Die Stadt Coburg hat am Samstag, dem 75. Jahrestag der Novemberpogrome im Jahr 1938, in einer Feierstunde ihrer ermordeten und verfolgten, ehemaligen jüdischen Mitbürger gedacht. Zweiter Bürgermeister Norbert Tessmer (SPD) erinnerte in seiner Rede auf dem Marktplatz an die Gründung des Bündnisses "Coburg ist bunt", das deutlich mache: "Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Gewalt haben in Stadt und Land Coburg keinen Platz!"
Der Gedenkfeier auf dem Maktplatz ging ein Schweigemarsch voraus, der sich an fünf Treffpunkten in der Altstadt formierte und als Sternmarsch zum Rathaus führte. Auf dem Weg zum Marktplatz machten die einzelnen Schweigemärsche an den einstigen Wohnhäusern von Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Station.
Dort sind Stolpersteine in den Straßenbelag eingelassen, die an das Schicksal der früheren Mitbürger erinnern.

Stadt lebt von Vielfalt

Auf dem Marktplatz war zuvor ein großer symbolischer Stolperstein vor dem Rathaus errichtet worden, an dem die Teilnehmer der Gedenkfeier die Fotos aller 107 Stolpersteine in Coburg befestigten. Bürgermeister Tessmer wies auf die ethnische, multikulturelle und religiöse Vielfalt Coburgs hin, über 100 Nationalitäten an der Hochschule, in Coburger Unternehmen; viele Coburger Firmen seien weltweit aufgestellt.
Dennoch galt ein kritischer Seitenblick auch gegenwärtigen Fehlentwicklungen, wie etwa Kundgebungen, Versammlungen und Demonstrationen rechtsextremer Parteien oder auch der irrationalen Kritik am Bau eines Minaretts in Coburg. Tessmer: "Entwicklungen, die keiner will; Entwicklungen, die man nicht ignorieren darf; Entwicklungen, denen man Einhalt gebieten muss!"
Tessmer erinnerte sich an eine persönliche Begegnung mit der einstigen Coburger Bürgerin Anne Rubin im Jahr 2008. Im Jahr 1927 in Coburg geboren, habe sie miterleben müssen, wie am 9. November 1938 ihr Großvater gestorben und ihr Vater verhaftet worden sei. Ihre Großmutter habe in der Folge Selbstmord begangen, um dem Transport in ein Vernichtungslager zu entkommen.
Anne Rubin, ihre Mutter und ihre Geschwister konnten über Großbritannien nach Ohio/USA fliehen. "Obwohl Anne Rubin eigentlich nie wieder nach Deutschland, geschweige denn in ihre Geburtsstadt zurückkehren wollte, kam sie doch", berichtete Tessmer. Der Grund sei ihr Anliegen gewesen, in der Gegenwart der Vergangenheit um der Zukunft willen zu gedenken. "Als Zeitzeugin der nationalsozialistischen Vergangenheit Coburgs hat Anne Rubin während ihres Aufenthalts in Coburg mehrfach den Dialog mit den Generationen gesucht."
Stadtheimatpfleger Hubertus Habel erklärte die historischen Hintergründe der Novemberpogrome 1938 und ging dann auf die lokalen Ereignisse in Coburg ein. Max Frank und der Rechtsanwalt Martin Baer waren die ersten Opfer in Coburg. Unter anderem wurde die provisorische Synagoge in der Hohen Straße im November 1938 zerstört. Die jüdischen Mitbürger wurden am 10. November 1938 auf dem Marktplatz zusammengetrieben. Die Männer wurden zunächst in der Angerturnhalle interniert, um später ins Gefängnis nach Hof transportiert zu werden.

Juden mussten zahlen

Ein Grund für die Novemberpogrome sei auch die damit eröffnete Möglichkeit zur Arisierung jüdischer Vermögen gewesen sein, mutmaßt Habel: Die "Reichssühnesteuer", die den Juden auferlegt worden sei, habe 1,2 Milliarden Mark Einnahmen für den NS-Staat gebracht, Geld, das die Nazis für die militärische Aufrüstung Deutschlands brauchten.
Die Gedenkfeier auf dem Marktplatz wurde von Sepp Kuffer und Vera Olmer vom Ensemble Inspiration mit jiddischen und hebräischen Lieder umrahmt. Michael Lion vom Landestheater Coburg verlas die Namen der in den Stolpersteinen vermerkten Opfer des Nationalsozialismus vor, Juden, aber auch nichtjüdische Opfer des Nationalsozialismus, wie etwa politische Gegner oder Menschen mit Behinderung ("Euthanasieopfer"). Pfarrer Dieter Stößlein vom Evangelischen Bildungswerk und Vera Olmer sprachen zum Abschluss der Gedenkfeier das Kaddisch, das jüdische Totengebet in deutscher und hebräischer Sprache. mako