• Coburg: Handarbeitsladen "Pingouin" schließt Ende des Jahres
  • "Es ist mein Leben": Hiltrud Oehrl macht sich 1979 mit Hobby selbstständig
  • Um Zukunft der Branche stehe es schlecht: "Kinder lernen ja nichts mehr"

Es ist mehr als ein Broterwerb für Hiltrud Oehrl: Ihr Geschäft "Pingouin - Wolle und Handarbeiten" in der Coburger Judengasse 9 fülle ihr alltägliches Leben aus - auch über die Öffnungszeiten hinaus. Mit Ende 30 habe sie ihr Hobby zum Beruf gemacht, teilt sie inFranken.de mit. Im Oktober werde sie 80 Jahre alt: "Jetzt ist Feierabend", so ihr zufriedener Kommentar. Doch mit Bedauern blickt sie auf die Entwicklung ihrer Branche.

Traditionsladen in Coburg schließt: "Kinder lernen heutzutage nichts mehr"

Nähgarn, Wolle, Borten, Strickanleitungen und Co.: Oehrl vertreibt in ihrem Geschäft vieles, was Handarbeitsfans suchen. "Stricken, ein bisschen Nähen oder Mottenlöcher stopfen - ich kann alles", sagt die 79-Jährige selbstbewusst. Seit dem Tod ihres Mannes manage sie ihren Laden alleine. Durch ihn sei sie 1979 in die Selbständigkeit geraten: Er habe sie auf eine Zeitungsanzeige aufmerksam gemacht, in der das französische Franchiseunternehmen "Pingouin" nach Interessenten für den Standortaufbau in Coburg gesucht habe.

Zuvor habe sie zwar nicht das Ziel gehabt, in der Handarbeit beruflich Fuß zu fassen, doch sie sagt: "Es war schon als Kind mein Hobby. Ich muss immer was in der Hand haben." Seit 40 Jahren komme das Landestheater Coburg einmal jährlich mit Auftragsarbeiten auf Oehrl zu. "Ich fertige Kostüme nach den Vorlagen der Kostümbildnerinnen an", erklärt sie. Auch nach der Arbeit werkele sie zu Hause. "Es ist für mich keine Arbeit."

Ihren vier Enkeln habe sie ihr Wissen gerne weitergegeben, doch nur die große Enkelin wende es regelmäßig an. Keines der Enkelkinder wolle das Geschäft übernehmen. Das decke sich mit ihren allgemeinen Beobachtungen zur Handarbeit: "Die Kinder lernen heutzutage ja nichts mehr. Es interessiert nicht. Mit der Zukunft der Branche sieht es schlecht aus." Ältere Kundschaft, die das Geschäft mit großem Interesse aufgesucht hätte, gehe mit der Zeit zurück. Junge kämen kaum nach.

"Wer will heutzutage ein neues Geschäft übernehmen?"

Auch Lieferanten gebe es weniger und ein dreimaliger Ausfall der Handarbeitsmessen aufgrund der Pandemie habe ebenso wenig zur Belebung der Branche beigetragen. "Wer will auch heutzutage ein neues Geschäft übernehmen? Die Miete und Heizung werden teurer", fügt sie hinzu. Vor ihrer Entscheidung zur Schließung in diesem Jahr habe sie nie über ein Ende ihres Ladens nachgedacht. "Es ist mein Leben, aber jetzt werde ich 80 und meine Tochter hat gepredigt." So habe sie schließlich eingewilligt und ein gutes Gefühl dabei. "Es ist die richtige Zeit."

Was sie in ihrem Ruhestand tun werde, sei ihr schon klar: "Handarbeit!" Ihre Kundschaft brauche nach der Schließung des Coburger "Pingouin"-Ladens nicht vollkommen auf Hiltrud Oehrl zu verzichten, denn sie führe weiterhin gerne Aufträge aus. "Zum Beispiel Hausschuhe aus ungesponnener Schafswolle."