Und noch einmal Friedrich Rückert, sogar nochmal im großen Stil. Mit der Ausstellung "Der Weltpoet. Friedrich Rückert 1788 - 1866. Dichter, Orientalist, Zeitkritiker" geht das Rückert-Jahr 2016 anlässlich seines 150. Todestages in die Verlängerung. Bis Mitte April wird nun auch im Pavillon des Kunstvereines, präsentiert von der Stadt Coburg selbst, der von Rückerts Geburtsstadt Schweinfurt initiierte Querschnitt durch das Leben des Dichters und Orientalisten gezeigt. Zwischendurch war die Schau in Rückerts Lern- und Lehrort Erlangen zu sehen.
Jetzt ist sie da angelangt, wo Rückert sich am wohlsten fühlte, wie es Ausstellungsmacher Rudolf Kreutner formulierte, wo er seine Liebe bis über den Tod hinaus, Luise, heiratete, wo er ab 1838 bis zu seinem Tod 1866 auch in seiner Seele niedergelassen lebte, auf dem Nattermannshof in Neuses, wo sein umfangreiches Alterswerk entstand.
Das ist überhaupt erst in den letzten Jahren erschlossen worden, weshalb diese Ausstellung und das umfangreiche Katalogbuch dazu zahlreiche neue Erkenntnisse verarbeitet haben, wie Rudolf Kreutner betont, Kenntnisse, die im Rückert-Jahr 1988, als Coburg federführend bei der Ausstellungspräsentation war, noch gar nicht bekannt waren.
In sechs Abschnitten folgt die Ausstellung dem Lebensgang und dem erstaunlichen Schaffen des kaum fasslichen Sprach-Genies, über die Kapitel "Sich finden" zum Frühwerk, zu seiner politischen Positionierung im neuen "Deutsch sein" und "Erfolg haben" als Wissenschaftler und Poet, dann über die verhasste Berliner Zeit zum "Weise werden" in Coburg.


Bis heute wirkt er

Das sechste Kapitel widmet sich dem Nachwirken Rückerts, das aber nun endgültig nur noch symbolisch agieren kann. Da bringen die gut gefüllten Vitrinen etwa einen Brief Vincent van Goghs, der bei einer Zeichnung auf Rückert-Zeilen zurückgriff, eine ironisch-erotische Farbradierung von Janosch, der Rückerts "Liebesfrühling" versinnlicht, und gar Donald Duck, der in der Übersetzung durch Erika Fuchs "Aus der Jugendzeit" schmettert und Tick, Trick und Track zur Verzweiflung bringt. Selbstverständlich gilt eine Vitrine den Vertonungen Rückertscher Gedichte.
Es sind die vielen Handschriften und Originalzeugnisse, vieles aus der Landesbibliothek Coburg entliehen, deren Aura uns zurückzieht in Leben und Zeit dieses erstaunlichen Menschen, von dem mehr als 25 000 Gedichte überliefert sind (denn er lebte und agierte stets nur dichtend), der jeweils ein Viertel Jahr brauchte, um sich, ausgehend von Bibelübersetzungen, eine seiner 44 Sprachen zu erschließen, und der uns durch seine Übersetzungen den Orient in seiner reichen geistigen Tradition öffnete.


Eine literarische Ausstellung

Mit Bildern, mit sinnfälligen Arrangements und kleinen Inszenierungen versucht die Ausstellung das Leben Rückerts anschaulich werden zu lassen. Trotzdem, es ist eine literarische Ausstellung, man sollte lesen können. Zu entdecken gibt es dann manche Skurrilität, was Rückert selber wohl gefallen hätte, eben weil er selbst auf viele Forderungen seiner Zeit rigoros bis zur Skurrilität reagierte.
Eben weil man diese Schau unter kenntnisreicher Begleitung sicher eindringlicher erfassen kann, hat das Kulturamt ein Führungsteam aus Historikern organisiert. Einzelbesuchern hilfreich dürfte auch der Audioguide sein. Rudolf Kreutner selbst wird am Dienstag, 31. Januar, im Kunstverein einen Vortrag über Rückerts letzte Lebensmonate halten. Eine Reihe von Veranstaltungen bietet weitere lustvolle Erschließung von Rückerts Leben, Werk und Zeit.


Rückert, niedlich wie nie

Und dann wären da noch in lila, pink, grün und gelb - Ottmar Hörls niedliche Plastik-Rückerts. Ob die dem über zwei Meter großen, stets dunkel gekleideten Hünen in altdeutschem Wallehaar gerecht werden, darf jeder selbst entscheiden. Jedenfalls sind die für 70 Euro zu erwerben.

Ein Sprachgenie Friedrich Rückert gehört zu den bedeutendsten Dichtern deutscher Sprache und mit seinen zahlreichen, literarisch bislang unerreichten Übertragungen aus insgesamt 44 Sprachen zu den wichtigsten Mittlern zwischen den Literaturen des Orients und des Okzidents. In seinem größtenteils unveröffentlichten Alterswerk hat er bereits viele der ökologischen und gesellschaftlichen Folgen der aufkommenden Industrialisierung vorhergesagt.
Geboren am 16. Mai 1788 in Schweinfurt, 1805 bis 1807 Studium der Jurisprudenz, Griechischen Mythologie und Naturphilosophie in Würzburg. Von 1819 bis 1826 lebte Rückert als Privatgelehrter in Ebern und Coburg, in dieser Zeit Teilübersetzungen des Korans. 1821 Heirat mit Luise Wiethaus-Fischer in Coburg; glückliche Ehe mit zehn Kindern. Ab 1826 Professor der orientalischen Sprachen und Literatur in Erlangen. 1838 Erwerb des Nattermannshofes in Neuses; 1841 Ruf nach Berlin, nach sieben Jahren endgültige Rückkehr nach Coburg. Gestorben am 31. Januar 1866 in Neuses.
Zu Rückerts bekanntesten Werken gehören "Liebesfrühling", "Makamen des Harari", "Kindertodtenlieder", "Die Weisheit des Brahmanen", "Hamasa". Gedichte Rückerts wurden von Komponisten wie Brahms, Liszt, Schubert und R. Strauss vertont. rk


Die Ausstellung "Der Weltpo et. Friedrich Rückert 1788 - 1866. Dichter, Orientalist, Zeitkritiker", Pavillon des Kunstvereines, 14. Januar bis 17. April, Dienstag bis Samstag, 14 - 17 Uhr, Sonntag 11 - 17 Uhr, Abendöffnungen bis 20 Uhr: 19. Jan., 16. Febr. 13. März. Eintritt (inklusive Audioguide) 5 Euro, ermäßigt 2,50 Euro

Führungen Sonntags, 14 Uhr, 22. Januar, 5., 19. Februar, 5., 19. März, 2., 16. April; donnerstags, 18 Uhr, am 19. Jan., 16. Febr., 13. April sowie für Gruppen nach Voranmeldung (Gebühr 2,50 Euro plus Eintritt)

Kontakt Telefon 09561/89 2030 oder Email: kulturabteilung@coburg.de. Internet: www.coburg.de/rueckert

Der Katalog Rudolf Kreutner (Hrsg.) Der Weltpoet. Friedrich Rückert (1788 - 1866), Dichter, Orientalist, Zeitkritiker. Wallstein Verlag Göttingen, 417 Seiten,, 24,90 Euro.

Orgelmusik zur Rückertzeit mit Florian Wilkes, Organist an der Hewigs-Kathedrale Berlin, 28. Januar, 12 Uhr, Morizkirche

Liebesfrühling im Dachstübchen: Führung im Puppenmuseum zu Rückerts Ehe- und Familienleben, 29. Januar, 11 Uhr; 9. Februar, 10.30 Uhr; 9. April, 14 Uhr. Führung "Mit der Babytrage durchs Puppenmuseum" am 9. Februar, 10.30 Uhr

Vortrag "Mein Übel schläft, ich aber schlafe nicht" von Rudolf Kreutner über Rückerts letzte Lebensmonate, 31. Januar, 19 Uhr, Kunstverein
Krimi-Lesung Johannes Wilkes "Der Fall Rückert". 9. März, 19 Uhr, im Andromedasaal der Landesbibliothek

Schriftliches von Friedrich Rückert. Schüler der Grundschule Neuses tragen Geschichten und Gedichte vor. 16. März, 19 Uhr, Kunstverein

Zeitreise Rückert aus neuen Perspektiven. Lehrerband der Rückert-Mittelschule "Teachers of the Revolution" und Max Scheler; 6. April, 19 Uhr, Kunstverein