Nach Corona-Fällen in Bamberger Kita: Quarantäne-Maßnahmen für Kinder in der Kritik. Vergangene Woche löste ein Kommentar auf inFranken.de zahlreiche emotionale Reaktionen von Eltern aus. Die Redaktion erreichten über die sozialen Netzwerke und per Mail viele Rückmeldungen, in denen heftige Kritik an den Quarantäne-Maßnahmen für Kita- und Schulkinder geübt wurde. Besonders häufig wurde hier eine "Ungleichbehandlung" zwischen Familien und Erwachsenen ohne Kindern angeprangert. Hintergrund war ein Meinungsbeitrag, der sich auf zwei kürzliche Corona-Fälle in einer Bamberger Kita bezog.

Im Anschluss hatte das Gesundheitsamt Bamberg in der betroffenen Gruppe des Verfassers alle 25 Kinder für zwei Wochen in Quarantäne geschickt - und den Eltern für den letzten Tag der Isolation einen Termin für einen PCR-Test in einem Bamberger Testzentrum zukommen lassen. "Für das lokale Gesundheitsamt in Bamberg stellte es sich anscheinend einfacher dar, die gesamte Einrichtung zu schließen, statt individuell zu prüfen und bei einer Abwägung dem Kindeswohl ein stärkeres Gewicht zu geben", heißt es in dem Kommentar, der viel Zuspruch erhalten hatte. inFranken.de ist der Frage nachgegangen: Wie verhältnismäßig sind die Quarantäne-Regeln für Kinder in Bayern? Und welchen Spielraum haben die Gesundheitsämter?

Mutter aus Forchheim kritisiert Quarantäne in Kitas und Schulen: "unmenschlich"

Ulrike Petry-Färber ist Sozialpädagogin aus Forchheim und berät Jugendliche an einer Mittelschule zum Berufseinstieg. Seit Februar 2021 engagiert sich Petry-Färber bei "Initiative Familien", einem Verein, der sich nach eigenen Angaben in der Corona-Krise zusammengeschlossen hat, um "Kindern, Jugendlichen und Familien eine Stimme zu geben". Man distanziere sich klar von Querdenkern, heißt es, und nehme "die Corona-Pandemie und die Gefahren des Virus sehr ernst". Gleichzeitig wolle man erreichen, dass Erwachsene "einen Großteil der Last der Pandemiebekämpfung tragen müssen anstatt zuerst die Kinder und Jugendlichen einzuschränken und Familien über Gebühr zu belasten".

Der Verein hat kürzlich eine Petition ins Leben gerufen, die sich für eine "Änderung der Quarantäne-Regelung für Kinder und Jugendliche" ausspricht. "Kinder haben immer die schärfsten Regeln in Schulen und Kitas", sagt Petry-Färber. In Schulen seien die Infektionen über den gesamten Zeitraum der Pandemie "immer minimal" gewesen - im Gegensatz zu "hohen Infektionszahlen an Arbeitsstätten". Das müsse auch bei der Isolation berücksichtigt werden. "Was nutzen uns offene Schulen, wenn die Kinder ständig in Quarantäne sind?" Sie habe "richtig Angst vor dem Herbst", sagt die Mutter von zwei Kindern im Teenager-Alter. 

Auch dass bei der Quarantäne von Kleinkindern eine Isolation im Haushalt empfohlen werden, hält sie für "schlicht unmenschlich". Stattdessen wollen Petry-Färber und ihre Mitstreitenden erreichen, dass "mildere Mittel" zum Einsatz kommen. Neben "engmaschigen Tests" sollen auch nachweislich infizierte Kinder ihrer Vorstellung nach durch einen PCR-Test "ab dem 5. Tag nach dem Erregernachweis" nicht mehr isoliert werden. Die Begründung: Gefährdete Personengruppen seien bereits geimpft, womit der "Hauptgrund für eine Quarantäne-Anordnung" entfalle. "Es geht immer um Ungleichbehandlung."

Corona-Infektionen bei Kindern: So ist die Studienlage zu Ansteckung und Verlauf

Tatsächlich haben verschiedene Studien im Pandemie-Verlauf aufgezeigt, dass die Fallzahlen in Schulen und Kitas im Verhältnis zur Gesamtzahl der Fälle innerhalb einer Region und auch innerhalb der Gruppe der Minderjährigen selbst nur einen Bruchteil des Infektionsgeschehens ausmachen. Wie das Wissenschaftsmagazin "Quarks" schreibt, hätten israelische Forschende in einer Vorab-Publikation eine Ansteckungsrate von unter 10 bis 15 Prozent bei Ein- bis Fünfjährigen in Haushalten mit infizierten Personen feststellen können, während sie bei den über 30-Jährigen bei 40 bis 45 Prozent lag. Eine Studie aus China habe dem Bericht zufolge sogar nur eine Ansteckungsgefahr von 2,3 Prozent für unter Fünfjährige in Corona-Haushalten festgestellt. 

Eine Studie in rheinland-pfälzischen Schulen und Kitas von September bis Dezember 2020 kommt zu dem Ergebnis, dass "sich von 100 engen Kontaktpersonen im Schnitt etwa 1-2 Personen infizierten". Gleichzeitig sei die Übertragung von Kind zu Kind deutlich geringer gewesen als die Übertragung von Erzieherinnen und Erziehern auf die Kinder. Auch die TU Dresden hatte bei einer Untersuchung von Schülern und Schülerinnen im vergangenen Sommer nur einen "sehr geringen" Nachweis von Antikörpern gegen das Virus feststellen können - obwohl sich die Infektionszahlen im Bundesland Sachsen gleichzeitig nahezu verdoppelt hatten. Allerdings wurden diese Studien noch vor Ausbreitung der ansteckenderen Alpha- und Delta-Varianten durchgeführt. 

Tatsächlich lag die Sieben-Tage-Inzidenz in der Altersgruppe der 15 bis 19-Jährigen mit rund 40 Prozent innerhalb Deutschlands im Vergleich am zweithöchsten (Kalenderwoche 29, Quelle: RKI). Bei den unter Vierjährigen sowie in der Altersgruppe von fünf bis neun Jahre (Inzidenzen 8,7 und 12,7) lagen sie hingegen im Schnitt beziehungsweise leicht darunter - obwohl Kinder unter sechs Jahren keine Masken tragen müssen und bei einer Inzidenz unter 50 auch die Maskenpflicht im Grundschulunterricht entfällt. Die Delta-Variante sei auch für Kinder ansteckender, wie der Oberarzt für Pädiatrische Infektiologie, Jakob Armann, kürzlich gegenüber dem Tagesspiegel bestätigte. Doch es gebe "keine Zunahme von schweren – intensivpflichtigen – Verläufen durch Delta bei Kindern und Jugendlichen."

Corona-Fälle in Bamberger Kitas: Gesundheitsamt schickt generell ganze Gruppen in Quarantäne

Insgesamt verlaufen Corona-Fälle bei Kindern und Jugendlichen in der allergrößten Mehrheit der Fälle milde ab, wie Zahlen der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie zeigen. Demnach starben nur 0,4 Prozent aller stationär behandelten jungen Patienten und Patientinnen an den Folgen ihrer Corona-Infektion. Zum PIMS-Syndrom, das während der dritten Welle als mögliche Nachwirkung einer Infektion bei Kindern gehäuft auftrat, liegen derzeit laut Ständiger Impfkommission noch keine gesicherten Daten vor. PIMS-Folgeschäden wurden laut DGPI bei weniger als 10 Prozent aller behandelten Kinder registriert, verstorben sei bisher in Deutschland niemand. Eine neue Studie aus London zeigt ebenfalls, dass die wenigsten Kinder nach einer Corona-Infektion mit längerfristigen Nachwirkungen zu kämpfen haben. 

Bamberg: Warum fehlen tausende Geimpfte? (FT+)

Sind die Quarantäne-Maßnahmen für Kinder angesichts dieser Daten noch verhältnismäßig?  "Diese Frage ist nicht durch das Gesundheitsamt zu beantworten, da wir keinen Einfluss auf die Regelungen der AV Isolation haben", so das Gesundheitsamt Bamberg auf Anfrage. Die "AV Isolation", (Kurzform für Allgemeinverfügung) des Bayerischen Gesundheitsministeriums regelt, dass enge Kontaktpersonen von Infizierten für 14 Tage in Quarantäne müssen. Dies gilt jedoch nicht für vollständig Geimpfte. Doch weil für Kinder unter 12 Jahren kein Impfstoff bereitsteht, muss diese Altersgruppe bei entsprechendem Kontakt immer für die gesamte Zeit in Isolation. "Alle Kinder, die nicht als geimpft oder genesen gelten und als enge Kontaktperson zu einem COVID-Fall identifiziert wurden, müssen 14 Tage in Quarantäne", informiert das Gesundheitsamt Bamberg.

Bei Kita-Gruppen sei das generell immer die gesamte Gruppe, "weil in Kitas keine Maske getragen wird", so Frank Förtsch, Sprecher des Landratsamtes Bamberg. Auch wenn die Maskenpflicht in Schulen bei niedrigen Inzidenzen wegfalle, empfehle man "dringend, trotzdem Maske am Platz zu tragen, weil das Gesundheitsamt "sonst die ganze Klasse in Quarantäne schicken muss". Länger in Isolation müssten die Kinder aber nicht mehr. "Inzwischen werden auch Schnelltests akzeptiert", so Förtsch. Zuvor hatte das bayerische Gesundheitsministerium laut Behörde schriftlich gefordert, "dass eine PCR bei Delta auch am Ende der Quarantäne durchgeführt werden sollte". Dabei habe man aus Gründen der "Arbeitsorganisation" Termine für die Eltern vereinbart, die Ergebnisse hätten im Schnitt nach zwei Tagen vorgelegen - eine Verlängerung der Isolation für die Kinder.

Kinder-Quarantäne: Gesundheitsministerium spricht von fehlenden Daten

"Für Bayern hat die Ermöglichung von Präsenzunterricht und einer Betreuung in Präsenz in Kindertagesstätten höchste Priorität", so ein Sprecher des Bayerischen Gesundheitsministeriums auf Anfrage. In Schulen werde es daher "eine intensivierte Testung" geben. Aber: "Aufgrund des erhöhten Übertragungspotentials der inzwischen in Deutschland vorherrschenden besorgniserregenden Virusvariante Delta und der Inkubationszeit von in der Regel maximal 14 Tagen besteht für nicht geimpfte Kinder und Jugendliche, die als enge Kontaktpersonen eingestuft werden, derzeit keine Möglichkeit, die Quarantänedauer, etwa durch ein negatives Testergebnis während der Quarantäne, zu verkürzen", heißt es in der schriftlichen Antwort. Man verfolge genau, "welche Erkenntnisse sich aus der internationalen wissenschaftliche Diskussion ergeben".

Derzeit gebe es aber "noch keine ausreichende Datenlage zu Änderungen bezüglich der Quarantäneanordnungen". In Kinderbetreuungseinrichtungen sei es "anders als in den Schulen nicht immer möglich, die üblichen Hygieneregeln vollumfänglich einzuhalten". Daher könne "nach Prüfung durch das Gesundheitsamt gemäß RKI-Empfehlung eine Quarantäne für die ganze Gruppe angezeigt sein". Die Quarantäne habe "kind- und altersgerecht zu erfolgen", so der Sprecher weiter. Eine "Trennung von Familien bei der Durchsetzung von Quarantänemaßnahmen" sei in Bayern "nicht vorgesehen". Ob ganze Schulklassen oder Kita-Gruppen in Quarantäne geschickt werden müssen, liegt also letztlich in der Hand des Gesundheitsamtes. Die strikte pauschale Praxis der Bamberger Behörde folgt also keiner Anordnung aus München.

Auch können Eltern völlig frei entscheiden, wo ihre Kinder am Quarantäne-Ende welchen Test machen. Diese Wahlfreiheit scheint den Eltern im Bamberger Kita-Fall nicht klar mitgeteilt worden zu sein. Annerose Ackermann, Vorsitzende des Kinderschutzbundes Bamberg, würde grundsätzlich eine andere Regelung befürworten. "Entscheidend ist, das getestet wird. Wenn jemand negativ ist, sollte er meiner Ansicht nach nicht in Quarantäne müssen", sagt Ackermann, die auch eine Krippe in Bamberg leitet. Persönlich empfinde sie die Quarantäne-Regeln bei Geimpften und Kindern "schon ein wenig ungleich". Allerdings empfiehlt Ackermann vorsichtig zu sein und - wenn möglich - auch seine Kinder impfen zu lassen. "Sonst werden wir Corona ja nie los", sagt sie. 

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