Es ist ein Blick, der von Südwesten auf die kirchturmgekrönten Hügel Bambergs fällt. Die Felder goldgelb, die Obstbäume ernteschwer - ein scheinbar zeitloses Idyll, das der Bamberger Künstler Fritz Bayerlein 1937 für das Rathaus geschaffen hat. Seitdem hängen zwei großformatige Ölgemälde im Großen Sitzungssaal.

Künftig werden die Stadträte wohl vor dem nackten Weiß der Wände tagen müssen. Denn mit dem Beschluss von Grünes Bamberg, SPD, ÖDP, Volt, BaLi und "Die Partei" kulminiert ein jahrzehntealter Kulturstreit um die Bewertung des Bamberger Malers Fritz Bayerlein, der 1955 starb. Die Mehrheit von 27 Stadträten sprach sich dafür aus, die beiden Landschaftsgemälde sowie zwei weitere Bilder aus dem Umfeld des Trausaals zu verbannen. Sie sollen an anderer Stelle in der Stadt präsentiert und didaktisch aufbereitet werden. Doch kann derzeit niemand sagen, wo und wann das passieren und woher das Geld für eine geplante Ausstellung kommen soll. Laut Museumsdirektorin Regina Hanemann geht es um 400 000 Euro.

Für die Grünen, die den Abstimmungssieg im Rathaus als größte Fraktion herbeiführten, war der Beschluss ein Triumph, ein "Zeichen des politischen Neuanfangs", wie Vera Mamerow formulierte. In den sozialen Netzwerken hagelte es dagegen Kritik. Haben die nichts Besseres zu tun, fragten viele.

Die grüne Sprecherin Mamerow verteidigte den Beschluss als glückliches Ende einer viel zu langen Debatte. Hört man die Kunsthistorikerin, sind die vermeintlich harmlosen Landschaftsbilder Bayerleins nicht vom Weltbild der menschenverachtenden Blut- und Boden-Ideologie der Nazis zu trennen. Mit diesen gefälligen Bildern tarnten die Nazis gewissermaßen ihren Vernichtungsfeldzug. Man könne die Bilder nicht vom Umfeld in den 30er Jahren lösen. Mamerow erinnerte auch daran, dass es NSDAP-Kreisleiter Lorenz Zahneisen war, der die Bilder in Auftrag gegeben hatte. "Sie haben ihre Unschuld längst verloren."

Doch es ist ein Kontext, der sich durch bloßes Hinsehen nicht erschließt. Nationalsozialistische Symbole findet man in den beiden Bildern im Sitzungssaal ebenso wenig wie direkte Hinweise auf die Blut- und Boden-Ideologie der 30er Jahre.

Soll man Kunst also nach dem bewerten, was der Künstler gedacht hat? Diese Frage wirft Franz-Wilhelm Heller (CSU) auf. Bayerlein war unumstritten ein Nazi. Noch kurz vor seinem Tod 1955 bekannte er sich zu den Ideen der NS-Zeit. Kein Mensch teile das Gedankengut Bayerleins, bekräftigt Heller im Stadtrat und kommt dennoch zu einer diametral anderen Einschätzung. Kunst müsse nach Inhalten und dürfe nicht nach dem Charakter des Künstlers bewertet werden. Dies sehe auch die Mehrheit der Wissenschaftler so. "Würde man das Vorgehen in Bamberg zum Maßstab machen, müsste man die halbe Kunst der Welt verfrachten", sagt Heller. Für ihn ist der Beschluss deshalb auch "eine Demonstration der neuen Machtverhältnisse".

Dem hat auch die SPD-Fraktion nicht widersprochen. Mit der Verbannung der Bayerlein-Bilder erfüllt sich ein lange gehegter Wunsch. "Wir machen es, weil wir es machen können", sagte Klaus Stieringer (SPD). OB Andreas Starke (SPD) erinnert daran, dass es 1995 sein erster Antrag als damaliger Fraktionschef war, zu fordern, dass die Bilder abgehängt werden sollen. 25 Jahre später freut sich Stadträtin Ingeborg Eichhorn (SPD) über "die überfällige Entscheidung". Als die Bilder aufgehängt wurden, seien die Grundrechte mit Füßen getreten, SPD-Stadträte ins Gefängnis und ins KZ deportiert worden. "Solche Bilder dürfen wir in einem demokratischen Sitzungssaal nicht dulden."

Unterstützung kam von den Linken. Die Bilder würden die "schrecklichen Dinge verschleiern, die damals passiert sind", sagte Heinrich Schwimmbeck. Auch Hans-Günter Brünker (Volt) hat keine Zweifel, dass Bayerleins Werke weg müssen: "Sie wurden von einem Nazi gemalt und von einem Nazi in Auftrag gegeben." Heftigen Widerspruch ernteten die Bilderstürmer dagegen von der Bamberger FDP. "Wir sollten die Spuren der Geschichte sichtbar machen, nicht sie entfernen", meint Martin Pöhner. So seien das künftige Gründerzentrum in der Lagardekaserne und die Posthalle Symbole der Aufrüstung im Dritten Reich. "Reißen wir sie deshalb ab?", fragt Pöhner.

Kommentar des Autors:

Bamberger Bilderstürmer

Falls es sich noch nicht herumgesprochen haben sollte, dass es neue Chefs (und Chefinnen) im Rathaus gibt, dann dürfte die Entfernung der Bayerlein-Bilder aus dem Rathaus für Gewissheit sorgen. Der Beschluss, die umstrittenen Werke auszuweisen, fiel mit klarer Mehrheit, doch löst er nicht nur Wohlgefallen aus. Der Zeitpunkt mitten in der Corona-Krise eignet sich kaum für spannungsgeladene Symbolpolitik. Es gibt andere Sorgen als die Frage, vor welchem Hintergrund Bilder stehen, die seit 80 Jahren im Rathaus hängen - nachweislich ohne die Demokratie gefährdet zu haben. Viele Menschen verstehen nicht, warum Gemälde, die augenscheinlich völlig harmlos daherkommen, als Symbole der Nazi-Herrschaft gedeutet werden sollen. Dieser Kontext erfordert tatsächlich lange Erklärungen. Und es stellt sich die Frage, was das Abhängen von Bildern für den Genuss künstlerischer Werke generell bedeutet - von der Musik undemokratisch gesonnener Komponisten bis zur Architektur aus feudalistischen Zeiten. Doch natürlich: Bayerlein, nach dem in Bamberg sogar eine Straße benannt ist, war Nazi und Profiteur der menschenverachtenden NS-Diktatur. Zudem gelangten die Bilder unter anrüchigen Umständen ins Rathaus.

Dennoch ist die kunstgeschichtliche Begründung eines Bannstrahls eine Krücke. Wer Bayerlein loswerden will, kann politisch argumentieren. Im Rathaus schlägt das Herz der Demokratie in Bamberg. Was hier hängt oder nicht hängt, entscheiden gewählte Stadträte. Die dürfen das.