Donnerstag, 17.40 Uhr: Tina und Herbert Güthlein, Bewohner eines Penthouses in der Hainstraße/Ecke Richard-Wagner-Straße und an die spektakuläre Aussicht auf die Altstadt gewöhnt, sind in Aufregung: Aus dem Kapitelhaus am Stephansplatz schlagen meterhohe Flammen. Rettungsfahrzeige rasen in Richtung Nonnenbrücke. Herbert Güthlein greift zum Telefonhörer, ruft die Lokalredaktion an.

Das Schlimmste verhindert

Um 18.05 Uhr hat die Feuerwehr das Schlimmste verhindert: die Zerstörung des Dachstuhls, die Ausbreitung des Brandes auf die benachbarte Kirche und die historischen Wohngebäude, die am Stephansberg dicht an dicht stehen. Ein Albtraum ist vorüber! Vom Penthouse aus sind nur noch weiße Dampfschwaden zu sehen. Aus Richtung Hainstraße ist auf die Entfernung kein Schaden zu erkennen.

Und auch aus der Nähe war alles weniger dramatisch als es zunächst den Anschein hatte. Zwar brannte der Dachstuhl aus allen Ecken und Enden, aber durch das schnelle Eingreifen der Feuerwehr konnte Schlimmeres verhindern werden, wie Stadtbrandrat und Einsatzleiter Matthias Moyano versicherte.

Um 17.35 Uhr war der Feuerwehr ein "Zimmerbrand" gemeldet worden. Dann gab es eine Nachalarmierung, weil sich herausstellte, dass der Dachstuhl brannte.

Anfahrt von oben

Der Feuerwehrchef ist sich ziemlich sicher, dass die Statik des Daches nicht in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Nach nicht einmal einer Stunde war der Brand unter Kontrolle. Anschließend waren die Feuerwehrleute damit beschäftigt, das Löschwasser abzupumpen. Zum Zeitpunkt des Brandes war niemand im Haus, so dass kein Mensch verletzt wurde. Auch Einrichtungsgegenstände konnten nicht zu Schaden kommen und dem Feuer Nahrung geben, denn das Kapitelhaus wird gerade saniert und umgebaut. Die Ursache für den Brand war bis Redaktionsschluss völlig unklar. Ersten Schätzungen zufolge dürfte der Schaden an dem Gebäude mindestens bei 100.000 Euro liegen

60 Feuerwehrleute im Einsatz

Harmlos allerdings war der Brand nicht: Laut Moyano darf man die Gefahr, die für die Altstadt bestand, keineswegs unterschätzen. "Denn zum einen ist es immer schwer, ein Dach bei einem Brand zu halten und zum anderen mussten wir wegen der engen Gassen mit allen Rettungsfahrzeugen von oben anfahren, vorbei an der Engstelle beim Wilde-Rose-Keller", schilderte der Stadtbrandrat. Insgesamt waren 60 Feuerwehrmänner, vier Rettungskräfte und mehrere Polizeibeamte im Einsatz. Der Stephansberg war für mehrere Stunden für den Verkehr gesperrt.

Bewegte Geschichte

Das Kapitelhaus wurde 1754 als repräsentatives Barockgebäude an Stelle eines baufälligen Vorgängerbaus nach den Plänen des Architekten Michael Küchel errichtet. Die Innenausstattung mit einer Treppe aus Eichenholz und Bildhauerarbeiten muss sehr kostbar gewesen sein. Kurz nach der Säkularisation, im Jahre 1804, ersteigerte Benno Schuberth das Gebäude und richtete eine Porzellanfabrik mit zwei Öfen ein.

Schon damals hatte man Angst vor einem Brand, der auf die Kirche übergreifen könnte, weshalb Schuberth strenge Auflagen zum Betrieb der Öfen gemacht wurden. 1926 wurde ein Rückgebäude errichtet und das Schullehrerseminar untergebracht. Später, ab 1874 war die so genannte Präparantenschule im Haus- mit Wohungen, einer großen Küche und Schlafsälen. 1965 ging das Kapitelhaus in das Eigentum der Evangelisch-lutherischen Kirche über, die es zwei Jahre danach umbauen und sanieren ließ.