Die erste Frage ist gar nicht so einfach: Wo kommt der Stein her? Denn wenn der Autofahrer vor Schreck vor dem Knall in der Windschutzscheibe zusammenzuckt, heißt das nicht zwangsläufig, dass jemand tatsächlich einen Brocken von der Autobahnbrücke geworfen hat...

Wir haben uns mit Paul Freudensprung, Dienststellenleiter der Verkehrspolizei Bamberg, über das Thema "Steinewerfer" unterhalten. Die Behörde ist zuständig für die Autobahnen und großen Bundesstraßen (wie die B 505) im Landkreis Bamberg und Forchheim.

Herr Freudensprung, man hat den Eindruck, dass immer häufiger Menschen Steine von Brücken auf Autos werfen. Kann das durch Zahlen belegt werden?
Paul Freudensprung: Die Fallzahlen sind nahezu unverändert auf niedrigem Niveau. Tatsächlich belegen kann man nur die Fälle, in denen der Stein die Scheibe durchschlagen hat und im Fahrzeug liegen geblieben ist. Das sind dann richtige Brocken, etwa faustgroß. Meistens findet man die Steine aber gar nicht.

Wieso? Wenn man von "Steinewerfern" hört, geht man davon aus, dass der Brocken tatsächlich die Scheibe durchschlägt.

Das ist in den seltensten Fällen so. Es liegen viele kleinere Steine auf den Fahrbahnen herum. Die werden aufgewirbelt und schleudern gegen das Auto. Selbst ein kleiner Stein kann einen lauten Knall erzeugen.

Ein solcher Stein würde aber vermutlich keinen Schaden am Auto anrichten?

Das ist nicht gesagt. Nehmen Sie zum Beispiel einen LKW auf der Gegenfahrbahn. Der hat ein sehr grobes Reifenprofil, da kann sich ein Stein verfangen und dann einem entgegenkommenden Auto in die Scheibe fliegen. Der kann eine ganz schöne Wucht haben und der Autofahrer erschrickt. Vielleicht ist zu diesem Zeitpunkt gerade jemand über eine Brücke gelaufen oder hat nach unten geschaut und den Verkehr beobachtet. Da kann es schon sein, dass der Autofahrer vermutet, jemand hat den Stein von oben geworfen.

Wie im Fall der Autofahrerin aus dem Landkreis Bamberg vom Samstag? Die Frau war zwischen Bamberg-Ost und Bamberg-Süd unterwegs, als ihr Steine aufs Auto knallten. Die 55-Jährige blieb unverletzt, der Sachschaden liegt bei 1000 Euro.

In diesem Fall suchen wir nach Zeugen, die eventuell Menschen auf der Brücke gesehen haben. Die Steinschläge haben zwar das Autodach und die Windschutzscheibe beschädigt, sind aber abgeprallt und nicht durch das Glas geschlagen.

Was passiert, wenn ein Brocken tatsächlich durch die Scheibe kracht?

Sie haben dann ein Loch in der Scheibe, aus der Teile absplittern. Oder sie springt. Aber das Sicherheitsverbundglas ist insgesamt sehr stabil.

Wie sollte man sich in so einem Fall verhalten?
Da gibt es keine generelle Empfehlung. Natürlich sollten Sie versuchen, das Lenkrad nicht zu verreißen. Und auch nicht plötzlich bremsen, sonst fährt Ihnen noch der Hintermann drauf. Wenn es irgendwie geht, sollten Sie die Geschwindigkeit verringern und Ihr Fahrzeug kontrolliert auf dem Seitenstreifen zum Stehen bringen.

Nehmen wir an, ein Autofahrer erkennt den Steinewerfer und dieser wird gefasst. Mit welchem Strafmaß muss er rechnen?

Das kommt auf die Schwere des Vergehens an. Normalerweise bewegen wir uns im Bereich eines "gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr", wenn also jemand etwas auf die Straße wirft. Hier droht eine Freiheitsstrafe von einem bis zu fünf, manchmal bis zu zehn Jahren. Wenn ein Autofahrer tödlich verletzt wird, kann die Anklage aber auch auf Totschlag oder Mord lauten.

Gab es denn in den letzten Jahren Fälle, in denen ein Mensch bei einem Steinwurf verletzt wurde?

Nein. 2008 war ein Fahrlehrer mit seinem Fahrschüler auf der A 70 in Richtung Schweinfurt unterwegs und sah, dass ein Kind aus einer Gruppe einen Stein warf. Als dieser in die Windschutzscheibe einschlug, erschrak der Fahrschüler dermaßen, dass er ins Schlingern kam und der Fahrlehrer das Auto abfangen musste. Die Gruppe Kinder konnte nicht ermittelt werden. Der Schaden belief sich auf etwa 600 Euro.

In einem anderen Fall wurde 2010 ein junger Fahrer nach seiner Auskunft auf der A 73 kurz vor Ebensfeld von der Brücke aus mit Eisbrocken beworfen und wich mit seinem Klein-LKW aus. Er kam ins Schleudern und prallte gegen die rechte Leitplanke. Zu dem Unbekannten konnte er keinerlei Angaben machen. Er selbst blieb unverletzt, der Sachschaden betrug 4000 Euro.

Wie viele Fälle von nachgewiesenen Steinwürfen von Autobahnbrücken gab es denn in den letzten Jahren in Ihrem Einsatzbereich?
2013 gab es bisher einen Fall, 2012 zwei Fälle, 2011 ein Fall,
2010 zwei Fälle, davon ein unbekanntes Wurfobjekt und eine Pylone. Dabei handelt es sich um sogenannte "Steinewerfer"-Fälle, da die Geschädigten angeben, dass unbekannte Täter Gegenstände von einer Brücke auf ihr Fahrzeug geworfen hätten. Die Täter konnten in keinem Fall ermittelt werden. Die Geschädigten können sehr oft keinerlei Angaben zu den Personen machen beziehungsweise teilten den Sachverhalt verspätet mit, da sie teilweise unter Schock standen.