Am 13. Januar des Jahres 2009 betonierte Gunter Demnig die ersten Stolpersteine in Oberhausen und Viersen in den Boden. Vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort von NS-Opfern sind die Gedenktafeln aus Messing in den Bürgersteig eingelassen. "Hier wohnte" beginnt jeder Text darauf. Es folgen der Name, Geburts- und Todestag. Immer sind es Menschen, die in den Jahren zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten verschleppt und ermordet wurden. "Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen wieder lebendig."

Inzwischen liegen Stolpersteine in 1265 Kommunen Deutschlands und in 21 Ländern Europas. "Rund 80000 Stolpersteine habe ich verlegt. Das ist so wenig, aber doch so viel", sagte Demnig am Samstagabend im Saal des Coburger Rathauses. Vor knapp zwei Dutzend Zuhörern berichtete der Künstler über das Projekt, sein Leben und seinen Werdegang. Per Livestream waren weitere Menschen im In- und Ausland zugeschaltet.

Interesse größer denn je

Nach anfänglicher Ablehnung durch viele Städte ist das Interesse an den Stolpersteinen größer denn je. Die "Stiftung - Spuren - Gunter Demnig" stellt die Stolpersteine, organisiert die Verlegung durch Demnig und verwaltet die Datenbank mit den Namen der Opfer. "Inzwischen haben wir zwei neue Stellen geschaffen, um die Texte per Hand in die Messingtafeln einzuschlagen, und eine weitere Stelle für die Verwaltung der Datenbank." Die Nazis hätten den Holocaust industriell und fabrikmäßig betrieben, deshalb könnten und dürften die Steine nicht maschinell angefertigt werden.

Geboren wird die Idee 1992. Zuvor hat Gunter Demnig auf die Deportation von Sinti und Roma aus Köln 1940 aufmerksam gemacht. Schon vorher erregt er mit Aktionskunst Aufmerksamkeit, nicht immer gesetzeskonform. Etwa 1981, als er zwischen Kassel und London eine rote Spur zieht - aus Tierblut. "Blut ist ein Symbol für Leben", sagte Demnig. Dass er 36000 Mark für die Straßenreinigung zahlen soll und mit dem Tierkörperbeseitigungsgesetz in Konflikt gerät - das löst sich in Wohlgefallen auf.

Die Stolpersteine - am vergangenen Samstag hat er zum zweiten Mal wieder einige vor Häusern in Coburg in den Boden gebracht - "sind keine Grabsteine". Es sei ein anderer Geschichtsunterricht.

Von Norwegen bis Griechenland

Das Interesse von jungen Menschen an der Aktion bezeichnete er als Triebfeder weiterzumachen. Vergangene Woche verlegte Gunter Demnig in Serbien 22 Stolpersteine. Auf einer kleinen Insel in der Nähe von Hammerfest in Norwegen ist der nördlichste Stein zu sehen, in Thessaloniki in Griechenland der südlichste. 2019 war der Künstler an 270 Tagen für die Stolpersteine unterwegs. "Mittlerweile mache ich nichts anderes." Natürlich gibt es nicht nur Zustimmung. Ein Hausbesitzer sieht durch zwei Stolpersteine Kinder und Enkel permanent an das Unrecht in der NS-Zeit erinnert und somit beeinträchtigt. Dann soll der Vorgarten - ein schmaler Streifen mit etwas Vegetation - nicht mehr zur Geltung kommen und schließlich der Wert des Grundstücks gemindert sein. Vor dem Landgericht werden die Klagen abgewiesen. Alle elf Stolpersteine werden in Greifswald in einer Nacht zum 9. November (1938 war an diesem Tag die Pogromnacht) herausgerissen und die Stadt in den Sozialen Medien als "Stolperstein frei" bezeichnet. "Danach kamen so viele Spenden, dass 96 weitere Stolpersteine installiert werden konnten." In den 20 Jahren der Aktion hat Gunter Demnig nach eigenen Worten drei Morddrohungen erhalten. "Geht also." cw