Silberbüchse in Reichweite, Winnetou an der Seite, im Rücken ein Lagerfeuer-Relief: Kein anderer Schreibtisch, kein anderes Büro hat so viel abenteuerlichen Charme. Bernhard Schmid, der Inhaber des Karl-May-Verlags, ist umringt von fantastischen Utensilien, unzähligen Büchern Karl Mays und den Abbildungen der Romanhelden. Diese kreative Atmosphäre war heuer das Beständige in einem ansonsten gänzlich eigenwilligen Geschäftsjahr. Der Bamberger Verleger erzählt von angesagtem Online-Handel, von abgesagten Festspielen, vom Michael Jackson des 19. Jahrhunderts und von einer Erfahrung, um die er seinen Großvater beneidet.

Karl May hat die Fantasie vieler Millionen Menschen beflügelt. Mittlerweile ist er aber seit über 100 Jahren tot. Schwindet seine Bedeutung als Autor?

Bernhard Schmid: Nein, Karl May ist nach wie vor der meistgelesene deutschsprachige Autor. Seine Erzählungen und Abenteuerromane, die einen in die amerikanische Prärie oder in die Wüsten des Orients entführen, begeistern auch heute Leser aller Altersklassen. Die "Gesammelten Werke" gehen immer - auch in Krisenzeiten, wie unsere erhöhten Online-Bestellzahlen zeigen. Wir führen die berühmte Reihe nun sogar fort: mit den Bänden 95 und 96: "Briefwechsel mit seinen 'Kindern'."

Aber in vielen Buchhandlungen sind Karl-May-Bände kaum oder nur ganz versteckt zu finden.

Allgemein heißt es von Seiten des Buchhandels - und mancher Journalisten - oft, nach Karl May werde heutzutage nicht gefragt. Ich halte dann dagegen: Was ist der Sinn von Buchhandlungen? Dass man darin stöbern kann und dabei tolle Bücher findet, oder? Blöd, wenn der meistgelesene deutsche Autor fehlt. Aber so kommt es, dass manche Leute sagen, Karl May sei tot, ohne je auch nur eine Zeile von ihm gelesen zu haben.

Welches Buch ist ein gutes Einstiegsbuch fürs Karl-May-Lesen?

Für Mädchen und Buben so ab acht Jahren empfehle ich "Unter Geiern" mit seinen kürzeren Geschichten oder den "Schatz im Silbersee", da geht's gleich mit "Action" los. "Winnetou" ist eher kein Buch für junge Einsteiger.

Haben Sie selbst schon als Kind Karl May gelesen?

Ja, und das, obwohl mich nie jemand aus der Familie dazu aufgefordert oder gar gezwungen hat. Ich habe schon immer gerne gelesen - mehr Karl May als meine Geschwister. Schon zu meiner Jugendzeit war Karl May ja ein "alter" Klassiker. Und ich gebe zu: Ich habe die aufwändig gemachten grünen Bücher aus extra gefärbtem Papier, mit Bamberger Leinen und Aufkleber auf dem Cover schon immer sehr anziehend gefunden.

Welche Bücher mögen Sie besonders?

Den Orient-Zyklus von "Durch die Wüste" bis "Der Schut". Das sind tolle Geschichten, voller Spannung und Fantasie.

Apropos Fantasie: Karl May war ja eine zwiespältige Person - auf jeden Fall war er so fantasiebegabt, dass er irgendwann selbst glaubte, Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi zu sein. Ist dieser Teil seines Wesens nicht abschreckend?

Karl Mays Leben ist selbst wie ein Roman. Er hat in jungen Jahren ein paar Dinge getan, die kleinkriminell waren - es begann mit sechs unterschlagenen Kerzenstumpen. Nach weiteren Delikten saß er insgesamt sieben Jahre im Gefängnis. Aber er hat sich selbst wieder aus dem Sumpf gezogen, das ist toll. Er schrieb über Länder, die er nie gesehen hatte, schilderte sie aber so detailliert, dass der Leser glaubte, selbst dort zu sein. Im Alter hat er viele Fehler gemacht, viele Prozesse geführt... Aber dennoch: Die Leute haben ihm sogar abgenommen, dass er Old Shatterhand sei - und das, obwohl May 1,65 Meter klein war! Er muss eine besondere Ausstrahlung gehabt haben. Im Prinzip war er der Michael Jackson des ausgehenden 19. Jahrhunderts - ein erster Popstar eben.

Den hätte ich gerne mal kennengelernt...

Ich auch! In dieser Hinsicht beneide ich meinen Großvater, der ihn zweimal getroffen hat. Dabei sagte May zu ihm: "Sie sollten mein Verleger werden!"

Aber sein Verleger wurde er erst nach Karl Mays Tod, oder?

Ja. Karl Mays Witwe Klara erinnerte sich daran, dass ihr Mann positiv von den Ideen meines Großvaters Euchar Albrecht Schmid gesprochen hatte. So kam es 1913 zur Gründung des Karl-May-Verlags.

Damals war Radebeul der Verlagssitz.

Ja, Radebeul bei Dresden war die Heimatstadt der Mays. Mein Großvater war in Gemünden am Main geboren worden, aber in Bamberg aufgewachsen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegten seine drei Söhne den Verlagssitz hierher, weil Radebeul in der sowjetischen Besatzungszone lag.

Sie selbst sind 1993 in die Verlagsleitung eingestiegen. Was trieb - und treibt - Sie an?

Nach dem plötzlichen Tod meines jüngsten Onkels wollte der ältere Bruder meines Vaters den Verlag am liebsten veräußern. Mein Vater wollte das aber nicht. Er sagte zu mir: "Wenn du heimkommst, zahlen wir die anderen aus und führen den Verlag weiter." Ich musste nicht allzu lange überlegen, denn ich bin schon stolz auf unser Unternehmen. Es ist einzigartig. Ende der 80er ging es dem Verlag nicht gut. Heute schreiben wir schwarze Zahlen und wir sind nach wie vor unabhängig. Wir bieten ein breites Sortiment an Karl-May-Stoffen an: vom Hörbuch über das E- Book bis hin zu den Gesammelten Werken und Sekundärliteratur aller Art. Ich finde es wichtig, dass Karl Mays Botschaften erhalten bleiben.

Welche Botschaften meinen Sie?

In den Büchern geht es immer wieder um Völkerverbindung und Frieden. Das sind ganz aktuelle Themen. Karl Mays Helden töten nie zum Spaß, sondern nur, wenn sie sich selbst retten müssen. Und am Ende siegt das Gute.

INFO:

DER KMV:

Verlag: Der Karl-May-Verlag (KMV) hat seinen Sitz in der Bamberger Schützenstraße 30. Inhaber Bernhard Schmid führt ihn in der dritten Generation. Schmid hat in Erlangen Geschichte und Buchwissenschaft studiert, in Wien volontiert und bis 1992 beim Verlag Boje-Pestalozzi gearbeitet. Er beschäftigt in Bamberg derzeit sechs Mitarbeiter. Für die Zukunft wünscht sich der 58-Jährige, "dass die Buchhändler Karl May wiederentdecken" und "dass bald wieder Projekte und Veranstaltungen stattfinden können". Allein die May-Festspiele lockten 2019 über 750.000 Fans auf die Freilichtbühnen.

Infos: www. karl-may.de