Heinz Jung wohnt nicht exponiert. Man muss das Domizil schon suchen. Als erstes stößt der Besucher auf ein skandinavienrotes, aufgeständertes Spielhaus. Selbst geschreinert für den Enkel. Dahinter Solarmodule auf dem Dach, unten ein Wintergarten. Im Garten ein Kamin und viel Holz, auch am und im Einfamilienhaus. Im Gang sticht ein winziger roter Holzstuhl ins Auge, daneben Nüsse. Von den Genossen. "Harte" wie sie ihm versichert hätten, erklärt Jung auf dem Weg nach oben, unters Dach, wo er viele Stunden verbringt. Im Arbeitszimmer. Vor dem kleinen Raum sind Bücher und Zeitschriften zusammengetragen, die dem 57-Jährigen besonders wichtig sind. Altkanzler Helmut Schmidt auf einem Spiegel-Titel, der alles über den SPD-Titanen verheißt. Die SPD - für die tritt der Grund- und Mittelschul-Rektor an, um den Landratssitz zu erobern.
Parteimitglied ist er nicht, ein Eintritt "derzeit kein Thema".

Im Büro wandert der Blick von Jungs Porträt an der Wand, "so hat mich meine Tochter gesehen", über die Friedenstauben-Buttons hin zum Zollstock auf dem Schreibtisch. Wenn er ein Heimwerker-Projekt ins Auge fasse, beginne er mit dem Messen, sagt Jung. Seit einigen Wochen hat der Zollstock Pause, die Hausrenovierung ist ausgesetzt. Das aktuelle Projekt heißt Wahlkampf.

Wenn Jung etwas angeht, dann mit voller Kraft. So wie das Studium, den Einsatz für den Bund Naturschutz, die Schule, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und natürlich, ganz wichtig, die Familie. Familienfotos begleiten durchs Haus. Die vielen Urlaubsfilme bearbeitet der gebürtige Bamberger unterm Dach. Die drei Kinder sind längst aus dem Haus, doch der Kontakt ist eng, der Enkel die große Freude des Kandidaten und seiner Ehefrau Anette. "Jung gefreit, nie bereut", merkt die dazu an. Alles hier hat eine Geschichte: Praktisch als Teenager trafen die zwei erstmals im "Spezial" aufeinander.

An einem Sandkerwa-Freitag entschied man sich füreinander. Vor bald 40 Jahren. Man teilt die Basketball-Begeisterung ebenso wie die Begeisterung für die Reize des Landkreises und das Bedürfnis, sich für den Naturschutz zu engagieren. "Wir fangen an auf Kosten der nachfolgenden Generation zu leben", erklärt Heinz Jung die Motivation, hier tätig zu werden. Seit 20 Jahren ist das Ehepaar aktiv, er als Bezirksvorsitzender, sie zuerst als BN-Jugendgruppenleiterin, dann in der Öffentlichkeitsarbeit.

Aber auch im Berufsfeld engagiert sich Arbeitersohn Jung. "Ich wollte unbedingt Lehrer werden, weil mich die Arbeit mit jungen Menschen fasziniert." Außerdem hat ihn der eigene Sportlehrer und Bamberger Basketball-Vater Bert Peßler begeistert. Für Schule wie Sport.

Studium selbst finanziert
Damals war es eher ungewöhnlich, dass Arbeiterkinder aufs Gymnasium gehen und dann auch noch studieren. Aber die Familie hat ihrem Jüngsten von vier Kindern den Weg nicht verbaut. Sein Studium hat Heinz Jung sich selbst finanziert. Unter anderem auf dem Bau und als Möbelpacker. "Da habe ich viel gelernt."

Das kam der jungen Familie beim Hausbau zugute. Und bei den Möbeln. "Am besten nachdenken kann ich beim Schreinern", weiß der Pädagoge.

Als er Allerheiligen den FT-Artikel über die Landratssuche der SPD las, "da wurde er auf einmal ganz stumm und verschwand im Keller", erinnert sich seine Frau. "Warum nicht?", hatte er gedacht. Aber warum? "In so einem Amt habe ich die Chance, wirklich was auf einer Ebene zu bewegen, wo was in größerem Maß umgesetzt wird." Sich im Gemeindeparlament zu engagieren, das schien ihm nicht effizient genug. "Ich habe schon zwei fordernde ehrenamtliche Tätigkeiten im BN und bei der GEW, eine weitere hätte ich zeitlich nicht leisten können." Wegen des Zeitaspekts und "weil Landrat die ganze Familie betrifft" wurde der Familienrat einberufen. Nachdem er sich versichert hatte, dass das Ganze wirklich ernst gemeint und nicht der Publicity geschuldet war. "Mach's!", riet ihm nicht nur der Sohn. Er solle sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, Erfahrungen zu sammeln.

Nicht zu verbiegen
Warum findet er sich geeignet? "Weil ich sehr belastbar und gewohnt bin Allianzen zu schmieden. Weil ich Leute an einen Tisch bringen, Punkte ansprechen kann, mich nicht einschüchtern, wohl aber von Sachargumenten überzeugen lasse." Und "weil ich mich nicht verbiegen lasse"."Ich bin in einer Traumsituation", sagt Jung gelassen: "Ich hab' nichts zu verlieren, muss auf keine Parteikarriere Rücksicht nehmen und habe einen tollen Beruf, in dem ich ich genauso gerne weiterarbeite." Jung ist kein Parteipolitiker und in keiner Partei Mitglied. "Die wechseln oft ihre Richtung." Ihm ist an langfristigen Weichenstellungen gelegen und ansonsten sieht er sich als jemand, der Projektarbeit betreibt, "ein Ziel klar im Blick" .

Kochen muss sein
Wie ist die Mehrbelastung von Beruf und Wahlkampf - mit zwei bis drei Veranstaltungen am Abend - zu bewältigen? "Vorher wird ordentlich gekocht", verrät Jung schmunzelnd. An der Schule gibt es keine Abstriche. Dafür ruhen aber alle Schreinerarbeiten, die begonnene Hausrenovierung und gemütliche Abende entfallen gleichfalls.

Was bedeutet ihm eigentlich der Landkreis? Die Familie fährt gerne weg - in den Norden, nach Frankreich und auch in die Berge. Aber leben möchte sie nirgendwo anders als in der Region. Für Jung bilden die Stadt Bamberg und der Landkreis eine Einheit: "Hier ist es toll, Lebensqualität bezahlbar." Deswegen empfindet es Jung als wichtig, die Identität zu bewahren. Dazu gehören für ihn die kleinen Brauereien, Bäcker, Metzger. Stichwort Identität - was wäre ein erstes großes Handlungsfeld als Landrat? "Ich will den Schwerpunkt Energiewende packen, die Umsetzung der Energiewende."

Was für einen Landrat würde der Landkreis mit Heinz Jung bekommen? Auf jeden Fall - optisch - einen legeren. "Krawatten sind nicht mein Ding." Letzten Endes würden die Menschen auf das schauen, was man zu sagen und nicht was man anhat. Es komme auf die Inhalte und nicht Verpackung an. Deswegen fände er es geradezu lächerlich, wenn er sich jetzt die Haare schneiden lassen würde. "Wahlkampf ist doch ein Wettbewerb der Ideen und kein Laufsteg - ich will authentisch bleiben." Deswegen seien hochgekrempelte Ärmel sein Markenzeichen, auch in der Schule. Letztes Stichwort: Was sagen die Kollegen? "Sie wählen mich nicht!" Weil sie ihn behalten wollen, vollendet Ehefrau Anette als bestens eingespielte Partnerin. Unauffällig platziert steht im Arbeitszimmer ihr Tesafilmspender - wie der Aufkleber verrät.