Sechszehn-, Siebzehnjährige haben normalerweise alles Mögliche im Kopf und Smartphone. Altersgemäße Flausen eben. Da verblüfft es schon, wenn sich solche jungen Leute mit Krieg, Zerstörung, Flucht, Hunger, Vertreibung, Verlust und Trauer auseinandersetzen und zu der Schlussfolgerung kommen: "Es ist wertvoll, in Frieden und ohne Angst leben zu können."

Diese Erkenntnis ist in der Klasse 10b der Mittelschule Hirschaid gereift. Die 21 Schülererinnen und Schüler beschäftigen sich im Geschichtsunterricht mit dem Thema "Nachkriesgzeit - Flucht und Vertreibung". Klassenlehrerin Silvia Kauffer brachte den Lernstoff derart fesselnd über, dass die Wissbegier nachhaltig geweckt war. Es entstand die Idee, zunächst im eigenen Familienkreis Nachforschungen anzustellen und Angehörige zu befragen, die die Jahre nach 1945 miterlebt hatten. Daraus erwuchs ein regelrechtes Projekt: 70 Jahre Kriegsende - gefangen, geflüchtet, ausgebombt.

Die Klasse entwickelte einen Fragebogen für Interviews mit Zeitzeugen: mit über 80-jährigen Männern und Frauen in den Seniorenheimen in Eggolsheim und Sassanfahrt. Die Schüler Lukas Grenzer, Martin Müller und Sebastian Wolf führten diese Befragungen durch, und das zum Teil in der Freizeit. "Die alten Leute haben uns gesagt, dass sie keine Märchen erzählen und hoffen, dass uns so etwas nie passiert", bilanzieren die drei ihre Recherchen. Furchtbare Erlebnisse mit russischen Soldaten, mit Misshandlungen, mit schier endlos scheinenden Fluchtrouten kamen zur Sprache. "Eine Frau hat immer wieder geweint", sagt Sebastian leise.

Cool und abgebrüht gibt sich niemand in dieser Klasse 10b ob dieser erschütternden Erzählungen der Zeitzeugen. Im Gegenteil: Die jungen Menschen sind dankbar für die guten Ratschläge, die ihnen die Befragten mitgegeben haben: "Seid glücklich und bleibt anständig, zeigt keinen Übermut!", regte beispielsweise die 86-jährige Maria Weiss an. Dieter Erdmann (82) hatte sogar einen topaktuellen Rat parat: "Habt keinen grundlosen Hass auf Flüchtlinge, sondern versucht lieber, sie zu verstehen!"


Vor dem Vergessen retten

Diese Lebensweisheiten und Lebensgeschichten der Zeitzeugen haben die Schüler sorgfältig aufgeschrieben und von den Interviewten autorisieren lassen. Dass während dieser Projektphase ihr Gesprächspartner Michael Först im 88. Lebensjahr verstarb, brachte eine unerwartete Belastung für die Klasse: "Sterben und Tod waren greifbar, die Schüler mussten das erst einmal verarbeiten", erklärt Klassenlehrerin Kauffer. Dabei hätten sie erfahren, wie wichtig es ist, "Erinnerungen zu bewahren, solange es geht und das persönliche Erleben dieser Menschen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen".

Die Tochter des Verstorbenen gab die Erlaubnis, die Informationen zu veröffentlichen. Denn genau das ist der bemerkenswerte Abschluss des Klassenprojektes: Die Erinnerungen der Zeitzeugen werden auf Tafeln in einer Ausstellung präsentiert, die am Freitag, 23. Oktober, um 17.30 Uhr im Schloss Sassanfahrt zur Eröffnung kommt. Zusätzlich zu den professionell hergestellten Tafeln sind in Vitrinen teils Originalfotos, teils Reproduktionen aus den Fotoalben der Zeitzeugen zu sehen.


Berührungsängste abgebaut

Die Schüler haben die Vernissage gründlich vorbereitet. Klassensprecher Lukas konzipierte etwa die Begrüßungsrede, die Michelle und Julian vortragen werden. Ihre Klassenkameraden sorgen mit ihren fächerübergreifenden Praxislehrern für die Musik und die Bewirtung der Gäste, für Reservierungsschilder oder für Geschenke: Im Fach Technik entstanden große Brettspiele aus Holz für die beiden Seniorenheime. "Für uns ist wesentlich, die befragten Senioren in den Mittelpunkt zu stellen und sie besonders für ihre Kooperationsbereitschaft zu ehren", betont die Klasse 10b. Das Gemeinschaftsprojekt habe Berührungsängste abgebaut, Jung und Alt zusammengeführt und ein respektvolles Miteinander gefördert, ist sich die Schülerschar sicher.

"Ich bin restlos begeistert, auf welch hohem Niveau die Klasse 10b ihr Projekt gemeistert hat, davon kann sich so manches Gymnasium eine Scheibe abschneiden", erklärt Hirschaids Kulturreferentin Annette Schäfer. Sie hat als Managerin des Schlosses Sassanfahrt diesen Ausstellungsort zur Verfügung gestellt und den Schülern dabei geholfen, die Texte auf die Tafeln zu bringen. Und nicht nur das: Annette Schäfer, ehrenamtliche Kreisheimatpflegerin, will die Schriften in die "Heimatkundlichen Blätter" aufnehmen, die der Verein "Kunst und Kulturbühne Hirschaid" als Heftreihe herausgibt.
Bereits zur Finissage der Ausstellung mit Vortrag von Josef Motschmann "70 Jahre Kriegsende in Franken" am 23. November um 19.30 Uhr soll das entsprechende "Heft 11" der Öffentlichkeit übergeben werden.