Da bot sich den zahlreichen Zuschauern vor der St.-Gangolf-Kirche in der Theuerstadt ein spektakuläres Bild: Ein Kran der Bamberger Firma Karl GmbH hievt eine Glocke aus dem linken Turm zu Boden. In Zeitlupentempo schwebt das gute Stück, das immerhin rund 900 Kilo auf die Waage bringt, herab. Vierzehn Meter Distanz bis zum Vorplatz mussten überwunden werden.

Zuvor hatten fleißige Mitarbeiter der Steinrestaurierung Bauer-Bornemann das Maßwerk ausgebaut, damit die Glocke überhaupt aus dem Turm gehoben werden konnte. Die Spezialisten der Glockengießerei Perner aus Passau sorgten für die vorbereitenden Maßnahmen und hatten die Glocke abgehangen. Ein allein schon historisch wertvolles Objekt mit dem klangvollen Namen "Angelus Domini" - Engel des Herrn - aus dem frühen 14. Jahrhundert.

"Die Glocke muss repariert werden, das Klöppeleisen, also die Aufhängung des Klöppels in der Glocke, ist defekt", begründet Kirchenpfleger Josef Schirmer die Aktion. Und da im Zuge der Generalsanierung des Gotteshauses auch die Glockensteuerung überarbeitet und die Antriebsmotoren erneuert werden müssten, "läutet derzeit nichts". Alle sieben Glocken in den beiden Türmen der St.-Gangolf-Kirche schweigen also in den nächsten Wochen.

"Angelus Domini" wurde noch am Tag der Abnahme mit einem Lkw nach Nördlingen zum Lachenmeyer Schweißwerk für Glocken und Stahlbau transportiert. "Dort bleibt sie etwa sechs bis acht Wochen", erklärt Schirmer und verweist darauf, dass "Angelus Domini" beileibe nicht die älteste Glocke der einstigen Stiftskirche ist: Die "Campana S. Gangolphi martyris" - Glocke des heiligen Märtyrers Gangolf - wurde bereits 1311 gegossen. Auch eine dritte Glocke, die "S. Maria" gehört im Gesamtgeläut zu den historischen: Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert.
Es ist also schon ein Glücksfall, dass diese drei alten Klangkörper die Zeitläufe überlebt haben. Im Ersten Weltkrieg waren diese mittelalterlichen Objekte von der Ablieferung freigestellt. Im Zweiten Weltkrieg wurden im Jahre 1942 die beiden Glocken des 14. Jahrhunderts wegen ihres herausragenden Wertes in die Gruppe D gesetzt und verblieben auf dem Turm. Tatsächlich gehören diese Beiden zu den auch klanglich wertvollsten Glocken Bambergs und formten über Jahrhunderte hinweg das mit seinem Halbtonabstand unverwechselbare Fundament des Geläuts von St. Gangolf.


Von exemplarischer Bedeutung

Diese jahrhundertealten Glocken gelten zwar als Einzelstücke von exemplarischer Bedeutung für die Glockengeschichte. Sie sind jedoch in Bambergs Glockenlandschaft keine ausgesprochene Rarität. Denn die meisten der noch stehenden Kirchen haben ihren Altbestand an Glocken in einer Vollständigkeit bewahrt, wie er in dieser Fülle und Qualität - gut 42 Glocken des späten 12. bis 19. Jahrhunderts - in Deutschland heute kaum ein zweites Mal auf so engem Raum gibt.
"Allein an Hand des Bamberger Bestandes könnte man die Glockengeschichte des deutschen Sprachraumes in großen Zügen nachzeichnen und hätte für nahezu jede wichtige Epoche ein bisweilen sogar hochrangiges Beispiel anzuführen", schreibt Glockenexperte Claus Peter in dem 2008 vom Diözesanmuseum herausgegebenen Band "Glocken, Geläute und Turmuhren in Bamberg". Wäre etwa der vehemente Einsatz der Bamberger Bürgerschaft für "ihre" Glocken nicht gewesen, dann wären Geläute etwa des Domes, von St. Michael oder St. Jakob während der Säkularisation 1803 verkauft worden.


"Wir machen gute Fortschritte"

Im Sommer 2016 haben die Sanierungsarbeiten an und in der St.-Gangolf-Kirche begonnen: "Bis jetzt ist alles positiv verlaufen, wir machen gute Fortschritte und sind voll im Zeitplan", erklärt der ausführende Architekt Alwin Zenkel. Zumal die Maßnahme fast zwei Jahre lang vorbereitet worden sei und "wir vor bösen Überraschungen gefeit waren".

Der erste Bauabschnitt ist abgeschlossen, das Dachtragewerk über dem Chor restauriert und neu eingedeckt, die Putz- und Reinigungsarbeiten an den Decken- und Wandflächen im Chorinneren durchgeführt. Bis auf wenige Stellen, die ausgebessert werden mussten, erstrahlen Decke und Wand ohne Neuanstrich in hellem Weiß. Die Chorbögen haben ihre Farbe behalten. Der Hochaltar und das Chorgestühl sind vom Staub der letzten Jahre befreit. Alle Figuren und Verzierungen sind abgesaugt und gereinigt. "Es mussten nur einige Fehlstellen neu vergoldet werden, sonst war alles in gutem Zustand", so Zenkel.


Bauabschnitt 2 läuft

Im derzeit laufenden zweiten Bauabschnitt wurden innen wie außen das Quer- und das Langhaus eingerüstet zwecks Reinigung der Decken- und Wandflächen sowie Restaurierung der Fassade und des Dachtragewerks mit Balken aus dem 12. Jahrhundert: "eines der ältesten in Bayern mit sehr hoher Bedeutung", betont der Architekt. Im dritten Bauabschnitt ab 2018 sind die beiden Kirchtürme und sowie die innen befindlichen Kapellen St. Anna und Göttlich-Hilf an der Reihe.

Die Kosten der Generalsanierung belaufen sich auf rund 4,3 Millionen Euro. Die Erzdiözese Bamberg, die Oberfrankenstiftung und die Bayerische Landesstiftung für Denkmalpflege unterstützen das Projekt.
Für die Pfarrei St. Gangolf bleibt ein Eigenanteil von rund 500 000 Euro. Kirchenpfleger Josef Schirmer ist aber zuversichtlich "dass wir das packen", auch wenn derzeit noch Zweidrittel der Summe fehlen. Schließlich gibt es den rührigen Förderverein St. Gangolf, der der Kirchenverwaltung mit Aktionen unter die Arme greift, und großzügige Spender.