Babyboom und Statistiken hin oder her: Natürlich gibt es auch Menschen, die keine Kinder haben. Weil sie sich bewusst dagegen entscheiden. Oder? "Der Prozentsatz derjenigen, die wirklich keine Kinder wollen, ist gering", sagt Birgit Mayer-Lewis. Das weiß die Expertin für das Thema unerfüllter Kinderwunsch am Staatsinstitut für Familienforschung Bamberg (ifb) nicht nur aus ihren eigenen Projekten, das ist auch die Kernaussage einer Studie des Bundes-Familienministeriums.

Diese lieferte im Juni 2015 erstmals Daten zur Situation von kinderlosen Frauen und Männern aus den unterschiedlichen Milieus und zeigt: "Über gewollte Kinderlosigkeit wird wenig gesprochen", sagt Mayer-Lewis. "Die Betreffenden haben Angst davor, stigmatisiert und als egoistische Menschen abgestempelt zu werden." Doch so einfach sei es nicht mit einem - eventuell negativen - Urteil über die Betreffenden. Denn von allen kinderlosen Frauen und Männern zwischen 20 und 50 Jahren seien zwar 75 Prozent gewollt ohne Nachwuchs. "Aber das ist kein stabiler Faktor", erklärt Mayer-Lewis. "Es kann gut sein, dass jemand sagt, ich bin jetzt 31 und kann mir noch kein Kind vorstellen. Aber grundsätzlich habe ich einen Kinderwunsch."


Erstmal beruflich etablieren ...

Für den Moment argumentierten die potenziellen Mütter und Väter, dass sie vielleicht noch nicht den richtigen Partner gefunden hätten, dass sie sich erst eine finanzielle Basis schaffen und sich beruflich etablieren wollten. Jedoch gehe das Aufschieben in die Zukunft und das Warten auf den "richtigen Moment" oft schief. "Die Fruchtbarkeit nimmt ab 30 Jahren rapide ab. Das wissen viele nicht", sagt Mayer-Lewis. "So wird aus einer zunächst gewollten oft eine ungewollte Kinderlosigkeit."



... und dann ist es oft zu spät

Die Studie bestätige das: Bei 25 Prozent der Befragten zwischen 25 und 45 Jahren hat es mit der Umsetzung des Kinderwunsches nicht geklappt. Abgesehen von organischen Ursachen scheitere es oft an einem Partner. "31 Prozent aller Deutschen zwischen 25 und 45 sind Singles", zitiert Mayer-Lewis die Statistik. "Das ist genau das Alter, in dem die Familiengründung idealerweise umgesetzt wird." Wenn sich dennoch Nachwuchs einstellt, tut er das eher spät - ein relativ großer Anteil der Erstgebärenden sei über 30. Die Familienforscherin wundert sich nicht über diesen Durchschnitt. "Heutzutage gibt es so viele befristete Verträge und junge Menschen müssen beruflich enorm flexibel sein. Für eine Elternschaft wollen die Frauen und Männer meist auch eine stabile finanzielle Basis haben und die gibt es mit Mitte 20 oft noch nicht."


Betroffene müssen sich ein neues Lebensbild suchen

So kommt es, dass jede fünfte Frau zwischen 40 und 44 Jahren kinderlos ist. Aber: "Man darf nicht davon ausgehen, dass sie immer auch kinderlos sein wollen. Es hat sich in ihrer Biografie halt nicht ergeben", bilanziert Mayer-Lewis. Wegen des "fließenden Übergangs" zwischen gewollt und ungewollt würden sich die Betroffenen zum Teil neu definieren. "Sie suchen sich ein neues Lebensbild und kommen dann zu dem Schluss, die Kinderlosigkeit anzunehmen, um nicht defizitär dazustehen."
Das sei jedoch eine befristete und keine Dauerhaltung. "Alle Befragungen zu diesem Thema zeigen, dass sich nach wie vor die meisten Menschen Familie und Kinder wünschen."