"Sie haben meinen Vater bei sich im Keller liegen." Oberstaatsanwalt Armin Wagner traute seinen Ohren nicht. Sollte es tatsächlich die viel zitierte "Leiche im Keller" geben? Als der Jurist mir die Geschichte vor 20 Jahren erzählte, schmunzelt er über die tragische Geschichte. Denn der Anrufer von damals hatte Recht.

Die menschlichen Überreste des Emil O. (Name von der Redaktion geändert), der 1951 aus einem Dorf im Landkreis spurlos verschwand und dessen Knochen 1980 auf dem Gartengrundstück zufällig gefunden wurden, lagen tatsächlich 14 Jahre in der Asservatenkammer der Staatsanwaltschaft Coburg.

Am 26. Mai 1994 konnte der Fall zu Ende gebracht werden: Ein Beerdigungsinstitut bestätigte der Staatsanwaltschaft den Empfang eines "Kastens mit menschlichen Knochen". Das Verfahren war bereits am 30. Juli 1981 eingestellt, die gewaltsame Tötung des damals 43-jährigen Opfers festgestellt worden. Ein Täter konnte jedoch nach so langer Zeit nicht mehr ermittelt werden.

Kuriose Berichterstattung

Im Tageblatt vom 18. Mai 1955 war über den Fall folgendes zu lesen: "Der 7. Juni 1951 war ein gewöhnlicher Tag... Es war heiß und darum nur zu begreiflich, dass E.Z. dem Schreinermeister Emil O. zurief: 'Heut langt die krügla fei net'... Der Mann, der so zum Scherz aufgelegt war, konnte nicht ahnen, dass er der letzte sein würde, der an diesem tag den Schreinermeister gesprochen hatte. Seitdem fehlt jede Spur von dem Mann, der vom Bierholen nicht mehr zurückkehrte.

Zwischen 18.15 und 18.30 Uhr war Emil O. wie gewohnt aus seinem Wohnhause, in das er - ein gebürtiger Heldburger - eingeheiratet hatte, zum Bierkeller gegangen, um den Abendtrunk zu besorgen... Er kehrte nie in sein Wohnhaus zurück. Ein Mann allerdings erinnert sich genau, dass er Emil O. mit gefülltem Krug auf dem Heimweg in Richtung seiner Werkstatt gesehen hat. Von diesem Augenblick an gilt Emil O. als spurlos verschwunden... Als man am nächsten Tag Frau O. fragte, was denn los wäre, da meinte sie: 'Ach der Emil ist bloß nüber in die Sowjetzone. Nach Heldburg wird er sein.' Emil O. blieb verschwunden. Sie registrierten, dass Frau O. dem Bürgermeister nichts meldete und dass auch sie nicht zur Polizei ging.

Erste Spur nach einem Jahr

Da waren dann allerlei Reden bald zur Hand. Man behauptete im Dorf, dass es bei den Os mit dem häusliche Frieden nicht gut bestellt war. Und dann sollte Emils Schwiegervater einmal gesagt haben: 'Einer von uns beiden muss weg!', so erinnerte man sich. Aber niemand wagte das Lautsprechen. Man wusste ja nichts; und wer weiß, ob Emil nicht wirklich hinüber nach Heldburg gegangen war...

Fast ein Jahr später kam man auf eine Spur. Im März oder April 1952 fand sich in einem kleinen Gang zwischen der Werkstatt des Schreinermeisters und seinem Nachbarhaus der Bierkrug. Blitzeblank lag er da, als hätte ihn eben jemand stehen lassen.

Weil nun die Polizei sich jetzt um die Klärung des geheimnisvollen Verschwindens bemüht, flackert das Gespräch wieder auf. Man wundert sich, dass die Angehörigen einige Jahre lang keine Suchaktion nach Emil O. einleiten ließen. Der Bierkrug ist bisher das einzige Indiz des Falles. Aber der Bierkrug kann nicht reden!"

Skelett unterm Sandkasten

Dank moderner Technik brachten die Knochenfunde 1980 erste handfeste Ergebnisse. Der neue Besitzer des O'schen Anwesens wollte einen Zaunpfahl in die Erde rammen als er nach etwa 30 zentimentern Tiefe auf eine Ledersandalette stieß. Sofort verständigte er die Polizei. Als das Skelett sorgsam freigelegt wurde, war klar: Emil O. lag unter dem Sandkasten, den die Familie für ihre Kinder angelegt hatte.

Bei dessen Bau war bereits ein Pfosten der Sandkiste durch das Skelett geschlagen worden.

Im Gerichtsmedizinischen Institut Erlangen wurde schließlich festgestellt, dass der Mann wohl erschlagen - und nicht wie ursprünglich angenommen wegen eines kleinen Loches im Kopf erschossen - worden war. Außerdem wies der Oberkörper mehrere Stichverletzungen auf.

Eindeutig indentifiziert

Dass es sich bei dem Skelett tatsächlich um Emil O. handelte, konnte zweifelsfrei nachgewiesen werden. Zum einen fehlten sowohl dem Skelett als auch dem Schreinermeister drei Finger von der linken Hand. Zum anderen stellten die Rechtsmediziner mittels Videotechnik eindeutig fest, dass der gefundene Schädel die gleichen Maße hatte, wie der Kopf des Opfers.

Oberstaatsanwalt Wagner im Gespräch vor 20 Jahren: "Hinweise auf den Täter gab es jedoch keine." Die Ermittlungen brachten keine neuen Ergebnisse. "Die Ehefrau konnte sich an nichts erinnern. Die Aktenlage war eindeutig. Verdächtige, wie beispielsweise der Schwiegervater, wurden nicht einmal gehört", bedauerte Wagner.