auf Lerchenau: Michael Lion
Octavian: Verena Usemann
Herr von Faninal: Peter Schöne
Sophie Ana Cvetkovic-Stojnic/Anna Gütter*
Jungfer Marianne Leitmetzerin: Heidi Lynn Peters/Joanna Stark
Valzacchi: Dirk Mestmacher
Annina: Gabriela Künzler
Ein Notar/Ein Polizeikommissar: Felix Rathgeber
Der Haushofmeister bei der Marschallin: Sascha Mai
Der Haushofmeister bei Faninal/Ein Wirt David Zimmer
Ein Sänger: José Milen Bozhkov
Drei adelige Waisen: Luise Hecht, Stefanie Schmitt, Eva-Maria Fischer / Tomomi Fujiyama, Emily Lorini, Tomoko Yasumura
Eine Modistin: Gabriele Bauer-Rosenthal/Monika Tahal*
Ein Tierhändler: Marino Polanco
Vier Lakaien der Marschallin: Jan Korab, Kostas Bafas, Martin Trepl, Marcello Mejia-Mejia / Jaehan Bae, Tae-Kwon Chu, Simon van Rensburg, Thomas Unger
Vier Kellner: Jaehan Bae, Jan Korab, Martin Trepl, Marcello Mejia-Mejia / Kostas Bafas, Marino Polanco, Simon van Rensburg, Thomas Unger
Kutscher: Thomas Unger, Sergiy Zinchenko
Hausknecht: Freimut Hammann
Musikanten: Tae-Kwon Chu, Sascha Mai
Die Lerchenauer: Freimut Hammann, Marcello Mejia-Mejia, Martin Trepl, Thomas Unger

Chor des Landestheaters,
Kinderchor des Landestheaters, Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg,
Statisterie