Auf den ersten Blick schauen die Ergebnisse eines Netzstresstests durch den Netzbetreiber Tennet für das Coburger Land gar nicht einmal so schlecht aus. Tennet schließt bei seinen Entwicklungsoptionen für den Netzausbau nicht aus, dass - langfristig gesehen - "signifikant weniger Strom von Nord nach Süd" transportiert werden muss. So jedenfalls steht es in einer Pressemitteilung des Netzbetreibers.


Doch gemach - Tennet-Pressesprecher Markus Lieberknecht bremst die Erwartungen in den von P 44 (oder P 44 mod.) betroffenen Kommunen. Mit dem Netzstresstest habe sein Unternehmen Möglichkeiten untersucht, wie es mit dem Netzausbau nach dem Jahr 2030 weitergehen könnte. Denn Fachleute gehen davon aus, dass in 15 Jahren maximal 50 Prozent des Stroms in deutschen Netzen aus erneuerbaren Energiequellen stammen. Langfristiges Ziel sind aber 80 Prozent.


Mönch: "Papier ist geduldig"

"Denkanstöße", erklärt Lieberknecht auf Tageblatt-Anfrage, wolle der Netzstresstest geben. Und dazu gehöre auch die Option, nach dem Jahr 2030 gar nicht mehr groß neue Leitungen in Deutschland zu bauen. Bei Tennet schließt man dieses Szenario offensichtlich nicht aus, schon gar nicht im süddeutschen Raum, wo der Netzbetreiber durchaus Möglichkeiten für die von vielen Politikern geforderte dezentrale Stromerzeugung sieht.


Was es dafür bräuchte, hat Tennet in seinem Test zusammengeschrieben: mehr Kombinationen aus Photovoltaik und leistungsfähigen Speichern in Süddeutschland. Das sieht auch der Weidhäuser Bürgermeister Markus Mönch (parteilos) als energischer Gegner neuer Trassen so: "Aus unserer Sicht hört sich das alles ganz gut an." Doch um jetzt schon von einem Ende für die Planungen von P 44/P 44 mod. zu träumen - so viel gibt die Tennet-Pressemitteilung nach Ansicht Mönchs dann doch nicht her: "Papier ist geduldig."


Gesucht: Lösungen für die Zeit nach 2030


Auf Spekulationen über im Coburger Land heiß diskutierte Projekte wie die Stromtrasse P 44 lässt sich Markus Lieberknecht ohnehin nicht ein. Zwar erkennt auch der Pressesprecher gewissen Interpretationsspielraum in der Pressemitteilung zum Netzstresstest, verweist aber auch auf den langfristig angesetzten Ansatz der Untersuchung: "Wir suchen nach Wegen, die zu Lösungen für die Zeit nach 2030 führen." Allerdings: Wer auf die enormen Entwicklungen bei Computern und mobiler Kommunikation in den vergangenen 15 Jahre schaue, der könne auch eine ähnliche Entwicklung im Bereich der Energie-Infrastruktur nicht ausschließen.


Auf laufende oder gar gesetzlich im Netzentwicklungsplan verankerte Projekte bezieht sich der Netzstresstest aber nicht, betont Lieberknecht. Im Klartext: Erst bei der Vorstellung des fortgeschriebenen Netzentwicklungsplans werde sich 2017 zeigen, wie es mit den Höchstspannungsleitungen im Coburger Land weitergehen wird.