Am Sonntags gab's Rouladen und Klöße. Geschmeckt haben sie nach nichts. Genauso wie die Schokolade und der Tee. Aber der Körper muss gestärkt werden. Und deshalb essen Trixi, Michael und Julius Zapf alles, was ihnen einmal geschmeckt hat. "Sinn"-los, voller Erinnerungen. Die ganze Familie hat Corona. Der Geschmacks- und Geruchssinn ist weg. Alle drei befinden sich zu Hause in Quarantäne. "Bloß nicht ins Krankenhaus müssen", sagt Trixi, die es am schlimmsten erwischt hat.

Schon zweieinhalb Wochen kämpft sie mit dem Virus - und hat immer noch Symptome. Ihr Mann und ihr Sohn dürfen dieser Tage das Haus nach 14 Tagen mal wieder verlassen. Trixi noch nicht.

Alles fing mit Anzeichen eines grippalen Infekts an. Da Trixi Press-Zapf in Rödental im Altenheim arbeitet, wurde von ihrer Hausärztin sofort ein Abstrich gemacht. Aufgrund der Symptome - Hals-, Glieder und extreme Kopfschmerzen - wurde sie zwei Tage krank geschrieben. "Am dritten Tag kam Geschmacks- und Geruchsverlust dazu, sowie ein trockener Husten. Da war mir klar: Ich hab Corona!"

Da das Ergebnis des ersten Abstriches noch nicht da war, hat sich Trixi Press-Zapf über die Landkreis-App zu einem zweiten Test in der HUK-Arena angemeldet. Es hat schließlich fünf Tage gedauert, bis das Ergebnis kam. "Das zerrt an den Nerven." Da waren sich alle aus der Familie einig. Michael Zapf ist sofort nach den ersten Corona-Anzeichen von Trixi in Selbstquarantäne gegangen. Drei Tage später hatte dann auch er schwere Symptome.

Das Ergebnis selbst sei kein Schock mehr gewesen. "Das Gesundheitsamt schickte umgehend eine Mail, in der alle Verhaltensregeln standen. Zum Beispiel, wie der Müll zu entsorgen ist, oder dass ich ein Tagebuch über den Krankheitsverlauf führen soll", sagt die lebenslustige Frau, die sich in Rödental auch als Stadträtin engagiert. Jetzt war sie aber erst einmal ausgebremst.

Bett nicht verlassen

"In den ersten zehn Tagen ging es mir so schlecht, dass ich mein Bett nicht verlassen konnte und manchmal kaum den Kopf vom Kopfkissen heben konnte", erinnert sie sich mit Schrecken. Ihr Körper habe extrem viel Ruhe und Schlaf gebraucht. Mit Schmerzmitteln habe sie versucht, über den Tag zu kommen. "Ich wollte auf keinen Fall ins Krankenhaus."

Auch Michael war schlapp und kämpfte mit Schmerzen. Jeder habe nur noch Kraft für sich selbst gehabt.

Dennoch mussten sie all ihre Freunde und Bekannten benachrichtigen und ihnen mitteilen, dass sie sich vielleicht angesteckt haben könnten. "Das war eine unserer schwersten Aufgaben", sagt Trixi-Press-Zapf.

Michael hatte noch an einen Feuerwehreinsatz teilgenommen und auch Julius hatte zwei Freunde getroffen.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass sich keine der Kontaktpersonen angesteckt hatte. "Darüber sind wir sehr froh und dankbar!" Aber das sei wohl auch nur deshalb so, weil sie bei den ersten Anzeichen in Selbstquarantäne gegangen sind, noch bevor sie offiziell in Quarantäne gemusst hätten.

Der 15-jährige Sohn Julius zeigte erst nach zehn Tagen Symptome. Er habe es soweit gut weggesteckt, erzählt die Mutter. Allerdings hat auch er keinen Geschmack und riecht nichts mehr.

Wie es sein kann, dass sich alle drei angesteckt haben, obwohl sie sich doch an die Regeln in der Quarantäne gehalten haben? "Ich kann nur sagen, wir sind uns alle aus dem Weg gegangen. Unser Haus ist groß, und wir wollten ja auf jeden Fall vermeiden, unsere Liebsten anzustecken. Jeder hat ein eigenes Schlafzimmer und ein eigenes Bad. Für Menschen, die in einem Haushalt leben, ist es meiner Meinung nach nicht möglich, sich nicht anzustecken", ist sich Trixi Press-Zapf sicher.

Nicht allein

Seit alle drei positiv getestet sind, sitzt die Familie auch wieder gemeinsam am Esstisch. Was da drauf steht, haben ihnen ihre Eltern täglich frisch geliefert und vor die Tür gestellt. "Sowohl Michaels als auch meine Eltern haben uns täglich ein selbst gekochtes Mittagessen vorbeigebracht und nach Wunschliste für uns eingekauft", sagt Trixi Press-Zapf voller Dankbarkeit.

Allein gelassen hat sich die Familie nicht gefühlt. Viele Freunde hatten ihnen Hilfe angeboten und Genesungswünsche geschickt.

Jetzt freuen sich alle drei erst mal darauf, wieder "raus" zu dürfen. Und hoffen, dass sich keine Spätfolgen zeigen. "Dass wir alle drei wieder riechen und schmecken können", sagt Michael Zapf und schaut lachend aus dem Fenster, wo die Äcker in den letzten Tagen kräftig gegüllt wurden.

600 Menschen plus 236, die Corona positiv getestet wurden, befinden sich derzeit in Stadt und Land in Quarantäne. Die Zahl variiert täglich.

Experten-Tipp:

Alltagsrituale wie gewohnt beibehalten

Geduld und Disziplin, zwei Tugenden, die in Quarantäne von großer Bedeutung sind. Was rät ein Krisenmanager wie Gerald Jose, Psychologe, Theologe und in der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit an der Hochschule tätig, Menschen, die sich damit schwer tun und die Zeit mit sich allein nur schwer meistern? "Die Umstände können zu einer Heraus- oder sogar Überförderung werden, wenn zum Beispiel die Struktur des Alltags bisher fast nur von außen oder anderen bestimmt wurde", sagt er. Aber niemand müsse der Situation vollkommen hilflos ausgeliefert sein. Hier ein paar Tipps vom Experten:

1. Es ist wichtig, Alltagsrituale und - gewohnheiten beizubehalten. Wenn ich jeden morgen, bevor ich das Haus verlassen habe, geduscht habe, sollte ich auch weiterhin den Tag mit einer Dusche beginnen, selbst wenn ich jetzt erst später aufstehe.

2. Sich kleine, überschaubare Ziele und Aufgaben setzen. Vielleicht wollte ich ja immer schon ein besonderes Buch lesen.

3. Dinge tun, die die Konzentration beanspruchen und körperliche Kraft kosten, solange man sich dabei nicht zu sehr quälen muss. Lieber mal einen anspruchsvollen Text lesen, als sich eine Nachmittagsserie anschauen.

4. Kontakte zur Außenwelt, soweit es geht, aufrecht erhalten, über Telefon, Email, WhatsApp, Skype oder was auch immer zur Verfügung steht. Zusammenfassend lässt sich sagen: Alles, was uns das Erleben von Handlungskontrolle und Selbstwirksamkeit ermöglicht, macht die Quarantänesituation erträglicher. Alles, was ständig ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit erzeugt, macht sie (noch) schlimmer.

Was passiert mit Menschen, die plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten sind und sich nur mit sich selbst beschäftigen müssen? Gerald Jose: Das kommt ganz darauf an. Zunächst einmal ist normalerweise niemand in Deutschland vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten. Es gibt Telefon, Radio, Fernsehen, Tageszeitungen, Internet und auch noch die Post, und irgendeinen solchen Zugang hat so gut wie jeder von uns. Wenn ich mich wirklich von den anderen ganz isolieren will, dann gehe ich zum Beispiel für zwei Wochen in eine Einsiedelei oder an einen anderen einsamen Ort, wo ich keine solchen Kontaktmöglichkeiten habe. Ich habe dies übrigens schon gemacht. Außerdem sollten wir eigentlich bereits als Kinder gelernt haben, sich eine Zeit mal nur mit uns selbst zu beschäftigen. Es spricht aber einiges dafür, daß es Menschen gibt, die in ihrer Kindheit nicht gefordert und gefördert wurden, dies zu üben, was bisweilen im späteren Leben zum Nachteil werden kann. Ein wenig Einsamkeit und alleine zu sein kann sich durchaus positiv auswirken, wirkliche Isolation über einen längeren Zeitraum dagegen kann tatsächlich zu einer ernsthaften Gefahr oder sogar lebensbedrohlich werden. Etwas vereinfacht ausgedrückt könnte man sagen, der Mensch ist ein Säugetier und ein Herdentier. Die meisten von uns sind nicht dafür gemacht, als Einzelgänger sich durchs Leben zu schlagen. Wir sind auf die Kommunikation, die Nähe und den Austausch mit anderen angewiesen. Längere Einsamkeit macht uns unausgeglichener und gereizter. Sie mindert die Resilienz und kann schlimmstenfalls zu Depressionen und Psychosen führen. Große Einsamkeit kann sogar das Immunsystem so schwächen, daß die Gefahr schwerer körperlicher Erkrankungen zunimmt. Isolation wird nicht umsonst auch als Foltermethode eingesetzt. Körperliche Nähe dagegen, solange sie als angenehm empfunden wird, steigert nicht nur das Wohlbefinden, sie stärkt auch die psychischen und physischen Abwehrkräfte und ist damit ganz wichtig für die Gesundheit der meisten Menschen. Wie gut und wie lange wir aber jenseits solcher Extreme mit Einsamkeit klar kommen und auf wieviel Kommunikation und Nähe wir mit anderen angewiesen sind, ist bei jedem einzelnen von uns anders und hängt auch von unserer Persönlichkeit, zum Beispiel ob wir eher introvertiert oder extrovertiert sind, und unseren Erfahrungen ab.