In ihrer Schreibwerkstatt wimmelt es von Buchstaben. "In den handelsüblichen Buchstabennudeln steckt das komplette Alphabet", sagt Martin Droschke und entleert eine Packung in einen tiefen Teller. Dann rührt er mit einem großen Löffel in dem Buchstaben-Salat aus Suppennudeln herum. Mit Argusaugen scannt er das Durcheinander aus Hartweizengrieß. "Hier ist ein A. Das ist ein E. Nur die Umlaute fehlen", sagt Droschke und beugt sich tiefer über den Teller mit den Buchstabennudeln. "Prinzipiell lassen sich alle Texte mit Buchstabennudeln schreiben", ist sich der Konzeptkünstler aus Coburg sicher. "Wir wollen dem Bildungsbürger mit unseren Buchstabennudel-Büchern den Spiegel vorhalten", sagt Oliver Heß und präsentiert stolz den ersten Band: Faust. Der Tragödie erster Teil von Johann Wolfgang von Goethe.

Ein Klassiker, der in keinem Bücherregal fehlen darf. Droschke und Heß haben den berühmten Titel vorne auf die Pappschachtel geschrieben. Im Inneren des Werkes spielt Gretchen freilich keine Rolle. Der Leser findet darin nur Nudeln aus Buchstaben. Aber das in Hülle und Fülle. "Unsere Bücher sind immer gleich dick", sagt Droschke während Heß bereits über einem neuen Werk brütet. Das Duo geht bei ihrer Arbeit immer gleich vor. Jeder Band der Weltliteratur wird mit einem Pfund guter, deutscher Buchstabennudeln hergestellt. Gerade arbeiten die beiden an ihrem zweiten Werk: Warten auf Godot von Samuel Beckett. Weitere Klassiker der Weltliteratur sollen in den nächsten Monaten folgen. "Wir wollen 100 Bände herausbringen. Das wird ein Mammutprojekt", freut sich Droschke und löffelt eifrig Suppennudeln in eine Pappschachtel.

Zum Spaß halsen sich die Künstler nicht die ganze Arbeit auf. "Wir wollen die Hauptwerke der Weltliteratur auf das Wesentliche reduzieren." Lesen sei schließlich schlecht für die Augen. Und schlecht für die Gesundheit obendrein - man denke nur an Geothes Werther. Außerdem ärgern sich beide über die affektierte Manieriertheit des Bildungsbürgertums, sich mit Werken der Weltliteratur zu schmücken und die Privatbibliothek gleichermaßen als Schlüssel ihres Wohlstandes zu verstehen. "Wir wollen Literatur dekonstruieren und machen daraus ein reines Dekorationsobjekt", sagt Droschke und greift zum Füllfederhalter. Eine Dame will den Nudel-Faust für 29,90 nur kaufen, wenn die Nudel-Literatur von Welt auch handsigniert ist.

Lesen ist heute ein Statusobjekt, sagt Droschke und steckt die Scheine ein. "Wer den Goethe im Regal hat, der gehört zu den Gebildeten und daher zum besseren Teil der Menschheit." Überhaupt sei die moderne Literatur fast ausnahmslos von und für die Bildungsoberschicht geschrieben, die sich damit krampfhaft gegen den sozialen Abstieg wehren wolle. "Was hat der Faust mit der sozialen und gesellschaftlichen Gegenwart zu tun?", fragt sich Droschke.

Gegen das Lesen oder das Schreiben habe beide natürlich nichts. Im Gegenteil: Jeder könne sein Lieblingsbuch in Buchstabennudeln gerne nachbauen. "Ich mag zum Beispiel Wolfgang Herrndorf. Tschick ist ein brutal gutes Buch", sagt Droschke und rühmt die Warmherzigkeit, in der Herrndorf über junge Leute schreibt, die "die ganze Zeit nur Scheiß` bauen." Allerdings könnten beide nur alle Nachahmer warnen: das Schreiben mit ungekochten Buchstabennudeln sei Schwerstarbeit. "Wir selbst planen den Werther in dreimonatiger Sisyphosarbeit nachzupuzzeln und danach die Buchstaben ordentlich durchzuschütteln."

Mit dem Medium Buchstabennudel wollen die Künstler, die ihr Unternehmen "Verwertungsgesellschaft" getauft haben, auch die europäische Kulturhauptstadt Pilsen beglücken und die deutsch-tschechische Freundschaft voranbringen. Motto: Freundschaft ist eine Suppe. Dabei sollen die Hymnen beider Länder mit Suppennudeln nachgebaut werden. Droschke setzt damit weiter auf die große Magie des Mediums: "Buchstabennudeln gehörten zum kollektiven Erlebnis der Kindheit." Dank der Buchstaben in der Suppe hätte die Menschheit endlich mit Essen spielen können. Noch ein Vorteil der Nudel-Literatur hat das Künstlerduo ausgemacht: Wird der Platz im Regal zu klein, kocht man aus seinen Büchern einfach eine Suppe. Na denn: Wohl bekommt`s.


Info: Die Nudel-Edition der Weltliteratur erscheint in limitierter Auflage und ist über die Nürnberger Galerie Bunsen Goetz zu beziehen.