Ulvi Kulac hat keinen Geburtstag, trotzdem gibt es Geschenke. Tabak zum Beispiel, den hat er sich gewünscht von seinen Unterstützern, die am Samstagabend zum Pressetermin nach Bayreuth kommen. Es wird eng im Nebenzimmer der Becher-Bräu. Menschen mit schwarzen T-Shirts, auf denen in weißer Schrift "Freiheit für Ulvi Kulac jetzt" steht, herzen den 36-Jährigen. Nicht nur die guten Wünsche, auch den Tabak wird Kulac später wieder mitnehmen auf sein Zimmer im Bezirksklinikum. Das teilt er sich mit vier Mann.

"Wie soll er da lernen, was Intimsphäre ist und die anderer zu respektieren?" Thomas Saschenbrecker stellt die Frage. Er trägt dunklen Anzug und rote Krawatte, er spricht schnell und mit leicht badischem Einschlag. Er ist Kulac' neuer Anwalt, ein Fachmann für Strafrecht und Psychiatrie, der den Lichtenberger freibekommen soll.
"Da wir im Maßregelvollzug sind, blieb uns nur, jetzt eine schnellstmögliche Anhörung zu beantragen, um auch die Ungereimtheiten aus dem neuen Gutachten über meinen Mandanten zu widerlegen. Das ist sein gutes Recht, alles andere ist unmenschlich."

Genau dieses zügige Vorgehen hatte Kulac' Betreuerin Gudrun Rödel vom bisherigen Rechtsvertreter Michael Euler vermisst und ihm jüngst das Mandat entzogen. Der Frankfurter hatte in der Wiederaufnahme zum angeblichen Mordfall der seit Mai 2001 verschwundenen Peggy einen Freispruch für den Lichtenberger Gastwirtssohn erwirkt. "Für Herrn Euler mag das ein großer Erfolg sein", sagt Gudrun Rödel, "für Ulvi ist es nur eine Etappe auf dem Weg in die Freiheit."

Frage der Verhältnismäßigkeit

Thomas Saschenbrecker sagt, Kulac' Chancen stünden gut. "Die Kernfrage lautet: Ist es verhältnismäßig, nach über einem Jahrzehnt wegen der vorgeworfenen Missbrauchstaten noch zu vollstrecken? Ich meine nein." Der Anwalt will dabei auch ein neues Gutachten revidieren. "Der Gutachter richtet sich nach einem anderen Gutachten aus dem Jahr 2010. Das ja damals noch auf einer Beurteilung von Herrn Kulac inklusive Mordvorwurf beruhte."

Der ist vom Tisch - es bleibt der sexuelle Missbrauch mehrerer Kinder, vor denen sich der heute 36-jährige Kulac, der auf dem geistigen Niveau eines Achtjährigen steht, entblößt und die er zu "Doktorspielen" animiert haben soll. Die Haftstrafe für den angeblichen Mord an Peggy hat er nie angetreten. Für den Anwalt ist klar: "Dass er auf Grund seiner geistigen Einschränkung 2004 nicht ins Gefängnis kam, sondern in psychiatrische Behandlung, dürfte mittlerweile zu seinen Lasten ausgelegt werden. Hätte er für die Missbräuche regulär eingesessen, er wäre seit vier oder fünf Jahren ein freier Mann."

Der Anwalt sieht für den Lichtenberger gute Möglichkeiten, sich bald in relativer Freiheit zu bewegen. "Er braucht eine vernünftige Entlassperspektive - und die hat er: Er hat eine Betreuerin, die den Übergang in ein geregeltes Leben gewährleistet. Er hat ein gefestigtes Umfeld und die Gewissheit auf einen strukturierten Alltag." Laut Gudrun Rödel haben sich mehrere Wohneinrichtungen gemeldet, die Kulac aufnähmen.

Der Betroffene selber sitzt in der ganzen Zeit, in der über ihn geredet wird, neben seinem Anwalt am Tisch und schweigt. Er schenkt sich ein Weizenbier ein, lächelt ab und an, bestellt sich Essen. Er ahnt, dass es um ihn geht, aber er sagt gleich, dass er nichts sagen wird. Die Geschenke nimmt er mit auf seinem Weg zurück ins Bezirksklinikum, seine "Heimat" seit zwölf Jahren.