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Bamberg
Basketball

Schiris im mobilen Hotel-Office

Die Unparteiischen sind beim Bundesliga-Finalturnier drei Wochen mit den Spielern und Trainern im Hotel kaserniert. Über das Leben in der größten Basketball-WG der Welt unterhielten wir uns mit Christof Madinger.
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Der erfahrene Schiedsrichter Christof Madinger wirkt in der Partie Brose Bamberg gegen die Frankfurt Skyliners sehr entspannt.  Foto: Daniel Löb/Pool
Der erfahrene Schiedsrichter Christof Madinger wirkt in der Partie Brose Bamberg gegen die Frankfurt Skyliners sehr entspannt. Foto: Daniel Löb/Pool
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Seit 6. Juni spielen zehn Mannschaften im Münchner Audi-Dome um die deutsche Basketball-Meisterschaft. Alle zehn Teams sind mit ihren Trainern und Betreuern während der Corona-Pandemie in einem Hotel untergebracht - darunter auch die Schiedsrichter. Elf Referees sind für das dreiwöchige Turnier nominiert worden. Der aus Kronach stammende Christof Madinger ist einer der Auserwählten. Wir unterhielten uns mit dem 38-Jährigen, den es beruflich seit acht Jahren ins Schwabenland verschlagen hat, wo der promovierte Chemiker bei einem mittelständischen Textilforschungsinstitut als Chief Organisation Officer (COO) arbeitet.

Sie sind einer von elf nominierten Schiedsrichtern bei diesem Turnier. Ein exklusiver Kreis. Wie kam es dazu?

Im April wurde den Schiedsrichtern erstmals das Modell des Finalturniers vorgestellt und unser Führungskreis hat Anfang Mai abgefragt, wer sich das vorstellen kann, drei Wochen dabei zu sein, da Einzeleinsätze aufgrund des Hygienekonzepts nicht möglich waren. Wir mussten uns dann Gedanken machen, ob das privat und beruflich machbar ist. Letztlich wollte die Liga zwölf Schiedsrichter nominieren, damit man nach jedem Spiel einen Tag Pause hat. Es haben sich wohl gut 15 beworben, die genaue Zahl kenne ich auch nicht, die dann nach Leistungsstand ausgewählt wurden. Da sich Robert Lottermoser erst kurz vor dem Turnier verletzt hat, wurde keiner mehr kurzfristig nachnominiert, so dass nun elf hier sind und die Spiele leiten.

Nach drei Monaten Pause ging es in der Bundesliga ohne Testspiele von Null auf Hundert wieder los. Das ist nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Schiedsrichter sicher schwierig. Wie haben Sie Ihre ersten Spiele beim Finalturnier in München körperlich und mental überstanden?

Körperlich gut, einen Muskelkater hatte ich nicht, denn - wie die Spieler - habe ich mich fit gehalten, so gut ich es eben konnte. Das Problem beim Spiel ist eher die Reaktionszeit, die Positionierung auf dem Feld und die Gewöhnung an die Abläufe. Da braucht man ein, zwei Spiele bis man wieder drin ist. Es war ein Kaltstart, der aber gut ausgefallen ist.

Unterliefen Ihnen und Ihren Kollegen mehr Fehler als sonst - die werden ja sicher analysiert?

Es werden auch die positiven Dinge analysiert. Aber auch die Fehler. Wir sitzen nach dem Spiel gemeinsam zusammen und jeder schaut sich auch individuell sein Spiel nochmal an. Das geschieht so seit Jahren. Klar wurde zu Beginn des Turniers mehr gesprochen, doch nach zwei Spielen hat sich das normalisiert.

Der Videobeweis wird bei diesem Turnier weniger verwendet - oder täuscht das? Woran liegt das?

Ich glaube das täuscht, es wird aber keine Statistik darüber geführt.

Die Kommunikation mit dem Kampfgericht, das hinter Plexiglasscheiben sitzt, erscheint schwierig...

Absolut, man hört fast nichts durch. Inzwischen hat man Walkie-Talkies hingelegt. Aber auch der Blickkontakt zu den Kampfrichtern oder dem Kommissar ist schwierig, wenn die Scheibe spiegelt.

Sie sind bis auf den zurzeit verletzten Robert Lottermoser wie alle Bundesliga-Schiedsrichter kein Profi-Referee, sondern haben einen Job. Wie handhaben Sie das mit Ihrer Arbeit - haben Sie Urlaub, sind Sie freigestellt oder in Kurzarbeit?

Ich habe meinen Bildschirm und mein Laptop dabei und arbeite in meiner freien Zeit aus dem Zimmer. Allerdings nicht Vollzeit, das geht natürlich nicht. Bei mir ist es eine Mischung zwischen Urlaub und freien Tagen. Ich hatte mich mit meinem Arbeitgeber abgestimmt, der hat das voll mitgetragen

Wie machen das Ihre Kollegen?

Manche haben komplett Urlaub genommen angesichts der Tatsache, dass in diesem Jahr geplante Urlaube sowieso oft ins Wasser fallen. Andere machen es wie ich und sind im mobilen Hotel-Office.

Lohnt sich das für Sie und Ihre Kollegen? Gibt es für das Turnier eine höhere Bezahlung als die üblichen 625 Euro pro Spiel, zumal Sie ja keine Fahrtkosten oder Spesen abrechnen können?

Es gibt für uns eine Pauschale fürs ganze Turnier, abhängig von der Dauer der Anwesenheit.

Dafür gibt es freie Kost und Logis...

Die Bezahlung ist fair. Jeder macht in der Situation auch Abstriche und verhält sich solidarisch, dazu zählen auch die Schiedsrichter.

Und was sagt Ihre Frau oder Freundin dazu, dass Sie sich mal eben drei Wochen abmelden?

Meine Freundin muss das wie meine Firma natürlich mittragen. Für mich war die Entscheidung arbeitstechnisch kein Problem, die familiäre war die schwierigere. Sie hat aber großes Verständnis dafür gehabt, dass ich diese - wohl einmalige - Herausforderung annehmen kann. So muss es auch sein, sonst funktioniert das nicht.

Früher haben Sie auch international Spiele geleitet. Erinnert Sie das Turnier an eine Junioren-EM?

Ja absolut, viele Schiedsrichter waren ja oder sind noch für die Fiba aktiv. Das Turnier hier ist nur noch länger als eine Jugend- oder Herren-EM, die Belastung ist ähnlich. Dass wir im Hotel nur im BBL-Kreis sind, ist aber viel schöner.

Doch da sind Sie nicht im gleichen Hotel wie die Spieler. Wie ist es, wenn man in der Hotel-Lobby auf die Spieler und Trainer trifft? Sieht man sich gemeinsam das Spiel an und kritisiert die Pfiffe? Oder werden Ihre Entscheidungen vom Spiel davor diskutiert? Wie kann man sich das vorstellen?

Ganz so ist es nicht. Die Schiedsrichter haben einen eigenen Meetingraum. Wir sitzen oft unter uns, doch die Spieler treffen wir beim Essen oder in der Lobby. Da gibt es solche und solche Typen, also welche, die eher quatschen wollen, und welche nicht. Das Verhältnis ist sehr entspannt. Das Turnier trägt auf jeden Fall zum guten Verhältnis zwischen uns als Schiedsrichter und den Spielern und Trainern bei. Manche Spieler kenne ich ja schon lange, Karsten Tadda seit seiner Jugendzeit. Es ist auch ein Interesse da, sich auszutauschen. Sonst analysiert ja jeder für sich, hier kann man drüber reden, etwas erklären, auch Selbstkritik üben. Nun in den Play-offs schauen wir mal, wie es dann ist.

Nach zehn Tagen im Hotel, gibt es schon einen Lagerkoller innerhalb der Schiedsrichtergruppe?

Den gibt es tatsächlich nicht. Die meisten kennen sich sehr lange. Wir sind alle in etwa gleich alt. Zum Teil sind wir gut befreundet. Wir spielen manchmal etwas zusammen, gehen in den Olympiapark zum Joggen. Das ist erlaubt, aber ohne Kontakt zu anderen. Das schlechte Wetter trägt dazu bei, dass man sich gerne im Hotel aufhält. Außerdem habe ich gut zu tun. Wir spielen aber bestimmt nicht so viel Playstation wie die Spieler. Meines Wissens nach hat auch kein Schiri eine Playstation dabei. Das Gespräch führte Udo Schilling.