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BBL-Finalturnier: Langeweile? Fehlanzeige!

Die Vorrunde des Bundesliga-Finalturniers in München macht trotz Geisterkulisse Lust auf mehr - eine Zwischenbilanz vor den am Mittwoch beginnenden Viertelfinals mit interessanten Duellen.
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Trifft bisher mit mehr als 50 Prozent Trefferquote jenseits der Dreierlinie überragend: Bambergs Jordan CrawfordDaniel Löb/Pool
Trifft bisher mit mehr als 50 Prozent Trefferquote jenseits der Dreierlinie überragend: Bambergs Jordan CrawfordDaniel Löb/Pool
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Ab Mittwoch geht es ums Ganze: Viertelfinale - nicht im Play-off-Modus sondern mit addierten Hin- und Rückspielergebnissen. Ungewohnt für Bundesliga-Basketballer, die ihren Meister gewöhnlich im Best-of-five-Modus ermitteln.

Nach einer ersten "Halbzeit" über 40 Minuten wird die zweite zwei Tage später ausgetragen. Zeit für die Trainer, sich in der "Pause" neue taktische Kniffe zu überlegen. Durchaus reizvoll - wie bereits die gesamten zehn Vorrundenspieltage.

Alle Spiele des BBL Final-Turniers 2020 bei MagentaSport

 

Zehn Mannschaften traten im Münchner Audi-Dome vor Geisterkulisse zum finalen Turnier an, das wie eine Europameisterschaft organisiert ist. Viele Spiele in wenigen Tagen für die Teams, die sich nur wenige Wochen, zum Teil nur Tage darauf vorbereiten konnten. Dennoch wurde den Zuschauern an den Endgeräten - übertragen von Magentasport - ein gutes Produkt geboten. Der Streamingdienst war mit seinen Abo-Zugriffen zufrieden, nannte aber auf Nachfrage keine konkreten Zahlen. In Ligakreisen wurde von einer Versechs- fachung der Zuschauer pro Spiel im Vergleich zur bisherigen Saison gesprochen. Angesichts des derzeit weltweit mageren Sportangebots kein Wunder.

Doch auch die basketballerische Qualität auf dem Parkett überzeugte über weite Strecken, es kam selten Langeweile auf. Nach zehn Tagen und vier "Testspielen" geht es für die verbliebenen acht Mannschaften nun ums Eingemachte. Drei Siege aus sechs Partien können zum Titel reichen. Einen Favoriten auszumachen fällt schwer.

Konstant gut spielte ausgerechnet der nach zwei Dritteln der Saison als Zehnter am schlechtesten platzierte Klub der verbliebenen acht - Ratiopharm Ulm. Die defensivstarken Schwaben deshalb zum Titelfavoriten zu machen, wäre vermessen. Die (noch) schwächelnden Münchner muss man - wie die unberechenbaren Ludwigsburger - auf der Rechnung haben. Diese beiden Klubs treffen gleich im Viertelfinale aufeinander.

Die meisten Waffen im Arsenal haben jedoch die Berliner, die in drei engen Spielen gegen Frankfurt, Bamberg und Ludwigsburg gute Entscheidungen trafen und aufgrund dessen Titelkandidat Nr. 1 sind.

Das Turnier verbindet

Das Quarantäne-Hotel in München in der Nähe des Olympiaparks macht es möglich: Braydon Hobbs, Luke Sikma und T. J. Bray vertreiben sich die Zeit zwischen zwei Spieltagen mal eben mit einem 18-Loch-Kurs. Ein Golfsimulator im "Spielezimmer" macht es möglich. Näher als sonst kommen sich nicht nur die Akteure aller Klubs, sondern auch Spieler und die elf Unparteiischen des Turniers, die Teil der "größten Basketball-WG der Welt" sind. Und dort geht es mitunter lustig zu, wie im täglichen Hotel-Update auf Magentasport zu sehen ist. Schiedsrichterin Anne Panther etwa griff Oldenburgs Rasid Mahalbasic stiltechnisch unter die Arme, indem sie dem Österreicher eine Langhaarperücke ins Hotel bestellte. Ein lockeres Zusammenleben, das erst durch das aufwendige Hygiene- und Sicherheitskonzept der BBL möglich wurde. Die Zwischenbilanz ist positiv: Nach einer Turnierwoche fielen alle 250 Corona-Tests negativ aus. Sicher auch ein Vorbild für das Finalturnier der spanischen Basketball-Liga ACB, das heute startet.

Es regnet Dreier

Superstar James Harden (13 Dreierversuche pro NBA-Spiel 2019/20) lässt grüßen: Der Trend der vergangenen Jahre, dass immer häufiger von jenseits der 6,75-Meter-Linie abgedrückt wird, hat sich beim BBL-Finalturnier fortgesetzt. 45 Prozent aller Versuche aus dem Feld sind Dreipunktewürfe. Gründe liegen auf der Hand: Fehlende Kraftreserven für einen energischen Zug zum Korb, dazu müssen viele Teams personell bedingt auf "kleine Formationen" zurückgreifen. Mit Vechta, Göttingen und Frankfurt gibt es drei Mannschaften, die in der Gruppenphase mehr Dreier als Zweier warfen. Der Vechtaer Trevis Simpson alleine probierte es in vier Spielen 39 Mal (13 Treffer) aus der Distanz. Brose Bamberg um Jordan Crawford (14 von 27 Dreierversuchen) versuchte es als Team etwas häufiger aus dem Zweipunktebereich (139 Zweierversuche, 120 Dreierversuche) und weist dort sogar die beste Trefferquote (59,7 Prozent) aller Teilnehmer auf. Die mit Abstand beste Ausbeute von der Dreierlinie - bei den wenigsten Versuchen (88) - weist der FC Bayern München mit 48,9 Prozent auf.

"Jugend forscht"

Der Nachwuchs steht aufgrund zahlreicher Absagen ausländischer Leistungsträger beim Finalturnier im Rampenlicht - und vor allem die jungen deutschen Guards nutzen dieses glänzend. Für ein Ausrufezeichen sorgte im ersten Turnierspiel der Göttinger Aufbauspieler Bennet Hundt (22 Jahre) mit 30 Punkten beim Sieg über Crailsheim. Bei den Merlins wiederum explodierte der 22-jährige Deutsch-Chilene Sebastian Herrera mit 18,5 Punkten und 4,5 Assists im Schnitt. Ein Meilenstein gelang dem Ludwigsburger Jacob Patrick. Der 16-jährige Sohn des Riesen-Coach erzielte gegen Frankfurt acht Zähler und avancierte damit zum jüngsten BBL-Punktesammler seit der digitalen Datenerfassung. Nur ein Jahr älter ist der athletische Frankfurter Aufbauspieler Len Schoormann, der mit knapp 6 Punkten in 13 Minuten positiv überraschte. Aus Bamberger Sicht erfreulich: die Auftritte des 23-jährigen Marvin Heckel. In seinen ersten 42 Spielminuten für Brose stellte der Doppellizenzspieler unter Beweis, dass er zu Höherem als "nur" der drittklassigen ProB berufen ist.

Die Überraschung

Mit vier Siegen zum Gruppensieg - das hätte man in der Gruppe A wohl eher dem FC Bayern München zugetraut. Doch von Platz 1 grüßen die Ulmer. Die Mannschaft des Cheftrainer-Novizen Jaka Lakovic - vor der Corona-Pause nur Tabellenzehnter - hat sich für das Turnier geschickt verstärkt, nachdem das Aufbautalent Kilian Hayes aufgrund seiner NBA-Ambitionen auf eine Teilnahme verzichtet hatte. Aus Göttingen kam Dylan Osetkowski, der nicht nur mit seiner Zöpfchenfrisur auffiel, und aus Braunschweig Thomas Klepeisz. Der Österreicher zieht mit Routinier Per Günther clever die Fäden im Spiel. Die Schwaben finden eine gute Balance zwischen Innen- und Außenspiel, forcieren mit ihrem Zug zum Korb die mit Abstand meisten Freiwürfe (im Schnitt 28) und überzeugen mit einer aufmerksamen, giftig-aggressiven Defensive. So kassieren die Ulmer nicht nur die wenigsten Gegenpunkte (im Schnitt 74,2), sondern klauen ihren Gegner pro Spiel elfmal den Ball - ein herausragender Wert. Also Vorsicht vor den diebischen "Spatzen"!

Müde Gastgeber

37 Bundesliga-Heimspiele in Folge war der FC Bayern München vor dem Finalturnier im heimischen Audi-Dome ungeschlagen. Nun müssen die Münchner aber um ihren angepeilten "Three-peat", den dritten Meistertitel in Folge, bangen. Als lediglich Gruppendritter mit zwei Siegen und zwei Niederlagen blieb das Team um Kapitän Danilo Barthel weit hinter den Erwartungen zurück. Ohne ihren offensiven Fixpunkt Greg Monroe und Allrounder Nihad Djedovic fehlt den Bayern eine klare Hierarchie und Spielidee, was im letzten Viertel gegen Oldenburg (81:89) in Auflösungserscheinungen endete.

Diese zeigten die Crailsheim Merlins, die bei Saisonabbruch auf Rang 3 lagen, lediglich in personeller Hinsicht. Coach Tuomas Iisalo konnte in den letzten beiden Gruppenpartien auf keinen einzigen Importspieler mehr zurückgreifen. Dafür zog sich das Crailsheimer Rumpfteam um den Ex-Bamberger Maurice Stuckey, unter anderem bei der hauchdünnen 83:85-Niederlage gegen Oldenburg, aber mehr als achtbar aus der Affäre.

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