Das mutmaßliche Opfer war für den Richter glaubwürdig, am Ende sprach er die Angeklagte aber frei - wegen eines polizeilichen Ermittlungsfehlers!

In einem ersten Prozess war die Coburgerin Irene K. schuldig gesprochen worden wegen wegen Beleidigung in Tateinheit mit Bedrohung - Urteil: drei Monate Haft ohne Bewährung. Gestern dann das Berufungsverfahren vor dem Landgericht Coburg.

Rückblick: Die Coburgerin soll im Herbst 2019 in der Nähe des Jobcenters eine damals 12-Jährige, im Irak geborene Schülerin zunächst wegen ihres Kopftuches schikaniert ("Jetzt tragen schon Kinder dieses Kopftuch") und später auch bedroht haben ("Wenn ich dich nochmal sehe, bringe ich dich um").

Die betroffene Schülerin wurde per Videoschalte befragt - so sollte eine Konfrontation mit der Angeklagten vermieden werden. Denn bereits zu Beginn der Hauptverhandlung war die Atmosphäre im Gerichtssaal spannungsgeladen.

Die Angeklagte verstand nach eigener Aussage den zuständigen Richters Halves akustisch nicht, dieser reagierte und leitete die Verhandlung - ohnehin mit Mikrofon ausgestattet - fortan fast schreiend. Immer wieder versuchte Halves die 70-Jährige in ihren ausufernden Ausführungen einzubremsen, doch selten erfolgreich. Seit mehreren Jahren steht die redegewandte Beschuldigte Irene K. im Konflikt mit dem Gesetz: Sachbeschädigung, Körperverletzung, falsche Verdächtigung, Beleidung - meist mit fremdenfeindlichem Hintergrund. Die gelernte Landwirtin hingegen sieht sich im Mittelpunkt einer Verschwörung gegen ihre Person. Zum Tatvorwurf sagte sie am Ende: "Ich habe in meinem Leben noch nie jemanden bedroht oder beleidigt."

Nur ein Foto vorgelegt

Die Schülerin hingegen schilderte glaubhaft die Beleidigung und die Bedrohung, auch wenn sie sich nicht mehr an alle Einzelheiten genau erinnerte. Entscheidend war am Ende aber die Polizeiarbeit. Der Richter wollte wissen, welche Fotos dem Opfer zur Identifizierung der mutmaßlichen Täterin vorgelegt worden waren - und auf welche Weise. Eine entscheidende Frage, denn in solchen Ermittlungen werden bewusst auch Bilder von Menschen gezeigt, die den Verdächtigen ähneln. Die Schülerin gab dazu an, dass alle Bilder auf dem Tisch lagen. Ein Polizist sagte aber als Zeuge aus, dass die Bilder in Buchform, zum Umblättern, vorgelegt wurden.

Also wurde kurzerhand eine weitere Zeugin geladen, ebenfalls eine Polizistin. Und die sagte das Entscheidende aus: In der ersten Vernehmung habe die Schülerin nur ein einziges Foto, eines der Beschuldigten, zu sehen bekommen.

Strafverteidigerin Mareen Basler in ihrem Plädoyer: "Ja, die Mandantin hat mannigfaltige Vergehen dieser Art begangen und der Verdacht ist naheliegend. Doch die Beweisführung ist schlichtweg unzureichend." Bekomme man nur ein Bild zu sehen, manifestiere sich das im Kopf des Betrachters.

Richter Halves folgte dieser Einschätzung. Der Fehler, nur ein einziges Bild und nur eine einzige mögliche Täterin zu zeigen, führte zum Freispruch. Zwar seien die Zeugenaussagen glaubhaft und die Tat habe sich auch definitiv so zugetragen. Doch die Beweisqualität habe unter diesem Fehler der polizeilichen Ermittlungsarbeit derart gelitten, dass das vorherige Urteil nicht aufrechterhalten werden könne.