Die Absage der Olympischen Spiele und der paralympischen Spiele in Tokio aufgrund der Corona-Pandemie ist für viele Sportler ein schwerer Schlag. Die lange Vorbereitung auf den Höhepunkt in einem Sportlerleben war - zumindest vorerst - vergebens. In die Lage eines potenziellen Olympia-Teilnehmers kann sich auch Dietmar Kober versetzen. Der 50-jährige Rollstuhl-Tischtennisspieler war bei den Paralympics 2000 in Sydney, bei den folgenden Spielen in Athen und Peking sowie zuletzt 2012 in London Teilnehmer an den Spielen für Sportler mit Behinderung.

Sportlerherz blutet

"Natürlich hängt das Herz eines jeden Sportlers daran, an den Spielen teilzunehmen. Das ist für viele sicher bitter. Die Entscheidung, die Wettbewerbe um ein Jahr zu verschieben, ist aber vernünftig und hätte nicht anders ausfallen dürfen", sagt Kober, der im Bamberger Vorort Bischberg lebt. 2016 hätte er in Rio de Janeiro gerne ein fünftes Mal bei den Paralympischen Spielen teilnehmen wollen, doch "damals war ich nur erster Ersatzmann und wäre zum Einsatz gekommen, wenn sich einer verletzt hätte". Für Tokio hatte der pensionierte Postbeamte keine Ambitionen mehr. "Ich hätte mich über die Weltrangliste qualifizieren müssen, und das bedeutet, mindestens sieben, acht internationale Turniere zu spielen. In meinem Alter ist das nicht so einfach."

Vor fünf Wochen, beim letzten Bundesliga-Spieltag mit dem Rollstuhlsportverein Bayreuth hat er einige Tokio-Kandidaten getroffen. "Die haben ja nun alle das Problem, dass sämtliche Qualifikationsturniere abgesagt sind und es derzeit - bis auf Handbikefahren - keine Trainingsmöglichkeit gibt. Manche, die gerade verletzt sind, werden froh über die Olympia-Absage sein."

Kober kennt die Probleme, die nun auf die Sportler und deren Angehörige zukommen. Die bereits gebuchten Flüge und Hotels für Qualifikationsturniere müssen - möglichst ohne Kosten - storniert werden.

Er selbst spielt internationale Turniere nur noch, "wenn der Austragungsort schön ist und ich das mit Urlaub verbinden kann". So wie vor zwei Jahren bei den slowenischen Open in Lasko, als er mit seinem chilenischen Doppelpartner Cristian Gonzalez Astete die Bronzemedaille gewann.

Lebensgefährtin in der Schweiz

Mit seiner Lebensgefährtin, die in der Schweiz arbeitet, führt er derzeit nur eine Beziehung über Telefon und Skype. "Die Grenzen sind ja zu."

Mit ihr koordiniert er seine Tischtennistermine. Denn neben dem Rollstuhl-Team in Bayreuth, das zum Saisonabbruch der Bundesliga auf Platz 2 lag, bestreitet Kober auch bei den Fußgängern in Walsdorf die Saison. "Das habe ich vor meinem Unfall schon gemacht und habe es auch danach nie aufgehört", sagt der Bischberger, der seit seinem Sturz vom Apfelbaum im Jahr 1990 im Rollstuhl sitzt.

Beim SV Walsdorf ist er vor allem in der zweiten Mannschaft in der Bezirksklasse A im Einsatz und hilft ab und zu in der "Ersten" in der Bezirksoberliga mit aus.

Reaktionsschnell und exakt

Kobers langjähriger Doppelpartner in der "Zweiten" ist Michael Friedrich.

"Dietmar ist ein Pfundskerl. Er ist ein ruhender Pol, nicht nur bei uns im Doppel, sondern auch in der Mannschaft und im Verein. Wenn es Zwistigkeiten gibt, ist er der Schlichter", sagt der 53-jährige Angestellte bei der Gemeinde Hemhofen (Landkreis Erlangen-Höchstadt). "Die totale Ruhe", die Kober auszeichnet, ist an der Tischtennis-Platte allerdings nicht erkennbar. "Dietmar und ich sind im Kreis Bamberg und im Bezirk schon eine Hausnummer. Ich bin der Abwehrspieler, der Zerstörer des gegnerischen Spiels, und Dietmar treibt die Bälle. Er spielt schnell, ist ungemein reaktionsschnell und trifft die Bälle sehr exakt", so Friedrich, über den vierfachen Paralympics-Teilnehmer und Doppelpartner.

Erfolgreich bei "Fußgängern"

Die beiden haben bis zum Saisonabbruch eine Doppelbilanz von 10:2 Siegen, im Einzel weist Kober 15 Erfolge bei neun Niederlagen auf. "Viele Gegner wissen nicht, wie sie gegen uns spielen müssen. Und bis sie es erkannt haben, ist das Match schon vorbei", sagt Friedrich. Eine Erleichterung gibt es im Regelwerk allerdings für das Doppel mit Rollstuhlfahrer. Die beiden Spieler müssen nicht abwechselnd schlagen, sondern bleiben auf einer Seite. "So fahre ich Michael nicht über die Füße", sagt Kober. Der einzig wunde Punkt, verrät Friedrich, sei die Mitte. "Wenn die Gegner den Ball in die Mitte spielen, kommt es schon mal vor, dass unsere Schläger zu Bruch gehen." Wenn er mal nicht mit Kober im Doppel aufschlägt, sondern mit einem "Fußgänger", habe er das Problem der Umstellung, sich von Seite zu Seite zu bewegen und abwechselnd zu schlagen, sagt Friedrich.

Die zweite Regeleinschränkung gibt es für die Gegner eines Rollstuhlfahrers im Einzel. Bei den Angaben darf der Ball nicht seitlich über die Tischkante prallen. Inklusion leicht gemacht, möchte man da sagen. Bis Kober/Friedrich für den SV Walsdorf wieder Gegner mit ihrer erfolgreichen Taktik zur Weißglut treiben können, werden noch einige Wochen und Monate ins Land gehen. Fit hält sich Kober bis dahin mit Handbikefahren, was mitunter gefährlich sein kann. 2019 konnte er seinen deutschen Einzeltitel, von denen er 19 bei den Rollis gewonnen hat, nicht verteidigen. Er kam mit der Hand in die Kette seines Handbikes. Und auch heuer wird ihm ein Strich durch die Rechnung gemacht - von der Corona-Pandemie.

2009 Weltranglistenerster

Olympia oder Paralympics aus Tokio zu schauen, fällt auch aus. Bleibt nur, alte Aufzeichnungen aus der Konserve zu holen und in Erinnerungen schwelgen. Erfolg hat Kober jede Menge. EM-Bronzemedaillen im Einzel und Doppel 2001, weitere Treppchenplätze bei Welt- und Europameisterschaften folgten, wie etwa bei der EM 2007 (Silber in der Mannschaftswertung, Bronze im Einzel) oder WM-Teamsilber 2010. "2009 war ich eine Zeit lang sogar Erster der Weltrangliste", sagt der Sportler Dietmar Kober und verabschiedet sich - zum Handbikefahren.