"Dem sollte nicht stattgegeben werden": Das empfiehlt der Internationale Denkmalrat (Icomos) angesichts des Antrags, das Unesco-Welterbe "Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt" um zwölf Lutherstätten in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Bayern (Veste Coburg) zu erweitern.

Der Icomos begutachtet für die Unesco die Objekte, die fürs Welterbe vorgeschlagen werden. Vier Empfehlungen seien möglich, sagt Klaus Weschenfelder, Direktor der Kunstsammlungen der Veste Coburg. Diese lauten: annehmen, überarbeiten, zurückstellen, ablehnen. Im Falle der zwölf Luther-Gedenkstätten hat der Icomos Ablehnung empfohlen.

Über alle anderen Empfehlungen könne sich die Unesco notfalls hinwegsetzen, sagt Weschenfelder, der den Antrag mitformuliert hat. Aber über die Ablehnung nicht. Deshalb habe das Bundesland Sachsen-Anhalt in Absprache mit den anderen beteiligten Bundesländern Bayern, Thüringen und Sachsen den Antrag zurückgezogen, kurz vor der Tagung des Unesco-welterbekomitees. Das wird ab Sonntag für zehn Tage in Krakau (Polen) zusammenkommen.

Auf der Tagesordnung stehen dann nurmehr drei deutsche Welterbe-Anträge: die Höhlen er ältesten Eiszeitkunst im Schwäbischen Jura, der Naumburger Dom und die hochmittelalterliche Kulturlandschaft an Saale und Unstrut, das Bauhaus und seine Stätten in Weimar, Dessau und Bernau.


Brief an Seehofer

Dass der Antrag auf Erweiterung des Welterbes Lutherstätten zurückgezogen wurde, lässt eine - wenn auch kleine - Hintertür: Ein Antrag, der von der Unesco abgelehnt wurde, darf nicht erneut gestellt werden. Ein Antrag, der vorher zurückgezogen wurde, dagegen schon. Doch ob es dazu kommen wird, sei derzeit völlig offen, betont Weschenfelder.

Coburgs Zweite Bürgermeisterin Birgit Weber (CSU) hofft indes auf eine neue Bewerbung und schrieb einen entsprechenden Brief an Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Sie verweist dabei auf die Bedeutung des Siegels "Welterbe" für den Tourismus.

Der Icomos beurteilt die vorgeschlagenen Welterbestätten unter mehreren Gesichtspunkten. Einer war, ob die zwölf vorgeschlagenen Lutherstätten einen neuen eigenen Beitrag zu den schon als Welterbe anerkannten sechs darstellen. Das verneint der Icomos: Luthers Geburts- und Sterbehaus, die Schlosskirche Wittenberg und die drei anderen Stätten vermitteln genug über Luthers Leben und Wirken - dem würden die zusätzlichen Stätten nichts Wesentliches hinzufügen. Zudem seien sie wenig authentisch: Das Collegium Augusteum entstand erst nach Luthers Tod; das Augustiner-Kloster Erfurt musste nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut werden. In der Mansfelder St.-Georgs-Kirche habe Luther nur zufällig die letzten vier Predigten seines Lebens gehalten, heißt es sinngemäß in der Bewertung des Icomos, und die Veste Coburg könne nicht als authentischer Ort entscheidender Ereignisse der Reformation gesehen werden.

Ausdrücklich kritisiert der Icomos, dass die Wartburg nicht in den Antrag aufgenommen wurde. Thüringen hatte das nicht getan, weil die Wartburg schon Welterbe ist - doch das war für den Icomos kein Argument. Dass die Wartburg auch kaum mehr authentisch ist, zählt auch nicht - entscheidend ist für den Icomos, dass Luther dort das Neue Testament ins Deutsche übertrug. Die Schriften, die auf der Veste während des Reichstags in Augsburg entstanden, sind für den Icomos offenbar nicht von so großer Bedeutung. Immerhin lobt er die ausgefeilte und gut präsentierte Bewerbung. Dass die Veste Coburg in dem Beurteilungstext mehrfach nach Erfurt verlegt wird, dürfte ein Versehen sein: Dass Coburg in Bayern liegt, steht ganz am Beginn des Dossiers, wird aber dann mehrfach vergessen. (Zu finden ist die Stellungnahme hier.)


Gute Präsentation

Weschenfelder zeigt sich stolz auf die Arbeit vor Ort: "Die lokale Arbeitsgemeinschaft hat hervorragend zusammengearbeitet und im Rahmen der Antragstellung mit großen Engagement das Profil der Veste Coburg als bedeutende Lutherstätte klar herausgearbeitet." Für die Antragsteile, die die Veste Coburg betreffen, war die lokale Arbeitsgruppe zuständig, bestehend aus Vertretern der Bayerischen Schlösserverwaltung, den Kunstsammlungen, der Stadt Coburg mit Bauverwaltung, Kulturverwaltung und Tourismusbetrieb, dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und dem Evangelisch-lutherischen Dekanat.

Enttäuscht klingen auch die Stellungnahmen aus diesem Bereich: "Wir bedauern den Rückzug des Antrages sehr, auch wenn die Beweggründe dafür aus überregionaler Sicht nachzuvollziehen sind", erklärte am Dienstag Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD). "Die Ernennung der Veste Coburg zum Unesco-Weltkulturerbe wäre das i-Tüpfelchen auf dem Lutherjahr 2017 gewesen, in dem ja auch die Bayerische Landesausstellung die historische Bedeutung der Veste zweifelsfrei würdigt. Dennoch bleibt Coburg für mich eine der schönsten und besterhaltenen Städte in ganz Deutschland mit einer reichen Historie und einer lebendigen Gegenwart. Und diesem Ruf werden wir weiter pflegen und in die Welt tragen - auch ohne Kulturerbe-Siegel."

Coburgs Tourismus-Chef Michael Amthor bedauert, dass er nun nicht mit dem Welterbe werben kann. "Verdient hätten wir es gehabt."