Was machen Sie Freitag um halb sechs Uhr morgens? Schlafen? Vermutlich nicht mehr lange, denn am Karfreitag ziehen in katholischen Gegenden schon früh am Morgen Ministranten durch die Straßen und machen Krawall - mit ihren Ratschen. Die Holzinstrumente knattern, klopfen, scheppern, kurzum: sie sind richtig laut und nicht zu überhören. Genau so soll das aber auch sein, schließlich soll niemand den Gottesdienst verpassen.

"Das war vor allem früher wichtig, als sich die Menschen noch auf die Kirchenglocken verlassen haben", erläutert Ministrant Thomas Sedlmeir (15) aus Dörfleins. Aber gerade vor Ostern läuten sie nicht. Das letzte Mal sind sie am Gründonnerstag zum Gloria zu hören, dann verstummen Glocken und Orgel bis zum Auferstehungs-Gottesdienst am Sonntagmorgen. Judith Postupka (14), Ministrantin aus Hallstadt erklärt: "Weil die die Kirchglocken schweigen, ersetzen wir sie durch das Ratschen und rufen damit die Menschen zum Gottesdienst."



Den Brauch erklären
Was sie da eigentlich machen, müssen die Jugendlichen schon hin und wieder erklären. "Manche Leute kennen den Brauch nicht und fragen, warum wir so einen Lärm machen." Auch Klassenkameraden schauen im ersten Moment vielleicht ein bisschen schief. "Aber wenn sie es sich dann angehört haben, finden sie's ganz okay. Manche sagen sogar ,Respekt!' Aber viele machen eh selber beim Schlöttern mit", sagt Raphael Ramer (16), ebenfalls aus Dörfleins.

Er spricht vom Schlöttern, nicht Ratschen. "Das heißt in jedem Dorf anders." Aber: Es gibt auch einen Unterschied zwischen den Instrumenten. "Das kleine mit dem Hammer ist die klassische Schlötter. Das große ist die Ratsche", sagt Thomas. Die Hallstadter "Minis" benutzen beide Holzinstrumente, Hauptsache, sie sind laut.
Ministranten-Kollege Raphael bekennt sich: "Ich bin ein Ratschen-Fan!" - Warum? - "Die machen mehr Krach." Die Ministranten grinsen. Natürlich macht es ihnen bei all dem ernsten christlichen Hintergrund auch Spaß, in Gruppen durch die Straßen zu ziehen und morgens die Leute aus den Federn zu holen. Da quält man sich schon mal selber um fünf Uhr aus dem Bett.

40 bis 50 "Schlötterer", wie Thomas sagt, sind dieses Jahr in Hallstadt und Dörfleins unterwegs. Die Kleinen mit dem Schlötter-Hammer in der Hand - der ist leichter. Die Großen mit der Ratsche, die schon mal zweieinhalb Kilo wiegen kann. Fabian Gasseter (15) hat eine ganz besondere, ein Familien-Erbstück. Auf der Rückseite sind die Namen all jener eingeritzt, die damit schon einmal in Hallstadt unterwegs waren. Etwa 50 Jahre ist die Ratsche alt.

Fabian selbst ist zum Ratschen gekommen wie die meisten - über Familie oder Freunde. "Mein Vater war auch Ministrant und hat immer Geschichten von früher erzählt." Für Fabian war klar: Er wird auch Ministrant. Seit sechs Jahren ist er nun schon beim Ratschen dabei, genau wie Judith. Raphael und Thomas haben gemeinsam angefangen, vor neun Jahren.

Seit sie mitmachen, hat von den vieren kein einziger an Ostern auch nur einmal gefehlt. "Das ist wie am Dreikönigstag, da sollte man als Ministrant schon dabei sein. Das Ratschen gehört dazu", sagt Judith.

Mancher Bürger sieht das allerdings anders. Im schlimmsten Fall müssen sich die Jugendlichen anpöbeln lassen. "Vor ein paar Jahren hat mal einer gerufen: ,Ihr ... Ministranten, haut ab oder ich hol die Polizei!'", erinnert sich Raphael. Und Judith erzählt: "Manchmal werden wir fortgejagt wie Hunde."


Manche Menschen warten schon
Aber, und das ist das Schöne: Immer wieder gibt es auch Menschen, die sich auf die "Schlötterer" freuen, auf sie warten. "Vor allem am Samstag werden wir manchmal richtig empfangen", sagt Judith. Am Tag nach dem Karfreitag ziehen die Jugendlichen noch einmal durch die Straßen und sammeln einen kleinen Obolus ein. Oft sind das Ostereier, Süßigkeiten oder auch Geld. Letzteres wird zur einen Hälfte gespendet, zur anderen geht es in die Jugendarbeit der Pfarrei Sankt Kilian in Hallstadt. "In manchen Orten behalten die Ministranten das Geld. Das finde ich nicht so gut", sagt Judith. Eine kleine Aufwandsentschädigung kriegen aber auch die "Schlötterer" aus Hallstadt und Dörfleins: 15 Euro gibt es für jeden - und ein paar nette Einladungen:

Wollt ihr was zu essen? Wollt ihr mal rein kommen und euch aufwärmen? Gerade letztere hören sie dieses Jahr wahrscheinlich häufiger. "Ja, es wird echt kalt werden", sind sie sich einig. Insgesamt etwa 20 Kilometer werden sie an den beiden Tagen laufen, dabei ihre Holzinstrumente bearbeiten und Sprüche aufsagen. Am Karfreitag rufen sie zu den Gottesdiensten am Morgen und am Nachmittag. Und am Samstag zum "Eier zamschlöttern" - dabei dürfen es von letzteren übrigens gerne ein bisschen weniger sein.

"Ehrlich gesagt kriegen wir einfach zu viele Eier. Von den Verwandten gibt's ja auch noch welche zu Ostern." Also, liebe Hallstadter und Dörfleinser, diesmal vielleicht ein paar Eier durch eine Tafel Schokolade ersetzen.