"Wir touren durch die USA, durch ganz Europa: Unter allen Orten, an denen wir spielten, war Bamberg aber unsere Lieblingsstadt - weil's hier den Morphclub gab": Jonathan Jarzyna von der deutsch-amerikanischen Dream-Pop-Band Fenster bedauerte gestern neben etlichen anderen Künstlern das jähe Ende der fränkischen Kult-Location. Eine "besondere Magie" habe den Club ausgezeichnet, der mit "außergewöhnlicher Liebe zur Musik" geführt wurde, so der Sänger. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht innerhalb nur weniger Stunden verbreitet und eben keineswegs nur Bamberger reagieren lassen.


Letzter drastischer Schritt
"Liebe Freundinnen und Freunde, mit großem Bedauern müssen wir Euch leider mitteilen, dass der Morphclub seine Türen schließen wird - mit sofortiger Wirkung. Vor allem die Neuregelung der Sperrzeit und die daraus resultierenden akuten finanziellen Einbußen haben maßgeblich dazu beigetragen. Deshalb bleibt uns jetzt nur noch dieser letzte, drastische Schritt", hatte Günther Oppel als Betreiber über die Homepage und Facebook verlauten lassen. Was eine Welle der Solidarität auslöste, wie sie der Bamberger nie erwartet hätte. "Ich bin wirklich beeindruckt", meinte Oppel im Gespräch, wobei er derzeit keine Möglichkeit sähe, den Club - nicht mal an anderer Stelle - weiterzuführen. "Wir hatten vor der Tür ja auch ein Lautstärkeproblem, sobald große Acts ein entsprechend großes Publikum anzogen." Vergeblich habe er zuletzt versucht, den Anwohnerinteressen einerseits und den Besucherinteressen andererseits gerecht zu werden. Gerade auch angesichts des veränderten Ausgehverhaltens, das dem Morphclub nach der Sperrzeitenverlängerung 2011 Probleme bereitete. Fern liegt es Oppel dennoch, der Stadt den schwarzen Peter zuzuschieben: "So einfach mache ich es mir sicherlich nicht."

Etliche Gespräche gab's demnach auch mit Vertretern der Stadt, um einvernehmliche Lösungen zu finden, wie Ulrike Siebenhaar als Pressesprecherin berichtete: "Für uns ist das Ende des Morphclubs, dessen Bedeutung wir keineswegs unterschätzen, ja ebenfalls sehr bedauerlich." Nur sei eine institutionelle Förderung angesichts der eher kommerziellen Ausrichtung nicht in Frage gekommen. Eine derartige Unterstützung "erhält kein Bamberger Club". Während es eine projektbezogene Förderung für den Morphclub mehrfach gegeben habe.


Max Kennels Abschiedssong
15 Jahre ist es mittlerweile her, dass der Morphclub seine Pforten öffnete und sich seither keineswegs nur als Konzertbühne in und außerhalb Frankens profilierte. Hier wuchs und gedieh nicht zuletzt die fränkische Poetry-Slam-Szene, so dass Max Kennel dem Club auf Facebook (Bamberg ist Slambamberg) nun auch einen Abschiedssong widmete.

"Als Schülerin, als Studentin, als Veranstalterin, als Tänzerin, als Green-Club-Besucherin kenne ich, schätze ich, ja, liebe ich diesen Club", meinte Nora Gomringer: "Ich brauche ihn für mein Wohlbefinden in Bamberg. In seiner Tradition ist der Bamberger Poetry Slam mit mir und dann mit Christian Ritter als Slammaster bekannt, ja ein bisschen berühmt geworden - und mein Slogan ,Bamberg ist Slamberg' ist auch in Chicago beim Altmeister und Erfinder des Slams Marc Kelly Smith, der übrigens schon im Morph aufgetreten ist (!), in aller Munde. Ich habe dem Club und seinem Betreiber Günther Oppel viel zu verdanken. Nicht nur ein DJ hat mir das Leben dort des nächtens gerettet (wie es im Lied so schön heißt), wenn die Tagesaufgaben zu fordernd oder zu eintönig waren. Bamberg ohne Morph Club büsst für mich persönlich ein Gros an Lebensqualität ein. Ich habe oft internationale Gäste, die vom Club gehört haben und ihn besuchen möchten - und nun? Bamberg muss sich hüten vor zu viel Museum, zu viel Altenteil", so die Autorin und Direktorin des Künstlerhauses Villa Concorda.


Neue Zielgruppen erschlossen
Als Theaterbühne punktete der Morph Club und erschloss neue Zielgruppen an, wie Felix Pielmeier als Ensemble-Mitglied des E.T.A.-Hoffmann-Theaters betonte. "Drei Produktionen brachten wir hier auf die Bühne. ,Clyde und Bonnie' wurde sogar mit einem Bayerischen Theaterpreis (Jugendtheatersparte) ausgezeichnet. Und jetzt verlieren wir diese Spielstätte, in der es keinen Abstand zum Publikum gab und man sich als Schauspieler einmal nicht hinter seiner Figur verstecken konnte", so der aus dem Ruhrgebiet stammende Akteur. "Kultur auf Großstadtniveau brachte der Morphclub nach Bamberg - und das war für mich einer der Gründe, nach Franken zu ziehen, den es nun nicht mehr gibt."

Als Betreiber des Live Clubs betonte Volker Wrede sein Bedauern. "Das Ende des Morph-clubs reißt ein Loch in die kulturelle Szene der Domstadt, nachdem wir uns eben auch stilistisch voneinander abgegrenzt und gut ergänzt haben." Ähnlich äußerte sich Daniel Becker vom "Rex-Report"-Team, das seit 1999 zunächst noch in der Siechenstraße auflegte und seine Veranstaltungsreihe jetzt angesichts mangelnder Alternativen sterben lässt."Auch für uns DJs ist die Lücke, die der Morphclub hinterlässt, kaum mehr zu schließen."


"Seniorengerechtes" Bamberg
"Vielleicht wird Bamberg auf diese Weise seniorengerechter, die Jugendszene aber erleidet einen Verlust, den andere Clubs sicher nicht wettmachen können", sagt David Saam als Frontmann des Kellerkommandos, des Antistadls und anderer Formationen, die im Morphclub groß wurden. "Im Zuge der Offensive ,Weniger Spaß und Lebensqualität in Bamberg', wird der Morphclub als einziger Ort für Kultur in der Stadt geschlossen", empörte sich der Berliner Poetry Slammer Felix Lobrecht. Bambergs "Regierung" plane wohl, ein zweites Hof in Bayern zu schaffen.



"Einer der wichtigsten Clubs im Freistaat muss schließen. Wir sind unendlich traurig", heißt's auf der Facebook-Seite des BR-Zündfunks. Kultmoderator Achim Sechzig Bogdahn reagierte mit den Worten: "Ich bin schockiert, entsetzt, empört! Dreimal habe ich im Lauf der Jahre für den Bayerischen Rundfunk Livesendungen aus dem Morph Club moderiert. Und er ist - oh Gott, war - ein kultureller Leuchtturm, bayernweit bekannt, für mich einer der Top 3 Clubs im Freistaat." Gleich rief der gebürtige Erlanger alle Fans auch zum Kampf auf, um vielleicht doch noch das Ruder herumzureißen: "Liebe Bamberger, Hirschaider, Zapfendorfer, die Ihr zu Tausenden über die Jahre durch den Morph musikalisch sozialisiert wurdet: Lasst Euch das nicht gefallen, Petition, Demo, Rebellion! Sonst werdet Ihr zur Kulturprovinz. Ich kämpfe mit!"

Mittlerweile gibt es sogar eine eigene Facebook-Seite (Rettet den Morph Club), die das jähe Ende nicht akzeptieren will. Unterstützer sind hier willkommen!