Was hat Walzerkönig Johann Strauß mit Sergej Prokofjew zu tun? Was verbindet das Leben von Prinzessin Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha mit Peter Tschaikowsky? Das poetisch-musikalische Festival "Russischer Herbst in Coburg" lieferte interessante Antworten. Denn Russland wurde für sie alle zum Schicksal - auch wenn nicht alle von ihnen in Russland geboren wurden und nicht alle dort starben.

Der 140. Geburtstag der Prinzessin aus dem Hause Sachsen-Coburg und Coburg bot den äußeren Anlass für ein zweitägiges Festival, das vom Zentrum russischer Kultur in München (MIR) konzipiert und organisiert wurde. Pianisten und Sänger, Schauspieler und Literaten gestalteten gemeinsame Programme, die immer wieder spannende und oftmals auch unvermutete Verbindungslinien sichtbar werden ließen. So komponierte Peter Tschaikowskij sein berühmtes Ballett "Schwanensee" genau in jenem Jahr, in dem Prinzessin Victoria Melita als Enkelin von Queen Victoria und des russischen Zaren Alexander II. geboren wurde.


Scheidung wird zum Skandal

Wolkenloses Glück beflügelt die Fantasie von Dichtern und Komponisten offenkundig weniger als dramatische Verwicklungen, Leid und Entsagung, als das Ringen um Glück. Davon erzählt die Schriftstellerin Tatjana Kuschtewskaja in ihrem Band "Am Anfang war die "Frau". Darin geht es in 19 Porträts im Frauen berühmter Künstler und ihr Schicksal, ein Leben im Schatten zu führen und nur allzu oft erfahren zu müssen, dass sie betrogen wurden.

Dass freilich auch adelige Herkunft, ein Leben im Glanze eine herzoglichen Hofes oder gar des Zarenhofes keine Garantie für Glück sind - davon erzählt das Leben der Ducky genannten Prinzessin Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha auf sehr anschauliche Weise. Die erzwungene erste Ehe mit Ernst Ludwig, Großherzog von Hessen, bleibt auch im geschichtlichen Rückblick eine Verbindung, die unter keinem guten Stern stand - bis zur Scheidung 1901, die damals einen veritablen Skandal bedeutete.

Und auch die schließlich gegen viele Widerstände durchgesetzte Hochzeit 1905 mit Großfürst Kyrill Wladimirowitsch wurde für sie nicht zum Beginn einer Reise ins Glück. Nach der Revolution des Jahres 1917 ging das Paar ins Exil, lebte vorübergehend auch in Coburg (noch heute erinnert das Kyrill-Palais neben dem Landestheater daran) und übersiedelte schließlich nach Frankreich, wo sich Kyrill Wladimirowitsch 1924 in Paris selbst zum russischen Kaiser im Exil ernannte. Nicht verschwiegen wurde ihre bedenkliche Nähe zur NSDAP schon in den frühen 1920er Jahren.


Große Gefühle, große Gesten

Den Sound-Track zur Lebensgeschichte der Prinzessin lieferten der Pianist Alexey Kudryashov und die Sopranistin Olga Agejewa mit Musik von Alexander Skrjabin und Boris Bernstein. Überhaupt die Musik: Sie belegte bei diesem zweitägigen Festival im Riesensaal der Coburger Ehrenburg das russische Faible für Pathos und große Gefühle, die gerne mit ebenso großen Gesten in Szene gesetzt werden.

Schicksal Russland - für Walzerkönig Johann Strauß meinte dies eine ebenso leidenschaftliche wie zwiespältige Liebesbeziehung zur komponierenden Aristokratin Olga Smirnitskaja, die zu seiner Petersburger Muse wurde. Das war gut drei Jahrzehnte, bevor Strauß Coburger Bürger wurde, um in dritter Ehe seine Adele heiraten zu können.


Tschaikowsky-Soiree

Der Sonntag dieses "russischen Herbstes" widmete sich zunächst Sergej Prokofjew und der spanischen Sängerin Lina Codina Llubera, die der Komponist in den 1920er Jahren im oberbayerischen Ettal heiratete. Ebenfalls eingebunden in diesen russischen Herbst in Coburg: die Liebesgeschichte zwischen dem Poeten Rainer Maria Rilke und Lou Andreas Salome, einer gebürtigen Petersburgerin.

Als Abschluss dann eine musikalische Soiree - gewidmet Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, der einst Bewunderer des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. war und sich von dessen fantastischer Welt inspirieren ließ zu seinem Ballett Schwanensee.


Mitwirkende und Hauptpersonen des Festivals "Russischer Herbst in Coburg"


Prinzessin Victoria Melita von Sachsen-Coburg und Gotha, Großfürstin von Russland, wurde am 25. November 1876 in Valletta auf Malta geboren. Als Enkelin von Königin Victoria war sie ein Mitglied der britischen königlichen Familie. Durch ihre Ehen mit Großherzog Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt und später mit Großfürst Kyrill Wladimirowitsch Romanow trug sie die Titel einer Großherzogin von Hessen und unter dem Namen Viktoria Feodorowna den einer Großfürstin von Russland. Während der russischen Revolution 1917 flüchtete Victoria mit ihrer Familie nach Finnland (bis 1919). Anschließend lebten sie in Nizza und besuchten gelegentlich Coburg. Später lebte das Paar in Saint-Briac-sur-mer in Frankreich. Victoria starb am 2. März 1936 und wurde im Mausoleum der herzoglichen Familie in Coburg beigesetzt. 1995 wurden ihre sterblichen Überreste zusammen mit denen ihres zweiten Ehemanns in die Familiengruft der Romanows in die Peter-und-Paul-Kathedrale in Sankt Petersburg überführt.

Mitwirkende Olga Agejewa (Sopran), Maria Belanovskaya (Domra), Tatjana Furtas (Sopran), Arthur Galiandin (Schauspieler), Frits Kamp (Bassbariton), Alexey Kudryashov (Klavier), Tatjana Kuschtewskaja (Autorin), Tatjana Lukina, Antonio Mansolillo (Klavier), Artur Medvedev (Violine), Jekaterina Medvedeva (Klavier), Vladimir Panteleev (Cello), Cornelia Pollak (Schauspielerin), Svetlana Prandetskaya (Sängerin), Anna Sutyagina (Klavier), (Schauspieler), Karin Wirz (Schauspielerin)