Die Schwestern auf der Palliativstation des Bamberger Klinikums öffnen die Türen zu den Patientenzimmern. Ambros Göller geht auf dem Flur in Position, führt seine Flöte an den Mund. Eine Melodie erklingt, so volltönend, leicht melancholisch - einfach zu Herzen gehend. Dabei steigen Bilder vor dem inneren Auge auf: von der Weite der nordamerikanischen Prärie, vielleicht Pferdegetrappel, Klagelaute einer unterdrückten Minderheit in ihrer angestammten Heimat.

Ambros Göller beherrscht seine indianische Flöte aus dem Effeff. Bei den todkranken Patienten fließen Tränen, andere klatschen Beifall oder heben einfach nur den Daumen.
"Herr Göller schenkt uns Freizeit und Freude", sagt Jörg Cuno, ärztlicher Leiter der Palliativstation, der dieser Musik eine Weile lauscht.


500 Euro als Unterstützung

Seit einem knappen Jahr kommt der 53-jährige Oberhaider Göller regelmäßig mit seinem Flötensortiment nach der Frühschicht ins Hospiz. "Eine Nachbarin, die im Hospizverein ist, hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich dort auch einmal spielen könnte", erzählt er. Im Haus stieß er auf offene Ohren mit seinem Angebot, ehrenamtlich für ein wenig Kurzweil zu sorgen. "Es gibt ein gutes Gefühl, etwas für die Patienten tun zu können", bekennt Ambros Göller. Zumal er sich so seine Gedanken mache über das Sterben und den Tod: "Dieses Thema wird in unserer Gesellschaft völlig verdrängt."

Göllers Einsatz überzeugt auch seinen Arbeitgeber, das Bosch-Werk Bamberg, in dem er in der Qualitätssicherung der Hochdruckeinspritzventile arbeitet. "Wir finden klasse, was Herr Göller macht und unterstützen sein ehrenamtliches Engagement", betont Thomas Ihring, der als Abteilungsleiter Ambros Göllers unmittelbarer Chef ist. So ist es für Ihring selbstverständlich, einen Spendenscheck in Höhe von 500 Euro an Jörg Cuno im Hospiz zu überreichen.

Mit dieser Summe fördert das Bosch-Werk generell soziale Projekte seiner Mitarbeiter. Unter dem Motto "Engagiert - das sind wir! Dein Beitrag für die Region" hat das Werk ein eigenes Programm aufgelegt, um ehrenamtliche Initiativen aus den Bereichen Bildung, Soziales, Kultur, Sport, Gesundheit, Umwelt- und Naturschutz zu fördern. Bei Gerhard Bauer, der bei Bosch für das Ideenmanagement und betriebliche Vorschlagswesen verantwortlich zeichnet, laufen die Fäden zusammen. Er entscheidet mit einem Gremium, ob ein Projekt von Angestellten gefördert wird oder nicht.

Bauer ist davon angetan, dass sich "Mitarbeiter gezielt außerhalb der Arbeitszeit einsetzen". Seit 2012 existiert im Bosch-Werk diese Dachmarke "CSR - Corporate social responsibility", unter der bereits 168 Projekte Fuß gefasst haben. Da haben zum Beispiel Boschler an einem Kindergarten die Spielanlagen auf Vordermann gebracht, mit Schülern ein Insektenhotel gebaut oder um ein Gebäude der "Lebenshilfe" einen Zaun errichtet.


Der Schneeballeffekt

Jährlich stellt Bosch 20 000 Euro für die Projekte zur Verfügung. Pro Vorhaben gibt es 500 Euro, die direkt an die Institutionen gehen, die in den Genuss der werkelnden Boschler kommen. Diese erstellen eine Dokumentation der erbrachten Leistungen, legen Rechnungskopien bei und berichten über den erfolgreichen Abschluss ihres Projektes. "Das hat einen richtigen Schneeballeffekt, die Mitarbeiter motivieren ihre Kollegen, und es werden jedes Jahr mehr Projekte", bilanziert Bauer.

Cuno freut sich natürlich über die 500 Euro, die Göller sozusagen erflötet hat. Mit dem Geld könne seinen Patienten Kunsttherapie angeboten werden, die ansonsten nicht von den Krankenkassen übernommen werden, so Cuno. "Malen trägt zur Entlastung bei", denkt er wieder an seine schwerstkranken Patienten.


Flöten aus dem Reservat

Göller hat seine außergewöhnlichen Flöten direkt in einem Indianerreservat in South-Dakota erstanden. Dort Freundschaften geschlossen mit Familien, mit denen er in regem Brief- und Telefonkontakt steht. "Seit meiner Jugend beschäftige ich mich mit Indianern und habe mir schon früh gewünscht, in Amerika einmal die Black Hills zu sehen", erklärt er. Nein, es sei weniger "Winnetou" als "Lederstrumpf" gewesen, der ihn zu Urlaubsreisen in sein Traumland inspiriert habe.
Von dort wieder in den Alltag angekommen, überträgt Ambros Göller seine Eindrücke in musikalische Kompositionen für seine Indianerflöten. "Wenn ich davon leben müsste, würde es mir keinen Spaß mehr machen", betont er und holt tief Luft. Die Flöte und die Patienten warten ...