Vor gut einem Jahr beschloss der Stadtrat, die Geschichte der Stadt Coburg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Derzeit wird ein (promovierter) Historiker gesucht, der das übernehmen könnte. Unabhängig davon beschäftigte sich Hubertus Büschel, in Weitramsdorf aufgewachsen, mit einer wichtigen Person der Coburger Geschichte im vorigen Jahrhundert: Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, letzter regierender Herzog und "Hitlers adliger Diplomat", wie Büschels Buch über den Herzog heißt. Darin geht es auch um Coburg - und die Stadt kommt darin nicht eben gut weg.

Tageblatt:Herr Professor Büschel, wann und wie hatten Sie das erste Mal Berührung mit Coburgs nationalsozialistischer Vergangenheit?
Hubertus Büschel: Schon sehr früh durch meine Eltern, die mir von ihren eigenen
Erfahrungen erzählt haben. Wir hatten in der Grundschule auch das Glück, eine sehr historisch interessierte und versierte Lehrerin zu haben, die uns auch diesen so zentralen Teil der Coburger Geschichte nahegebracht hat.

Warum haben Sie die Vita Carl-Eduards aufgegriffen?

Als Coburger war mir dieses Buch eigentlich schon seit Beginn meines Geschichtsstudiums wichtig. Kennt man einschlägige Publikationen, taucht der Name des letzten Coburger Herzogs immer wieder auf. Dann erschienen die Bücher von Harald Sandner und auf Englisch von Karina Urbach, die einerseits anregend waren. Andererseits dachte ich, man müsste diese Geschichte anders erzählen, eben auch Biografie, Lokal- und Globalgeschichte miteinander verbinden. Und nicht zuletzt konnte ich dann bislang unzugängliche Quellen im Hausarchiv der Familie Sachsen-Coburg und Gotha erforschen. Auch die Nachkommen Carl Eduards hatten sich letztlich entschlossen, die Aufarbeitung seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus zu unterstützen, so dass ich unter anderen die Taschenkalender des Herzogs ansehen konnte, die wichtige Bemerkungen und Termine mit Hitler, Himmler und andere Mitglieder der NS-Elite enthalten.

Sie kommen bei der Beschreibung Carl Eduards immer wieder darauf zurück, dass er als Diplomat recht erfolgreich und im persönlichen Umgang sehr gewinnend war. Worauf stützen Sie diese Beschreibung?
Da gibt es einige Aussagen von Zeitgenossen, die ich ja auch zitiere - beispielsweise vom Vertreter des Schweizer Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Carl Jacob Burckhardt. Dass Carl Eduard als Diplomat bedeutend war, erschließt sich aus der Vielzahl von Reisen, die er im Namen des Nationalsozialismus immer wieder unternahm und daraus, dass er auch in diplomatisch schwierigen Situationen Zugang zu wichtigen Persönlichkeiten hatte wie zum amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt und zum japanischen Kaiser Hirohito. Da agierte der Herzog von Coburg sehr geschickt und half dem NS-Regime bei seinen außenpolitischen Zielen.

War die Stadt Coburg in ihrer Hinwendung zum Nationalsozialismus außergewöhnlich oder unterm Strich betrachtet wie andere Städte, nur früher dran?
Hitler selbst schrieb ja, dass Coburg seiner Bewegung zum Durchbruch verholfen hatte und sprach von seiner "lieben Stadt". Das entspricht sicher der historischen Realität; und das ist außergewöhnlich. Das hat auch mit der Affinität der Mitglieder der herzoglichen Familie gegenüber den Rechtsradikalen der Weimarer Republik und dann Hitler zu tun. Neben Carl Eduard sind hier auch sein Sohn Leopold oder der abgedankte Zar Ferdinand von Bulgarien zu nennen, der im Coburger Exil lebte. Die Coburger blieben auch nach 1918 gegenüber diesen Adligen sehr anhänglich.


Wie zu Herzogs Zeiten

Und so ist es auch außergewöhnlich, dass in Coburg ein 1918 zur Abdankung gezwungener Herzog und seine Verwandten weiterhin wie Landesherren residierten und sich die monarchistisch gesinnte Bevölkerung auch politisch an ihnen orientierte. Auch nach 1933 war Coburg in vielerlei Hinsicht ein Laboratorium für die nationalsozialistische Politik und ihre Verbrechen: Der Vorreiter für den Reichsarbeitsdienst entstand in Coburg, die Stadt unterhielt nach der Machtübernahme Hitlers eine SA, die aus Mitteln der Stadt bezahlt und verköstigt wurde. In unmittelbarer Nähe des Marktplatzes - in einem Anbau zum Rathaus - wurden die Opfer dieser SA und SS misshandelt und gefoltert. Mir ist kein Beispiel ähnlicher Verhältnisse bekannt. Der Coburger NS-Bürgermeister Franz Schwede gilt in der Forschung als eine treibende Kraft im nationalsozialistischen Krankenmord. Er diente der SS bereits vor Hitlers Befehl die Ermordung der psychisch Kranken und Behinderten in seinem Gau an, worauf es zu Massenmorden - auch mit ersten Probevergasungen - kam. Man sollte sich fragen, welches politische, soziale und kulturelle Milieu eine solche Haltung und solches Handeln hervorgebracht hat - und hier ist man wieder bei der Außergewöhnlichkeit der Coburger Verhältnisse, aus der auch folgende Generationen sehr viel lernen könnten und sollten. Hingegen ist Coburg viele Jahrzehnte außergewöhnlich darin gewesen, diesen Teil seiner Geschichte zu verschweigen oder zumindest klein zu halten. Andernorts hat man da viel mehr an Aufarbeitung der eigenen Geschichte geleistet. Das sollte sich möglichst rasch ändern durch die Förderung weiterer Forschungen und nicht zuletzt ein Museum. Vielleicht gibt ja mein Buch hier einen Impuls.

Es muss doch auch ein anderes Coburg gegeben haben - es gab Straßenschlachten gegen Nazis, es gab Ärzte, die verhinderten, dass der alte und kranke Sozialdemokrat Franz Klingler gefoltert wurde. Kommt das in Ihrem Buch nicht ein bisschen kurz?
In meinem Buch sind die Kapitel zur Situation in Coburg recht kurz gehalten und eher als Kontext für die Geschichte Carl Eduards zu verstehen. Allerdings bin ich keinesfalls der Meinung, hier einseitig argumentiert und vielleicht gar sehr viele Coburger ausgeklammert zu haben, die gegen die Nationalsozialisten auftraten. Nach allem, was wir wissen können, gab es diese Leute schlichtweg nicht. Es gibt ja einige grundlegende Untersuchungen und auch Spezialstudien zur Thematik, die allesamt das gleiche Bild vermitteln. Gleiches ergibt sich, wenn man die einschlägigen Akten (unter anderem der Landespolizei) untersucht, die vor allem im Bayerischen Staatsarchiv und im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München überliefert sind. Hiernach war couragiertes Engagement gegen die Nationalsozialisten und die Gewalttaten der SA seitens der Coburger Bürger eher verschwindend gering.


Widerstand kam von außen

Denken Sie auch an die Coburger Wahlerfolge der Radikalen Rechten in den späten Jahren der Weimarer Republik und dann eben der NSDAP. Wir wissen auch aus den Polizeiakten, dass die Straßenschlachten gegen die Nationalsozialisten - beispielsweise am 14. Oktober 1922 - von Arbeitern aus dem Umland (wie Neustadt bei Coburg) und vor allem aus Thüringen getragen wurden. Die polizeilichen Berichte erzählen hingegen, dass die Coburger gerade über diese"rote Gewalt" recht empört waren. Ich denke nicht, dass weitere Forschungen hier ein anderes Bild zeichnen werden. Sie werden hingegen aufzeigen, wie tiefgreifend die Coburger für die Radikalen Rechten und dann die Nationalsozialisten eintraten und wie maßgeblich Gewalt gegen ihre jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger oder Sozialdemokraten geduldet oder gar mitgetragen wurde. Sollte sich die Stadt nun - wie ja anvisiert - entscheiden, hier noch einmal weitere Forschungen anzustoßen, wird eher noch deutlicher zu Tage treten, wie Coburg als "Laboratorium des Dritten Reiches" war. Man sollte sich diesem Teil der Geschichte souverän stellen und nachfolgenden Generationen die Möglichkeit geben, hieraus viel über die Mechanismen von Wegschauen, Schweigen und Mitmachen, Nationalismus, Antisemitismus und Obrigkeitshörigkeit zu lernen. In Coburg verdichteten sich diese Elemente, die politische Gewalt möglich machen, besonders früh und deutlich. So bin ich fest davon überzeugt, dass es die Aufgabe der Stadt ist, diesen Teil ihrer Geschichte nicht nur aufzuarbeiten, sondern auch für die politische Bildung zu nutzen. Warum sollte man nicht diese Coburger Geschichte ins Museum bringen und hiermit gleichzeitig den Anspruch verbinden, ein kritisches Bewusstsein gegenüber politischen Extremen zu wecken. Hier wäre viel gewonnen.
Sind Sie im Umkehrschluss der Meinung, dass Carl Eduard das vorzeitige Erstarken der Nazis in Coburg hätte verhindern können, wenn er genauso explizit zu erkennen gegeben hätte, dass diese Ideologie abzulehnen ist?
Für einen Historiker sind solche "Was-wäre-wenn"-Fragen immer etwas schwierig. Die Richter der Hauptkammer Ansbach, die im März 1949 gegen die Einstufung Carl Eduards als Minderbelasteter Einspruch einlegten, gingen jedenfalls implizit von diesem Umkehrschluss aus, indem sie die Bedeutung des Herzogs von Coburg für das politische Klima unter den Coburgern herausstellten. Carl Eduard selbst ging davon aus, hier große Einflüsse zu haben. Hieraus erklärt sich auch sein Wahlaufruf für die NSDAP vom März 1932. Von anderen Hochadligen wiederum wissen wir, dass ihr Beispiel Tausende veranlasste, eine kritischere Haltung gegenüber der NSDAP zu entwickeln - Rupprecht von Bayern, der sich 1939 gegen Hitler stellte, ist hier ein Beispiel. So würde ich durchaus davon ausgehen, dass Carl Eduard einen maßgeblichen Einfluss auf die Coburger gehabt hätte, wenn er die Nationalsozialisten explizit abgelehnt hätte. Das war aber nicht der Fall. In seinen jüngst erschienen Lebenserinnerungen setzt sich Prinz Andreas* auch - durchaus kritisch - mit diesem Teil der Geschichte seiner Familie auseinander. Er zeichnet für Carl Eduard hier das Bild eines eher willensschwachen Menschen, der nicht zu deutlichen Entschlüssen neigte. Es ist durchaus möglich, dass innerhalb der Familie dieses Bild gepflegt wurde und dass der Herzog von Coburg politische Fragen immer wieder aus seinem engsten Kreis herauszuhalten versuchte. Aus den Akten hingegen, die ich einsehen konnte, auch aus den wenigen, aber sehr sprechenden Äußerungen in seinem Schreibkalender ergibt sich hingegen, dass Carl Eduard voll und ganz - auch ideologisch - hinter den Nationalsozialisten stand.

Sie haben vermutlich auch die Diskussion um die Max-Brose-Straße vergangenes Jahr mitbekommen. Hat sich die Stadt aus Ihrer Sicht richtig verhalten oder falsch? Wenn Carl Eduard ein "Täter in zweiter Reihe" war, wie sind dann Industrielle wie Max Brose zu beurteilen? Politisch stand er Carl-Eduard und dem Stahlhelm ja durchaus nahe.
Ich kann verstehen, wenn eine Stadt durch einen so wichtigen Arbeitgeber unter Druck gerät. Mittlerweile ist auch viel Kritik an der historischen Studie laut geworden, die bislang zu Max Brose vorliegt. Die Stadt hätte mit dieser Entscheidung warten sollen, bis eine unabhängige Kommission das Verhalten von Max Brose im Nationalsozialismus erforscht und beurteilt hat. Mir selbst ist zu Max Brose zu wenig bekannt. Archivare und Historiker haben allerdings deutlich darauf hingewiesen, dass hier Bedarf zu Forschungen und einer Aufarbeitung besteht.

*Andreas Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha, Chef des Hauses und Enkel von Carl Eduard, legte unlängst seine Lebenserinnerungen "I did it my way" vor.


Stadt und Person, Autor und Buch


Stadt Coburg war 1929 die erste deutsche Stadt mit einer nationalsozialistischen Stadtratsmehrheit. Die Nazis fanden hier schon 1922 Fuß: Zum "Deutschen Tag" mehrerer nationalistischer Verbände marschierten mehrere hundert SA-Männer durch Coburg. Es war der erste solche Massenaufmarsch der Nazis, und er sorgte für großes Aufsehen. Im Frühjahr 1933, nach Hitlers Machtergreifung, setzten die Coburger Nazis missliebige Personen in der Polizeiwache fest und folterten sie.

Herzog Der vormalige Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha nahm an den Veranstaltungen des Deutschen Tags teil und war seither bekennender Anhänger Hitlers. Der hievte den ehemaligen Herzog auf wichtige Posten: So wurde Carl Eduard 1933 Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, 1938 Präsident des Internationalen Ausschusses ehemaliger Frontkämpfer. Büschel nennt ihn einen "Täter der zweiten Reihe", der durch sein Handeln als Diplomat das Regime der Nazis stabilisieren half.

Autor Hubertus Büschel, geboren 1969 in Weidach bei Coburg, verließ Coburg mit 21, studierte Geschichte und Germanistik in München und Berlin, promovierte in Göttingen, war von 2007 bis 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Potsdam und assoziiert am dortigen Zentrum für Zeithistorische Forschung. Von 2009 bis 2015 war er Juniorprofessor für Kulturgeschichte am International Graduate Centre for the Study of Culture in Gießen und an der dortigen Justus-Liebig-Universität. Seit 2015 ist er Professor für Zeitgeschichte an der Universität Groningen, Niederlande. Zuletzt erschienen von ihm u.a. "Untertanenliebe. Der Kult um deutsche Monarchen 1770-1830" (2006) und "Hilfe zur Selbsthilfe. Deutsche Entwicklungsarbeit in Afrika 1960-1975" (2014).

Buch Hubertus Büschel. Hitlers adliger Diplomat. Der Herzog von Coburg und das Dritte Reich. Frankfurt am Main, 2016 (S. Fischer Verlag), im Buchhandel. ISBN 978-3-10-002261-5; 24,99 Euro.