Für manchen in Bamberg ist der bärtige alte Mann mit der Zahnlücke schon ein alter Bekannter. Nur von einer Decke umhüllt saß er monatelang auf seinem Rollstuhl vor der Dominikanerkirche. Früh wurde er mit einem Auto gebracht und manchmal erst spät nachts wieder abgeholt. Betteln - ein Full-Time-Job. Stundenlang, selbst bei Frost und Regen harrt er aus und streckt seinen Kaffeebecher den Menschen entgegen.
Für Benno Götz, Hauseigentümer in Bamberg, ist das ein Skandal. Dass so etwas möglich ist und dass niemand hilft: "Dieser Mann muss hier bis in die Morgenstunden sitzen. Er bekommt viele Stunden nichts zu essen und zu trinken. Den Behörden ist offensichtlich egal, dass hier ein Mensch bei Gefahr für sein Leben ausgebeutet wird, von Leuten, die ihm das Geld das er sammelt, wieder abnehmen."

Der alte Mann ist kein Einzelfall.
Wer dieser Tage aufmerksam durch Bamberg geht, stößt fast an jeder Straßenecke an Hände, die sich ihm flehend entgegenstrecken. Nicht alle können darüber hinwegsehen: "Beim Einkaufen stört mich das ganz gewaltig. Und es werden immer mehr", sagt Gerhard Förtsch aus Bischberg. Er kennt Leute, die deshalb nicht mehr nach Bamberg wollen, "weil alle 100 Meter einer steht".

Wundersame Heilung

Solche Beschwerden kennt man im Ordnungsamt der Stadt Bamberg zur Genüge. Die wachsende Zahl der Bettler in Bamberg lässt die Menschen nicht kalt. Da gibt es Anrufe von Leuten, die voller Mitleid mit den zerlumpten Gestalten sind. Andere fühlen sich belästigt, wieder andere getäuscht, wenn ein Mann, der eben noch auf dem Rollstuhl saß, plötzlich wieder laufen kann.

Christine Feldbauer vom Ordnungsamt ist weit davon entfernt, die Bamberger davon abzuhalten, ihren Obolus zu spenden, wenn sie hilfebedürftige Menschen sehen. Andererseits: Es sei offensichtlich, dass es sich längst um eine Art Lebenserwerb für eine gar nicht so kleine Gruppe von Leuten handelt, die meist nicht aus Bamberg oder auch Deutschland stammen. "Das Problem wird immer drängender", sagte die Frau von der Stadtverwaltung.

Das hat vor allem mit einer neuen Rechtslage zu tun. Anders als früher können Behörden ordnungsrechtlich nicht mehr eingreifen, seit dem Jahr 2005, als in der Europäischen Union das Recht auf freizügiges Reisen gesetzlich verankert wurde. Grund für die sichtbare Vermehrung von Bettlern ist zudem ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs, wonach die Gesellschaft so genannten stilles Betteln hinnehmen muss. Nur aggressives Betteln ist noch als Ordnungswidrigkeit zu ahnden.

Doch dazu kommt es in den meisten Fällen nicht, sagt Klaus Linsner von der Bamberger Polizei. Seine Erfahrung: "Die Bettler wissen ganz genau, was sie dürfen und was nicht." Auch er bestätigt, dass der Zustrom von auswärtigen Obdachlosen durch die neue Rechtslage stark gestiegen ist. Seine Kollegen, die eine Untersuchung durchgeführt haben, gehen von etwa zwei Dutzend Menschen aus, die in Bamberg meist an den gleichen Standplätzen auf Münzgeld und Scheine spechten.

Kalte Nächte unter der Brücke

Illegal ist das wohlweislich nicht. Meist handelt es sich um Menschen, die aus den zur Europäischen Union gehörenden Ländern Osteuropas stammen. Arbeitslosigkeit und Armut in ihrer Heimat treiben sie nach Deutschland - gerade auch in gut besuchte Fremdenverkehrsstädte. Wie etwa eine große Gruppe von Menschen aus der Slowakei, die sich seit einigen Monaten Bamberg aufhält.

Eine Art neuer, ungeliebter Touristen: Tagsüber verteilen sich die mit Rollstuhl, Krücken und anderen Utensilien ausgerüsteten Menschen auf die Plätze und Straßen der Stadt, nachts beziehen sie ein Matratzenlager am Ufer des Kanals. Zuletzt sah man sie monatelang unter der Marienbrücke campieren - selbst in bitterkalten Nächten.

Kontaktaufnahme vergeblich

"Slowakei, keine Wohnung, Schlafplatz am Fluss, zwei Jahre in Bamberg." Das sind die einzigen verständlichen Wortfetzen, die wir drei von uns angesprochenen Menschen entlocken konnten. Ob diese Bettler kein Deutsch sprechen können oder nur nicht wollen, ist schwer zu sagen. Ein Passant will beobachtet haben, dass der Mann, der im Rollstuhl am Grünen Markt ein Handy besitzt.
Einen Grund einzugreifen sieht die Polizei nicht, so lange keine Straftaten nachzuweisen sind. Auch die häufig gemachte Beobachtung, dass die Männer oder Frauen mit dem Auto abgeholt werden und offenkundig organisiert zusammenarbeiten, genügt nicht, um dagegen vorzugehen. "Wenn kein Verdacht besteht, dass eine Form der Nötigung vorliegt, haben wir keine Handhabe", sagt Linsner. Die Erfahrung der Polizei aus vielen Befragungen: Der Sachverhalt, dass jemand stundenlang an einem Fleck steht und bettelt, muss nicht bedeuten, dass er dies gegen seinen Willen tut.

Zwar gibt es den Tatbestand betrügerischen Bettelns. Doch körperliche Gebrechen, die offenkundig nur vorgetäuscht sind, genügen nicht, um dagegen vorzugehen. "Dass jemand so tut, als sei er gelähmt und anderntags quietschfidel durch die Stadt läuft, reicht nicht aus. Der Betreffende hat ja nicht behauptet, dass er behindert ist, und es steht auch auf keinem Schild", sagt Linsner - eine Rechtsauffassung, die die Bamberger Staatsanwaltschaft erst kürzlich bestätigt hat.

Doch die Mitleidsmasche scheint sich auszuzahlen: Aus gelegentlichen Überprüfungen weiß die Polizei, dass das Betteln in Bamberg "ein einträgliches Geschäft" sein kann. Selbst in Spielcasinos hat man einige der Personen bereits angetroffen. Es sei bekannt, dass sie häufig ihre Familien zu Hause versorgen.
Wie hilfsbedürftig diese Menschen tatsächlich sind, darauf gibt es keine einfache Antwort. Unbestritten muss der Leidensdruck in der Heimat groß sein, um ein Leben als Bettler in der Fremde zu führen. Doch hier vor Ort gibt es offenbar wenig Klagen.

Hermann Werner, der im Sozialamt der Stadt für die Obdachlosenhilfe zuständig ist, macht sich bei starkem Frost regelmäßig auf den Weg und bieten Obdachlosen Unterkünfte an. Dass sie von diesem Personenkreis genutzt worden wären, hat er bislang noch nicht erlebt. "Es geht uns gut, wir sind prima versorgt", war die häufig zu hörende Antwort.