Tobias verbrachte viele Stunden am Bett seiner Frau auf der Intensivstation des Klinikums in Bayreuth. Nach einem Zeckenstich hatte sie die schwerste Verlaufsform von FSME und musste ins künstliche Koma versetzt werden. In diesen endlos erscheinenden Wochen hieß es dreimal Abschied nehmen, und er bekam von den Ärzten den Hinweis, "sich um alles Nötige zu kümmern".

Für Tobias, der auch seine neugeborene Tochter auf der Kinderintensivstation täglich für mehrere Stunden besuchte - es war unklar, ob sich der Erreger über die Plazenta auch aufs Kind übertragen hatte - war das eine unerträgliche Zeit. Daheim musste ja auch Sohn Florentin betreut werden. "Ich war so verzweifelt, saß bei Juli und versprach ihr mehrmals, dass ich sie gerne noch einmal heiraten würde, wenn sie wieder da ist." Egal wie es ausgehe, Tobias wollte zu ihr stehen und für sie da sein - in guten wie in schlechten Tagen. Ob das die 29-Jährige hörte und verstand, wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht.

Juliane bekam in der Schwangerschaft FSME: Große Überraschung nach dem Koma

Der Aufwachprozess zog sich über mehrere Wochen. Es dauerte sehr lange, bis sie Fragen mit Ja oder Nein beantworten konnte, indem sie mit der rechten oder linken Hand zuckte. Im weiteren Verlauf konnte sie ihre Zunge herausstrecken, wenn sie ein Ja sagen wollte. Um sich zu äußern wurde schließlich ein Eye-Tracking-Computer zur Hilfe genommen, den sie mit den Augen steuern konnte. "Es dauerte eine halbe Ewigkeit bis es funktionierte, da ihr vor Erschöpfung ständig die Augen zufielen. Außerdem schauten ihre Pupillen durch die Stammhirnschädigung in unterschiedliche Richtungen. Das Gerät schrieb also immer etwas anderes und Juli musste immer wieder von vorne anfangen", erinnert sich Tobias.

Doch dann kam die große Überraschung, die alle im Raum zu Tränen rührte: Statt dass die schrieb, was sie dringend braucht, ob sie Schmerzen hat oder wie es den Kindern geht, schrieb sie: "Was machen wir am Samstag, den 30. Juli, was machen wir da?" Das war ihr Hochzeitstag. Vor fünf Jahren hatten sie geheiratet. "Da war mir klar, dass sie meine Worte im Koma verstanden hatte", sagt er.

Der Weg bis nach Hause war noch steinig und lang. Juliane, die kopf-abwärts nahezu gelähmt ist, musste eine Reihe von Komplikationen und Operationen hinter sich bringen. Nur langsam verbesserte sich ihr Zustand. Mittlerweile kann sie ihre Hände und Arme leicht bewegen. Auch das Sprechen macht Fortschritte. Dennoch kann nicht von einem stabilen Zustand gesprochen werden. Ein Pflegedienst, Therapeuten, Logopäden und natürlich Tobias kümmern sich rund um die Uhr um sie. Mit einer Haushaltshilfe, einer Kinderbetreuung und mit Hilfe von Oma und Opa versucht Tobias sein Familienleben am Laufen zu halten.

Kosten für Pflege wachsen Familie über den Kopf

Juliane liegt im Pflegebett im Wohnzimmer, wird über eine Magensonde künstlich ernährt und muss regelmäßig gedreht und abgesaugt werden. Tobias, Berufsschullehrer in Kronach, hat einen Berg von neuen Aufgaben zu bewältigen. "Die Krankheit hat unser Leben völlig aus der Bahn geworfen", sagt er. Neben den täglichen Herausforderungen muss er sich um den behindertengerechten Umbau des Hauses und um ein neues rollstuhlgerechtes Fahrzeug kümmern. Auch ein Fahrstuhl soll eingebaut werden, damit Juliane in die Kinderzimmer kommt und in ihr Arbeitszimmer. Ihr großes Ziel ist es wieder zu arbeiten. "Die Kosten wachsen uns über den Kopf." Ersten Schätzungen zufolge müssen etwa 350000 Euro investiert werden. Noch dazu ist das Haus nicht abbezahlt und Tobias muss aus Studienzeiten seinen BaföG-Kredit zurückzahlen.

Der Spendenverein "Franken helfen Franken", den die Mediengruppe Oberfranken ins Leben gerufen hat, möchte deshalb die Familie finanziell unterstützen.

Doch kommen wir zum 2. August diesen Jahres: Es ist drei Tage nach dem fünften Hochzeitstag und die Taufe der kleinen Laurena, die sich nach ihrer Zeit auf der Frühgeborenenstation prächtig erholt hat, steht vor der Tür.

Julianes Geheimnis: "Ich war wirklich platt"

Juliane, die in ihrem Traumberuf als Standesbeamtin gearbeitet hatte und zuletzt Standesamtaufsicht in Coburg war, wollte wieder Dinge selbst in die Hand nehmen, was durch das spezielle Lagern der Arme und Hände nun möglich war. "Sie gab vor, Laurenas Taufe zu planen und war über ihre Grenzen hinaus Tag und Nacht am Handy. Ich appellierte an sie, sich nicht zu übernehmen, doch sie wehrte ab und verriet, dass sie eine Überraschung für mich plane."

Und dann kam der Morgen des 2. August. Tobias reparierte den Rollstuhl, mit dem Juliane ein paar Tage zuvor gestürzt und auch kurzzeitig im Krankenhaus war. "Ich wunderte mich, dass Juli sich so aufbrezelte und auch die Friseurin kam, freute mich aber zugleich, dass sie sich mal wieder schick machen wollte."

Auf dem Parkplatz vorm Wasserschloss in Mitwitz sah Tobias dann die Autos seiner Kollegen stehen und auch Leute aus dem Klinikum Bayreuth. Kamen die alle zur Taufe? Juli lüftete schließlich ihr Geheimnis. Sie hatte die Erneuerung des Eheversprechens mit eingeplant. "Ich war wirklich platt und unglaublich gerührt über die überraschende Zeremonie", erzählt der 35-Jährige. "Während des Gottesdienstes musste ich ständig nur weinen. Ich war glücklich, dass ich sie noch hatte und sie am Leben und voll da war, dass sich unsere Kinder so prächtig entwickeln. Ich bin so dankbar für jeden Tag, den wir gemeinsam als Familie haben und täglich aufs Neue stolz auf meine wundervolle, unvorstellbar starke Kämpferin."

Was ist eigentlich FSME?

FSME ist die Abkürzung für "Frühsommer-Meningoenzephalitis". Hierbei handelt es sich um eine Gehirn-, Hirnhaut- oder Rückenmarkentzündung, die durch Viren verursacht wird. Diese Viren werden durch Zeckenstiche übertragen.

Vorkommen Bayern ist FSME-Risikogebiet. Im Jahr 2020 wurde mit 704 FSME-Erkrankungen die bislang höchste Anzahl Erkrankungen seit 2001 gemeldet. In Deutschland erkranken am häufigsten Erwachsene ab 40 Jahre.

Impfung Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt allen Personen, die sich in FSME-Risikogebieten aufhalten oder dort wohnen, einen Impfschutz gegen FSME als sichersten Schutz vor der Krankheit.

Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Franken helfen Franken

Spendenaktion Die Mediengruppe Oberfranken erreicht über ihre Zeitungen sowie ihr Internetangebot jeden Tag unzählige Menschen. Das nutzt die mgo, um Hilfsbedürftigen in ganz Franken zu helfen. Seit 2009 gibt es daher den Spendenverein "Franken HELFEN Franken". Alle Spenden gehen zu 100 Prozent an gemeinnützige Organisationen und in Not geratene Menschen in der Region. Die Verwaltungskosten übernimmt die Mediengruppe Oberfranken.

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Verwendungszweck: Juliane

Das Coburger Tageblatt und "Franken helfen Franken" möchten Juliane Kuhnlein und ihre Familie unterstützen. Die Spenden gehen an den Förderverein für den Bunten Kreis Bayreuth, der das Geld weiterleitet.