Was ging da 2020 in der Leopoldstraße vor sich? Immer wieder bekamen Kunden, die dezent danach gefragt hatten, kleine Tütchen zugesteckt. Inhalt: eine bröckelige Substanz, die den jeweiligen Empfänger schon bald in ungeahnte Glücksgefühle versetzte. War das etwa Hasch? Oder eine andere Droge? Nein - ganz einfach Hefe!

Ricarda Merkel und Uwe Schinzel müssen lachen, als sie diese Anekdote erzählen - zeigt sie doch, welch verrücktes Jahr da auch hinter den beiden Mitarbeitern der Coburger Bäckerei Weber liegt. "Nach Hefe hat bei uns seit bestimmt 20 Jahren niemand mehr gefragt", schätzt Uwe Schinzel. Doch im ersten Lockdown der Corona-Pandemie war Hefe plötzlich - ähnlich wie Toilettenpapier - heiß begehrt und mitunter nur noch schwer zu bekommen. "Wir benötigen in unserer Backstube in Lützelbuch pro Woche gut einen Zentner Hefe", erzählt Uwe Schinzel. Und wenn dann mal wieder ein Kunde nach Hefe fragte ("Gewünscht waren ja meist nur 50 Gramm!"), habe man gerne etwas abgeben können - liebevoll abgepackt in kleine Tütchen.

Es herrscht eben eine familiäre Atmosphäre rund um den Kiosk in der Leopoldstraße. Doch diese "Familie" musste 2020 auf Abstand gehen. Die Hygieneregeln hatten (und haben bis heute) zur Folge, dass sich immer nur ein einziger Kunde in dem Kiosk aufhalten darf. Das bringt sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich. "Es nimmt die Hektik", sagt Ricarda Merkel - aber gleichzeitig bleibe leider der kleine Plausch, der sich manchmal ganz automatisch ergibt, komplett auf der Strecke. In "normalen Zeiten" steht ja zum Beispiel der eine Kunde noch im Kiosk, während der nächste Kunde bereits bedient wird - und ein dritter Kunde steht vielleicht noch daneben und spielt Lotto oder trinkt einen Kaffee.

Apropos Lotto: Ricarda Merkel berichtet, dass die Zahl derer, die es mal mit dem Glücksspiel versuchen, seit dem ersten Lockdown durchaus etwas zugenommen hat - allerdings ohne spürbaren Erfolg.

Plötzlich auch noch Glücksfee

Kompliziert wurde es mitunter, wenn ein Kunde im Kiosk nach Lotterielosen fragte. "Anfangs durfte kein Kunde selber in die Lostrommel greifen", erinnert sich Ricarda Merkel, die dann sozusagen auch noch den Job der Glücksfee übernehmen musste und stellvertretend für den Kunden ein Los herauszog. In der Zwischenzeit wurden diese Auflagen allerdings etwas gelockert.

Aber zurück zum Kerngeschäft der Bäckerei. "Wir haben uns bislang gut durchgekämpft", sagt Uwe Schinzel und ist seinem Chef Frank Weber vor allem dafür dankbar, dass bei der kleinen Bäckerei keine Kurzarbeit erforderlich wurde - und das, obwohl Uwe Schinzel den Umsatzrückgang auf bis zu 40 Prozent schätzt. Nachdem im ersten Lockdown die Belieferung von Schulen, Kindergärten oder auch Gaststätten komplett weggebrochen sei, folgte als nächste schwere Phase das "Sommerloch": keine Feste, keine Feiern. "Normal haben wir pro Woche locker einen Großauftrag, bei dem dann etwa für einen Polterabend mal eben 200 Semmeln benötigt werden."

Wie wir im ersten Lockdown über Ricarda Merkel und Uwe Schinzel berichtet haben, lesen Sie hier

Der zweite Lockdown ähnelt jetzt sehr dem ersten, wobei auch das Home-Office direkte Auswirkungen hat. "Wir beliefern unter anderem eine sehr große Firma", erzählt Uwe Schinzel - "seit Wochen ist die Bestellung aber nur noch die halbe Menge im Vergleich zu früher." Gut gelaufen sei dafür das Weihnachtsgeschäft mit Plätzchen und (Leb-)Kuchen: "Da hat man gemerkt: Die Leute wollen sich etwas gönnen!"

Grundsätzlich sieht Uwe Schinzel in der Qualität, die vom Bäcker- und Konditorenhandwerk geliefert wird, durchaus eine Chance in der Krise - zumal das Thema "gesunde Ernährung" im Zuge der Corona-Pandemie ja deutlich an Bedeutung gewonnen habe. Uwe Schinzel weiß aber auch: "Menschen, die total aufs Geld schauen müssen, gehen trotzdem zum Discounter und kaufen dort ihr Brot."

Doch selbst wenn die Corona-Pandemie manches Loch in den einen oder anderen Geldbeutel gerissen hat: Ricarda Merkel und Uwe Schinzel sind froh, dass die ganz überwiegende Zahl der (Stamm-)Kunden dem kleinen Kiosk die Treue gehalten hat. "Viele waren und sind in den Lockdowns einfach nur dankbar, dass wir noch da sind", sagt Ricarda Merkel und erzählt von einer besonders glücklichen Kundin, die ihr vor Weihnachten sogar ein Geschenk vorbeigebracht habe.

Und wie wird 2021? Hoffentlich besser - und dafür, dass es auch schöner wird, sind rund um den Kiosk ohnehin schon Vorbereitungen getroffen worden. Denn am Johann-Strauß-Platz als Kreuzungspunkt von Leopoldstraße, Pilgramsroth und Elsässer Straße wurde 2020 einiges baulich verändert. Der Kiosk steht jetzt sozusagen nicht mehr auf einer Insel, um die rundherum der Verkehr fließt, sondern es gibt auf einer Seite einen abgesperrten Bereich. Zu Beginn war das ein Nachteil für den Kiosk, wie Uwe Schinzel erklärt - denn für Autofahrer ist es dadurch etwas schwieriger geworden, "nur mal eben schnell" beim Bäcker anzuhalten.

Mittelfristig soll der Kiosk aber von der Umgestaltung profitieren, weil mehr Platz für eine Außenbewirtschaftung ist. Theoretisch hätte dieser Platz auch 2020 bereits genutzt werden können. Doch mit Blick auf immer wieder neue Auflagen und Verbote erschien es dem Bäckerei-Team einfacher, lieber gleich komplett darauf zu verzichten. Dafür soll dann 2021 neu durchgestartet werden. "Wir kriegen das gebacken", ist sich Uwe Schinzel sicher und lacht.