Wo für die einen das Leben endet, beginnt es für die anderen. Das gilt im Wald in ganz besonderer Weise. Daher gehört es zum Naturschutzkonzept der Bayerischen Staatsforsten (BaySF), einen bestimmten Anteil an Totholz in den Wäldern des Freistaats zu erhalten. Was manchem ordnungsliebenden Spaziergänger ein Dorn im Auge sein mag, ist in Wirklichkeit ein Hort der Artenvielfalt mit größter Bedeutung für die Zukunft unserer Wälder.

Albert Schrenker als Leiter des Forstbetriebs Coburg der BaySF und Frank Reißenweber als Fachkraft für Arten- und Biotopschutz am Landratsamt, suchen nach geeigneten Waldflächen, die dann aus der Nutzung genommen werden. Dort bleiben dann sterbende Bäume dem Kreislauf der Natur erhalten. "Im Staatswald soll eine möglichst große Zahl an Trittsteinen für den Waldnaturschutz vorhanden sein", nennt Albert Schrenker ein Ziel aus dem Naturschutzkonzept der BaySF.
Ein Ziel, das zu dem des Naturschutzgroßprojektes "Das Grüne Band" in der Region passt, wie Frank Reißenweber erklärt, der auch für den Zweckverband des Projekts tätig ist. Dessen Planungsraum umfasst mehr als 8000 Hektar.


Ziele festgelegt

Von etwa zehn Biotopbäumen je 100 Hektar Wald geht das Konzept der BaySF aus. "Es sollten aber nicht nur einzelne alte Bäume sein", betont Reißenweber. Zwar sind solche Bäume, die von Forstleuten als Methusalems bezeichnet werden, auch wertvoll, wenn sie alleine stehen. Mobile Arten wie Spechte, Hohltauben, Käuze und Fledermäuse, oder Siebenschläfer finden sie und nutzen sie, bis sie fallen. Doch gibt es Arten, die es nicht bis zum nächsten sterbenden Baum schaffen können, wenn der, von dem sie bisher gelebt haben, einmal ganz vergangen ist. Bestimmte Käfer gehören dazu, die kaum mehr als 50 Meter Aktionsradius leisten können. Damit sie dauerhaft existieren können, muss ihr Totholzhabitat Teil einer ganzen Fläche mit sterbenden Bäumen sein. Daher werden jetzt Inseln mit einer Fläche von 0,2 bis zu etwa einem Hektar als solche Insellebensräume ausgewiesen.

Gezielt werden dort Bäume stehen gelassen, die eine bestimmte Stärke erreicht haben. Eichen, Tannen oder Fichten mit einem Durchmesser auf Brusthöhe von einem Meter oder mehr werden nicht gefällt. Bei anderen Baumarten wie etwa der Buche oder Esche reichen 80 Zentimeter. Dicke alte Eichen mit mehr als 350 Jahren auf der Borke oder Buchen, die einmal älter geworden sind als 160 Jahre, bleiben auch in der Fläche stehen. "So starke Stämme werden heute von den Sägewerken auch kaum noch nachgefragt", erklärt Albert Schrenker.
"Es gibt sogar einen Beschluss des Bundeskabinetts, dass mittelfristig zehn Prozent der staatlichen Wälder aus der Bewirtschaftung genommen werden sollen", ergänzt Frank Reißenweber. Ein Ziel, das noch lange nicht erreicht ist, aber zeigt, wie wichtig der Erhalt der Artenvielfalt in den Wäldern genommen wird, so Reißenweber.


Bereits gute Basis

Die Region ist allerdings auf einem guten Weg, was dieses Ziel angeht. Seit Jahren gibt es mit dem so genannten Bannwald Schwengbrunn bei Oberwohlsbach ein 25 Hektar (etwa 50 Fußballfelder) umfassendes Gebiet, das ganz sich selbst überlassen bleibt und unter Naturschutz steht. "Das wollen wir um 18 Hektar erweitern", erklärt Albert Schrenker. Zusammen mit den Stilllegungen, die jetzt vorgenommen werden, kommt der Forstbetrieb auf etwa 65 Hektar Gesamtfläche, die aus der Bewirtschaftung genommen wird. "Dazu kommt noch eine beachtliche Fläche am ehemaligen Übungsplatz Lauterberg, die dem Bundesforst untersteht", ergänzt Frank Reißenweber. Damit sei der Landkreis wohl schon deutlich über der Fünfprozentmarke angekommen.


Kreislauf erhalten

Damit der Kreislauf zwischen Wachstum und Zersetzung im Wald gut funktioniert, müssen Organismen vorhanden sein, die gefallenes Laub, Nadeln und eben Holz zersetzen und wieder als Nahrung für die nächsten Pflanzengenerationen zur Verfügung stellen. Wo alles organische Material entnommen wird, verarmt der Boden, wird er regelrecht ausgelaugt. Das gilt es zu verhindern.
Dass die Forstbetriebe der BaySF dabei auch ein Interesse daran haben, Holz als umweltfreundliches Baumaterial zur Verfügung zu stellen - also den Wald zu bewirtschaften - widerspricht den Interessen des Naturschutzes nicht, wie Frank Reißenweber betont. Allerdings sind von allen Wäldern in öffentlicher und privater Hand zusammen zurzeit gerade etwa ein Prozent als naturbelassene, der Nutzung entzogene Wälder erfasst.


Hoffnung auf Rückkehrer

Mit der Verbesserung des Lebensraumes durch einen höheren Anteil von Totholz, sei es stehend oder liegend, verbinden die Naturschützer die Hoffnung auf eine Rückkehr verschwundener Arten. So ist etwa der Weißrückenspecht aus dem Coburger Land verschwunden. Ebenso der Halsbandschnäpper, der kommt allerdings im nahen Thüringen noch vor und könnte die Region wieder erreichen, wenn denn ausreichend geeigneter Lebensraum vorhanden wäre. Schneller geht es bei der Verbreitung von Pilzen, deren Sporen durch die Luft eingetragen werden können.

Wie der Erfolg in Zukunft auch aussehen mag - er ist das Ergebnis einer ausgezeichneten Zusammenarbeit von Forstbetrieb und Naturschutz im Coburger Land. Eine Zusammenarbeit, die keineswegs selbstverständlich ist, wie Schrenker und Reißenweber ausdrücklich betonen.