Am blauen Memoboard vorn im Klassenzimmer klebt ein Zettelgewirr in Rosa, Grün und zweierlei Gelb. "Das sind unsere Themengebiete nach Ländern geordnet", erläutert der federführende Projektleiter Jochen Hümmrich-Welt vom Gymnasium Ernestinum. 50 Schülerinnen und Schüler aus Polen, Tschechien, Ungarn und Coburg haben sich Gedanken gemacht über das, was in den nächsten zwei Jahren von den vier Partnerschulen in Krakau, Prag, Siófok und Coburg an Themen behandelt werden soll. "Wir gucken jetzt, was bleibt und was rausfällt."
Mehr als 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union nehmen am Comenius-Projekt teil, einer Bildungskooperation von 1995. Es dient dem Zweck der europäischen Integration und Verständigung zwischen den Völkern der einzelnen Länder.
Eine ganze Woche haben sich Lehrer und Schüler Zeit genommen für die Auftaktveranstaltung zum neuesten Projekt, bei dem sich die Jugendlichen intensiv mit der jüngsten Vergangenheit ihrer Länder und dem Wegfall des Eisernen Vorhangs beschäftigen sollen. Themen wie Geheimpolizei, Beziehungen zwischen den Ländern nach 1989, Kommunismus und Prager Frühling fallen in die Sparte Politik und Geschichte. Aber auch Schwerpunkte aus Kunst, Kultur und Musik sollen nach Meinung der jungen Europäer nicht zu kurz kommen.
"Am Ende des zweijährigen Projekts soll eine viersprachige Broschüre herauskommen", beschreibt Jirko Heinz, Lehrkraft am Gymnasium in Prag das Ziel.
Ein Thema ist beispielsweise "Tuzex". Karolina Bukovska (18) aus Tschechien erklärt, was damit gemeint ist: "Bei uns herrschte Mangel an Kleidung und Jeans. Tuzex ist ein Geschäft, in dem mit Bons bezahlt wurde. Dort standen die Menschen Schlange."
Alle Schüler und Lehrer sprechen deutsch, Verständigungsprobleme gibt es keine. "Fast jeder Schüler am Ernestinum hat einen Gastschüler bei sich beherbergt", erzählen Rieka Rittsteiger und Sophia Ernst aus Coburg. "So konnten die Gäste die deutsche Kultur noch besser kennenlernen und hatten gleich Familienanschluss." Ein straffes Programm hielt die Teilnehmer die ganze Woche über auf Trab: Die Besichtigung der Stadt und der Veste, Vierzehnheiligen, Kloster Banz, Bamberg, Weimar sowie das Konzentrationslager in Buchenwald standen ebenso auf dem Programm wie ein fränkischer Abend in Seßlach, ein Besuch des Landestheaters und sogar ein fränkischer Mini-Sprachkurs. "Die Woche war sehr anstrengend", sagen die beiden Schülerinnen, sind aber genau wie Gäste und Lehrer begeistert von dem Projekt.
Eine Stunde später sieht das Memoboard schon ganz anders aus: Es ist übersichtlich sortiert, die jungen Europäer haben flott gearbeitet. In den folgenden zwei Jahren werden die Themen, die übrig bleiben, intensiv behandelt. "Jedes Land kommt als Gastgeber dran", sagt Jirko Heinz. "Aber es werden nicht immer die gleichen Schüler dabei sein." Das nächste Treffen wird es voraussichtlich schon im kommenden Frühjahr in Prag geben, im Oktober folgt Krakau und Anfang 2014 werden die Ernestiner zu Gast in der Partnerschule im ungarischen Siófok sein.
"Wir Lehrer möchten das 20. Jahrhundert mit einbeziehen", sagt Anna Maria Kyziol, Lehrkraft für Deutsch und Sozialwissenschaften in Krakau. Gerne würden sie - wenn Zeit bleibt - auch näher auf die Mittelalter-Geschichte der jeweiligen Länder eingehen. "In Krakau haben viele Polen, Ungarn und Deutsche friedlich zusammen gelebt. Das war sozusagen die erste europäische Gemeinschaft."