Großer Bahnhof für eine Uhr? Eine, die ein bisschen verbeult ist und zwischen der Ziffer 9 und der Ziffer 10 Löcher hat... Einschusslöcher! Es ist nicht irgendeine Uhr. Sondern der Regulator der Marke Junghans, der wohl Generationen von Hallstadtern ihre letzte Stunde geschlagen hatte, zumindest die jeweilige in der Brauerei Diller und bis 13. April 1945.

68 Jahre lang war der imposante dunkle Kasten dann verschwunden. Nun haben Jürgen Walz, Martina Bah, Uschi Dechant und Gerd Groh dem Regulator eine triumphale Rückkehr beschert und dafür gesorgt, dass möglichst viele von dessen bewegter Geschichte wissen...

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So soll die Uhr in der Gaststube fortan alle nicht nur mahnen, die Greta zu verlassen, wenn es Zeit ist. Sie soll auch daran erinnern, dass in den fast 70 Jahren ihrer Abwesenheit Friede geherrscht hat und dass die Zeit des Friedens möglichst für immer andauern möge.
So jedenfalls hat es Zeremonienmeister Jürgen Walz den Hall stadtern ans Herz gelegt.

Zuvor jedoch sorgte ein Zug vom Marktplatz zur " Greta", zu der geht der Hallstadter, wenn er das offiziell Brauerei Goldener Löwe betitelte Wirtshaus besucht, für Aufsehen: Walz mit der Teufelsgeige, Uschi Dechant mit der Quetsche. Ehre wem Ehre gebührt - diesmal dem Regulator. Das gute Teil in der Gaststube ist noch so verhüllt, dass nur die Spitzen zweier Hirschgeweihe aus dem weißen Tuch ragen. Dann endlich, die Geschichte zum Regulator. Walz erzählt sie mit ebenso launigen wie hintersinnigen Worten.

Dazwischen immer wieder Applaus. Mindestens 250 Jahre, so Groh scherzhaft über die engagierten und teils hoch betagten Helfer Gretas (Amanda, Jutta, Hildegard, Hildegund und wie sie alle heißen) werkeln emsig hinter der Theke und in der Küche, damit die vielen Gäste auch was zu essen und zum Trinken bekommen. Der 84-jährige Johnny gehört ebenfalls fast schon zum Inventar - wie die gleichaltrige Greta. Die weint vor Rührung, als Gerd Groh und Aushilfskoch Marcel den guten alten Regulator enthüllen.

Ansonsten ist die Greta praktisch immer auf der Flucht vor der Kamera oder vor allzu deutlichem Lob. Denn "hier trifft sich alles, jung, alt, groß, klein, schwarz, rot", erklärt Harald Werner, alias Brandners Kaspar und Partner des schönsten Todes überhaupt, also Gerd Groh, einem Großneffen der Greta übrigens.

Sonst ist es immer die Greta, die schöne alte Hallstadter Geschichten auf Lager hat. Aber heute erzählt Jürgen Walz die Geschichte vom Regulator. Nur so viel verrät die Greta an diesem Abend, dass "der Ami da gestanden hat", wo sie jetzt steht, am Durchgang zur Küche...

Im Frühjahr 1945 wird auch Hallstadt von den US-Streitkräften beschossen und annektiert. Das Hauptquartier schlugen die Amerikaner in der Brauerei Diller auf, damalige Besitzer: Peter und Kunigund Diller - die Eltern "der Greta". Warum, kann keiner mehre sagen, aber plötzlich drehte ein Amerikaner durch und schoss auf den Regulator. Die Schüsse trafen die Uhr (eventuell ein Hochzeitsgeschenk von Gretas Eltern), so dass sie ihren Dienst versagte und alsbald aus der Wirtsstube verschwunden war. Die Geschichte selbst aber blieb in den Köpfen der Hallstadter. So, dass sie auch jüngst bei einer Jubelkommunion wieder zum Besten gegeben wurde.

Und da kommt nun Martina Bah ins Spiel: Es war auch ihre Jubelkommunion und die 47-Jährige erklärte: "Die Uhr haben wir daheim." Davon wiederum erfuhr Gerd Groh, genannt der Scherbensepper, weil er sich brennend für alles Historische in Hallstadt interessiert und unter anderem Hallstadter Bierkrüge sammelt.

Der verschwundene Regulator

Auf jeden Fall ging der Scherbensepper der Sache auf den Grund und konnte bestätigen, dass es sich tatsächlich um den Regulator handelte. Martina Bahs Vater hatte ihn von Gretas Mutter bekommen. "Des alte Ding, do nimm's mit", habe die seinerzeit gesagt. Seitdem war der Regulator im Keller der Familie.
Gerd Groh, seines Zeichens Mechaniker nahm ihn nun mit. "Er ist noch gegangen." Allerdings stand eine Generalreinigung an. Der ganze Wirtshausrauch und die sonstigen Gaststuben-Emissionen waren an dem Regulator nicht spurlos vorbeigegangen. Groh reinigte und polierte die Uhr. Martina Bah freut sich, dass die Uhr in Hallstadt bleibt, an angestammter Stelle.

Der äußerst heimatverbundene Jürgen Walz (Initiator des Mühlbauernfestes) erfuhr von dieser Geschichte und sann auf die würdige Rückführung. Und auch er hat noch eine weitere Geschichte zum Regulator auf Lager: Vor kurzem war Werner Christa mit seinem amerikanischen Cousin bei "der Greta" zu Gast, wo ihm selbstverständlich auch die Sache von den Schüssen und der Uhr kredenzt wurde.

Sein Vater war wohl als Besatzer in Hallstadt, wo er dann vermutlich auch seine spätere Frau kennen gelernt hat. Ob er der durchgeknallte GI war? Durchaus denkbar, meinte der Besucher, angesichts des etwas verrückten Wesens seines Vaters. Den könne man aber nicht mehr fragen, weil er bereits tot ist. .. Quicklebendig, zum Glück die Greta, die noch viele Geschichten auf Lager hat, wie Groh verrät, der hier als Aushilfs-Kellner aus Passion unterwegs ist. An diesem Ort, in dem so viel Hallstadter Gschichten und Geschichte stecken, und in dem die Zeit still zu stehen scheint. Auch wenn der Regulator jetzt wieder das Maß der Stunden ist - möglichst friedlichen.