Es sind ungewohnte Fragen, die sich mancher Arzt dieser Tage von seinen Patienten stellen lassen muss. "Ich denke, ich gehe zur Untersuchung und dann bin ich in Wirklichkeit Studienopfer. Geht das?" Oder: "Ist es möglich, dass ich Teil einer medizinischen Studie bin, ohne das mitzubekommen?"

Es ist die Verunsicherung von Patienten. "Weniger im Verhältnis zu ihrem Hausarzt", sagt Dr. med. Georg Knoblach, Vorsitzender des ärztlichen Kreisverbandes Bamberg. Doch Sätze wie "ins Krankenhaus möchte ich zur Zeit aber nicht" würden schon mal fallen.

Sie sind eine Folge des Mammut-Prozesses, der seit 7. April am Bamberger Landgericht läuft. Und der setzt sich genau damit auseinander: dem Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Die Staatsanwaltschaft wirft dem ehemaligen Leiter der Gefäßchirurgie am Klinikum Bamberg vor, sich sexuell an insgesamt 13 jungen Frauen vergangen zu haben. Den Großteil der Patientinnen soll er betäubt haben, um Aufnahmen ihres Intimbereichs zu machen und an ihnen sexuelle Handlungen zu vollziehen.

Zwei weitere - beide Mitarbeiterinnen der Sozialstiftung - soll er für eine angebliche Studie über Beckenvenenthrombosen zu Ultraschalluntersuchungen überredet haben, wie es die Anklage vorwirft.

Zu einer solchen Studie würden jedoch keinerlei Unterlagen existieren, betont Brigitte Dippold, Sprecherin der Sozialstiftung, erneut. Das Klinikum hatte sich bereits im August vergangenen Jahres, als der Angeklagte Heinz W. festgenommen worden war, dahingehend geäußert. Doch wie läuft so eine medizinische Studie grundsätzlich ab? Die Sozialstiftung Bamberg verfügt über ein Studienzentrum, in dessen Rahmen an zahlreichen Einzelstudien geforscht wird. Weitere Auskünfte gibt es mit Verweis auf das laufende Verfahren gegen Heinz W. jedoch nicht. Vor Gericht werde das Thema "medizinische Studie" mit Sicherheit erörtert, wie Brigitte Dippold sagt.

Gutachter sollen Fragen klären

In der Tat: Von den sechs geladenen Sachverständigen werden sich drei Gutachter mit medizinischen Fragen auseinandersetzen. Leander Brößler ist Pressesprecher des Landgerichts und erläutert: Ein Fachmann werde sich zur Gynäkologie, einer zur Venenheilkunde und einer zu allgemeinen medizinischen Punkten äußern. Alle drei sollen eine Antwort auf die Frage finden: "Sind die Maßnahmen von Doktor W. in Einklang zu bringen mit einer Studie? Oder nicht?", wie es Brößler formuliert.

Der angeklagte Gefäßspezialist selbst hatte seine Aussage im Verlauf des Prozesses bereits relativiert: Ist in der Anklageschrift die Rede von "vorgetäuschten Untersuchungen" unter "dem Vorwand der Teilnahme an einer Studie", sprach W. mittlerweile von "der Idee einer Studie".

Wer tatsächlich eine Studie durchführen will, kommt in jedem Fall nicht umhin, sich an klare gesetzliche Richtlinien zu halten, wie Georg Knoblach vom ärztlichen Kreisverband sagt. So etwas sei mit viel Bürokratie verbunden. Laut Knoblach wird generell zwischen zwei Studienbereichen unterschieden.

Erstens: der Erforschung eines neuen Medikaments. Knoblach skizziert den "extrem komplizierten" Weg von der Beantragung einer "Studiennummer" bei der EU über die Genehmigung der Bundesbehörde, der zuständigen Ethik-Kommission, der zuständigen lokalen Ethikkommission und einer Stellungnahme des Hauses, ob eine Studie sinnvoll ist. "Dann erst kann sie beginnen und muss bei der Landesbehörde angemeldet werden", so Knoblach.

Der zweite Studienbereich betrifft die systematische Untersuchung (neuer) Medizinprodukte. Heinz W. hatte in seinen Aussagen vor Gericht immer wieder betont, Patienten möglichst schonend diagnostizieren zu wollen, etwa durch Ultraschall.

Etliche Genehmigungen nötig

Nicht speziell auf den Fall W. bezogen, sondern allgemein erklärt Georg Knoblach: Wer eine Studie zu einem Medizinprodukt durchführen will, braucht seit 2010 nicht nur die Zustimmung der nach Landesrecht gebildeten Ethik-Kommission, sondern bereits vorher eine Genehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Außerdem ist eine "Probandenversicherung" sowie ein Prüfplan notwendig, und: die Einwilligung des Probanden.

In eine Studie sind laut Knoblach generell mehrere Planungsteams eingebunden, etwa Techniker, Entwickler oder Projektmanager. Es muss ein Studienprotokoll geben, das einsehbar sein muss.

"Eine Studie ist extrem papierlastig. Bevor der Patient teilnimmt, muss er aufgeklärt werden, über die Risiken, die Studie selbst sowie deren Zweck", sagt Knoblach. So etwas schaffe man selten unter zehn Seiten. Und dann sagt er den entscheidenden Satz: "Am Schluss müssen beide unterschreiben."

Auch Dr. Winfried Strauch, Leiter des Fachbereichs Gesundheitswesen am Landratsamt Bamberg, sagt kurz und knapp: "Es geht nie ohne Zustimmung des Patienten!" Sein Mediziner-Kollege Knoblach formuliert, dass die Rechte des Patienten "sakrosankt" seien. "In letzter Konsequenz bestimmt der Patient über alles."
Deswegen müsse ein straffällig gewordener Arzt mit einer doppelten Strafe rechnen: Nach dem Landgericht folgt ein Verfahren am Berufsgericht. Ergebnis kann eine Geldstrafe sein - oder in letzter Konsequenz der Entzug der Approbation.