"Ich kapier's nicht, Hardo. Dieser ganze Fall ist völlig verworren." Katinka Palfy, uns vertraute und angenehme Privatdetektivin, sitzt (endlich) einmal wieder in Coburg und gleich wieder mitten in einem Fall, einem sehr merkwürdigen Fall. Hardo, der mit ihr schon längere Zeit liebesproblematisch verbandelte Bamberger Polizeihauptkommissar hatte geglaubt, er würde mit Katinka endlich einmal zwei Tage frei nehmen, und ist hin und her gerissen zwischen Unwille und erwachendem Spürsinn.


Schön gruselig

Hardo entgeht nicht, Katinka auch nicht. Und wir freuen uns, dass fast zehn Jahre nach "Schockstarre" wieder einmal ein Krimi von Friederike Schmöe richtig in Coburg spielt. Und wie! "Dohlenhatz" fliegt auf drei Zeitebenen um die Veste Coburg, die in toller Aufnahme und Gestaltung den Bucheinband prägt.


Die aus Coburg stammende und in Bamberg lebende, ungemein produktive Autorin stellte am Donnerstag Abend ihren neuesten Roman vor, diesmal im "Schlupfwinkel" in Schorkendorf. Der Sturm ließ die Holzdecke knacken und krachen; es war so schön gruselig bei dieser Premiere.


Das Besondere an Friedrike Schmöes Romanen ist, ob nun Katinka Palfy zu uns tritt oder ihre Münchner Ghostwriterin Kea Laverde, dass die Autorin eine ungemein versierte Art gefunden hat, aktuelle Zeitstimmung und -verfassung aufzunehmen und in ihren Figuren spürbar zu reflektieren. Schmöe gelingt das in so eingängiger und lebendiger Weise, dass man an ihnen in leichtem, aber nie oberflächlichen Lesevergnügen hängen bleibt. Selbstverständlich arbeitet Schmöe schon an den nächsten Fällen.


Coburgs Gassen und die Veste

Mit ihr durch Coburger Gassen zu gehen, den Blick auf die Veste zu genießen oder in ihren vielen anderen Fällen durch Oberfranken und diverse Milieus zu ziehen, ist für die Leser hier sehr reizvoll. Schmöe macht aber kein lokalkoloritisches Theater daraus, irgendwo müssen alle Romane spielen. Es geht um authentische Lebenszusammenhänge. Und dass bei Schmöe manchmal ein handlungsverbindendes Teilchen der Erzählung ein bisschen konstruiert wird - pffft, als ob es im echten Leben nicht unablässig zu den merkwürdigsten Konstellationen kommen würde.


Ungesühnte Schuld

Wir befinden uns in "Dohlenhatz" schon in leichter Zukunft: Die bayerische Landesausstellung ist in vollem Gange. Sommer 2017 (Schmöes Wettervorhersage nach wird er heiß). Philipp Heller, Luther-Experte, wollte nach langer Forscher- und Vorbereitungszeit jetzt endlich das Errungene genießen und an die vielen Besucher weitergeben.


Da kriegt er ein ernsthaftes Problem: Er soll den Coburger Stadtrat Gerald Höchst töten, sonst erfahren Frau und Sohn und Coburger Welt von seinem Erfurter Ausflug, vermittelt über affärchen.de. Welche Rolle der so großzügige Unternehmer Frank Degenhard in der Sache spielt, ist schleierhaft.



Drei Zeitebenen aber: Kurz nach der Grenzöffnung hatte in alkoholdüsterer Thüringer Winternacht ein Leben im Schnee geendet.


Die Schuld wurde nie gesühnt. Und bei den Recherchen zu Luthers halbjährigem Aufenthalt 1530 auf der Veste stieß man auf mörderische Zusammenhänge. Drei Tote. Wir begegnen der Küchenmagd Veronika, die weiß, dass ihr nach dem Geschehenen die ewige Verdammnis sicher ist. Es sei denn, der Dr. Luther, der da auf der Löwenbastei sinniert und murmelt, hätte recht und Vergebung sei möglich.


Der Tote von Seite 218

Es ist die Schuldfrage, die dem jeweiligen Geschehen auf den drei Zeitebenen zugrunde liegt, eine der theologischen Grundfragen Luthers.


Aber, wie gesagt, Friederike Schmöe zieht ihre Leser in Grundfragen, Zeitreflektionen und Zeitstimmungen, wie man bei entspannten, freundschaftlichen Gesprächen und Erzählungen in andere Ebenen gerät. Einmal lässt sie Luther fragen, ob es nicht darauf ankomme, "die Menschen heute fühlen zu machen, was jene damals fühlten?"
Was stets auch ihr Anliegen ist, im Hier und Jetzt, in unserer wirren, irren Zeit, die sich viel zu schnell ändert, wie das auch um 1500 der Fall war, wie der nicht wenig irritierte Historiker Philipp Heller bemerken muss.
Übrigens, nur keine unnötige Lese-Hatz: der Tote taucht auf Seite 218 auf.



Eine Erfolgsautorin und ihr neues Buch




Friederike Schmöe, geboren 1967 in Coburg und hier aufgewachsen, studierte Französisch, Italienisch und Germanistik in Bamberg. Sie promovierte und habilitierte sich und ist als Privatdozentin in Bamberg und Saarbrücken tätig. Daneben hat Schmöe seit 2000 eine Vielzahl von Kriminalromanen veröffentlicht.

Buch-Tipp Friederike Schmöe: Dohlenhatz. Kriminalroman. Gmeiner-Verlag Meßkirch, 274 Seiten, 12,99 Euro.