Es ist nicht bekannt, ob im Rathaus am Maxplatz dieser Tage die Sektkorken geknallt haben. Anlass zum Feiern hätte nicht nur der OB. Mit der Grundsteinlegung für den neuen Brose-Standort tritt das das wichtigste wirtschaftspolitische Vorhaben der Stadt Bamberg seit vielen Jahren in die Phase der Umsetzung. Einer der größten Automobilzulieferer der Welt in Familienbesitz errichtet einen vierten Standort in Franken. An der Bamberger Breitenau schafft die Gruppe eine neue Verwaltung für die zentralen Unternehmensbereiche Einkauf, Informationssysteme und Entwicklung. Das Bürogebäude ist für rund 600 Arbeitsplätze ausgelegt.

Knapp die Hälfte dieser Mitarbeiter wurde in den vergangen zwei Jahren bereits gezielt für den neuen Standort rekrutiert, teilt Brose mit. Die zentralen Funktionen Einkauf, Informationssysteme und Entwicklung, die derzeit am Standort Coburg bzw. Hallstadt angesiedelt sind, würden künftig in dem Bamberger Verwaltungsgebäude tätig sein. Hier seien die Voraussetzungen gegeben, um bei entsprechender Unternehmensentwicklung bestehende Kapazitäten weiter auszubauen.

OB Andreas Starke (SPD) fühlt sich in seiner Entschlossenheit, alles für diese Ansiedelung getan zu haben durch die jüngsten Entwicklungen bestätigt. Am Tag, bevor der Grundstein gelegt wird, spricht er von einem "großartigen Ereignis für den Wirtschaftsstandort Bamberg" und vergleicht ihn mit der Ansiedelung von Bosch in Bamberg vor 75 Jahren. "Die Tragweite dieser Entscheidung wird man wohl erst in einigen Jahren abschätzen können, wenn die hochqualifizierten Arbeitsplätze mit Leben erfüllt sind und die Wirtschaftskraft Bambergs von der Sogwirkung der Brose-Ansiedlung profitiert."

Freilich haben sich die Stadt und damit die Bürgerschaft diesen Meilenstein auch etwas kosten lassen. 11,5 Millionen Euro wurden nach einem einstimmigen Beschluss im Stadtrat in ein Maßnahmenpaket gesteckt - eine in dieser Größenordnung in Bamberg beispiellose Form der Wirtschaftsförderung.

Im Zusammenhang mit der Ansiedelung wurde nicht nur die Landebahn des Flugplatzes verbreitert; es wurden eine Starkstromleitung in die Erde verlegt und zwei Vereine umgesiedelt. Nicht zuletzt musste die Stadt den Plärrerplatz verlegen und nach dem Abbruch der Parkpalette Breitenau andernorts für Ersatz sorgen. Zuletzt: Auch Tower und Abfertigungshalle des Flugplatzes stehen vor der Erneuerung.

Mitgetragen haben den Ansiedelungsbeschluss alle Fraktionen. Auch die Bamberger Grünen, die sich mit den Vorleistungen in zweistelliger Millionenhöhe "am schwersten" taten. Heute ist die GAL-Vorsitzende Ursula Sowa froh, dass Brose seine Forschung und Entwicklung in Bamberg konzentriert und der Standort sehr international ausgerichtet sein wird. Sie hofft auch, dass die von Brose angekündigte Zahl von 600 Arbeitsplätzen tatsächlich erreicht wird. Bamberg habe seine Hausaufgaben gemacht. "Weitere Finanzleistungen können wir nicht mehr vertreten."

Großes Lob kommt auch vom Präsidenten der Industrie- und Handelskammer für Oberfranken, Heribert Trunk. Der aus Bamberg stammende Wirtschaftsführer bezeichnet die Ansiedelung der Brose-Gruppe als großen Schritt der Stadt nach vorne und freut sich, dass an der Breitenau zentrale Unternehmensfunktionen wie Einkauf, Entwicklung und Informationstechnologie gebündelt werden. Dies stärke den bisher her produktionsorientierten Standort Bamberg. "Die Stadt profitiert damit langfristig vom Automobilmarkt der Welt, egal, wo diese gebaut werden", sagte Trunk. Bamberg werde in eine neue Ära gehen.

Dies wird sich wohl schon sehr bald auch optisch dokumentieren. Denn das neue Verwaltungsgebäude soll von der Architektur und Gestaltung hohen Qualitätsansprüchen genügen. Dies sagt nicht nur Brose.
Auch Bambergs OB hofft auf eine Aufwertung der nördlichen Stadteinfahrt, die bisher von wenig miteinander abgestimmten Nutzungen geprägt war. Die Breitenau werde mit dem Brose-Standort ein neues Gesicht bekommen, ist sich Starke sicher.

Im ersten Ausbauschritt investiert die Brose-Gruppe nach eigenen Angaben über 50 Millionen Euro. Für das Unternehmen spielte bei der Standortentscheidung gegen das im Wettbewerb befindliche Coburg und Würzburg vor allem die Verkehrsgunst Bambergs eine Rolle - als Autobahnkreuz, Eisenbahnknotenpunkt und als Standort eines Flugplatzes wenige Meter hinter dem geplanten Brose-Zentrum.

Von hier werden die Mitarbeiter von Brose künftig alle Standorte der Unternehmensgruppe in Europa im Direktflug erreichen können.




Gespräch mit Michael Stoschek, dem Vorsitzenden der Gesellschafterversammlung der Brose- Gruppe.

Bamberg ist der vierte Brose-Standort in Franken. Manche in der Stadt bezeichnen den Mittwoch als einen historischen Tag. Was bedeutet der Bau des neuen Standortes für Sie persönlich? Was bedeutet er für die Stadt Bamberg?
Michael Stoschek. Der Neubau in Bamberg ist ein Zeichen unserer kontinuierlichen Expansion seit vielen Jahren und der Attraktivität unserer Erzeugnisse in aller Welt. Ich freue mich, dass nicht nur laufend neue Produktionswerke, vor allem in Übersee entstehen, sondern auch unsere zentralen Verwaltungsfunktionen wachsen und neue Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen werden.

Die Stadt hat sich die Ansiedelung der Brose- Gruppe viele Millionen Euro kosten lassen, was nicht unumstritten war. Wieso waren diese Anstrengungen der Stadt Bamberg so wichtig?
Bamberg stand bei unserer Standortentscheidung vor allem im Wettbewerb zu Würzburg. Dort wurde vor kurzem ein instrumentenflugtauglicher Verkehrslandeplatz mit 1 800 Meter Bahnlänge in Betrieb genommen. Auch auf anderen Gebieten ist Würzburg, der Standort unseres stark expandierenden Elektromotorengeschäfts, sehr attraktiv. Da musste sich Bamberg entsprechend anstrengen, um mithalten zu können.

Wenn Sie einmal einen Blick in die Zukunft wagen: Brose in Bamberg in zehn Jahren, Bamberg in zehn Jahren - was sehen Sie?
Ich hoffe, dass sich eine erfolgreiche Entwicklung und eine Win-win-Situation ergibt zwischen Brose und dem Raum Bamberg, zumal wir auch unser Hallstadter Werk in Kürze erweitern werden.

Das Gespräch führte Michael Wehner