• Feierwütige, Biker und Autoposer sorgen für immense Lärmbelästigung in Bambergs Innenstadt
  • Anwohner beschweren sich über fehlende Unterstützung
  • Die Stadt Bamberg sieht beim Thema Autoposer keinen Handlungsbedarf
  • Polizei steht vor schwieriger Herausforderung
  • Hat sich die Lage durch Corona verändert?

Wenn sie kurz beschleunigen, heulen die Motoren auf, die Auspuffe knattern. Explosionen wie Kanonenschläge. Manche Menschen - an der Unteren Brücke, in der Langen Straße oder am Kranen - schauen irritiert, schütteln den Kopf. Andere jubeln oder nicken beifällig. Wenig später wiederholt sich die Szene: dann sind sie zurück auf ihrer Runde durch die Bamberger Innenstadt, auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Und das Schauspiel beginnt von vorne.

Lärmbelästigung in der Bamberger Innenstadt

Szenen wie diese spielen sich immer wieder ab, vor allem nachts. In Bamberg, aber auch in anderen Städten und Orten in Franken und anderswo. Das Phänomen der Autotuner- und Autoposer-Szene ist nicht neu, im Gegenteil: Es wirkt geradezu anachronistisch, dass es die Szene immer noch gibt, im Jahr 2021, in dem die ganze Welt über Klimaschutz spricht und selbst die Autoindustrie zugibt, dass sich das mit Verbrennern in absehbarer Zeit erledigt haben wird. Das macht es aber für die Anwohner nicht besser, die nachts von dem Lärm um den Schlaf gebracht werden.

„Ich kenne Leute, die haben wegen des Lärms ihr Haus hier verkauft“, erzählt Oliver Memmel. Seit fünf Generationen wohnt seine Familie bereits in der Bamberger Innenstadt. Sollte sich nichts ändern, könnte die Fünfte auch die Letzte sein: Auch Memmel überlegt, umzuziehen. Aber es könne ja nicht die Lösung sein, dass am Ende „nur noch Schwerhörige in der Innenstadt wohnen“ und viele Wohnungen leer stehen würden. Dabei geht es ihm um Feierende auf den Straßen, den täglichen Verkehrslärm, aber eben auch um die Autoposer und Biker, die vor allem nachts ihre Kreise fahren.

Gefühlt habe das Problem in den letzten Jahren zugenommen: „Früher konnte man ab 18 Uhr mit verbundenen Augen über die Lange Straße gehen.“ Jetzt sei oft die ganze Nacht Betrieb. Warum? Da kann Oliver Memmel nur spekulieren: Die Tuningszene sei vielleicht öffentlicher geworden. In den sozialen Medien einerseits, aber auch im Fernsehen würde es mehr Sendungen zum Autotuning geben. Und natürlich trägt auch die Corona-Krise ihren Teil dazu bei: Es fehlen für junge Menschen Beschäftigungs-Alternativen. Und im Vergleich zu den Phasen des Lockdowns wird die Lärmbelästigung jetzt nochmals deutlicher.  

„Das ist ein Armutszeugnis für die Stadt“

Für Memmel unternimmt die Stadt zu wenig, um dem Lärm-Problem zu begegnen. Es könne doch nicht sein, dass man als Anwohner in der Stadt den zunehmenden Lärm durch Feiernde und Autos einfach hinnehmen müsse. „Das ist doch ein Armutszeugnis für die Stadt“, so Memmel. Auch Kontrollen der Polizei würden keine Linderung schaffen. Ein Einsatzwagen der Polizei am Straßenrand sei zu auffällig und die Szene ja auch untereinander gut vernetzt. „Mittlerweile ist es ja kein Problem, sich schnell untereinander zu warnen.“

Der Stadt Bamberg ist das Problem mit der Tunig- und Autoposer-Szene zwar bekannt, jedoch seien andere Probleme drängender. So versucht die Stadt seit längerer Zeit, die Lärmbelästigung durch Feierende auf der Unteren Brücke in den Griff zu bekommen. Nun soll "Störbeleuchtung" eingesetzt werden, um die Partygänger zu vertreiben. Außerdem: „Mir ist noch nicht zu Ohren gekommen, dass es wegen der lärmenden Autos unzählige Beschwerden gegeben hätte“, erklärt Gerhard Beck, Pressesprecher der Stadt Bamberg. Auch bestimmte Zeiten oder besonders betroffene Orte wären ihm nicht bekannt. Dies sei aber die Voraussetzung dafür, dass die Stadt da einschreiten könne. 

Denn Möglichkeiten, zu reagieren, gibt es durchaus: So wurde laut nordbayern im mittelfränkischen Weißenburg zuletzt ein nächtliches Befahr- und Parkverbot für den Kirchplatz und die umgebenden Parkplätze eingeführt. Dort hatten sich Autoposer nachts regelmäßig versammelt. Das von 22 bis 5 Uhr gültige Verbot soll die Szene nun abschrecken. Ob dies funktionieren kann, bleibt abzuwarten.

Die Stadt Bamberg wiegelt ab

Ähnliche Pläne, beispielsweise für die Lange Straße oder die Obere und Untere Königsstraße, gibt es in Bamberg laut Beck nicht. Es sei schwierig, mit solch drastischen Maßnahmen zu reagieren. Dafür sei eine längere Dokumentation der Situation notwendig, auch rechtlich müssten zunächst einige Fragen geklärt werden. Beck sieht die Verantwortung deshalb eher bei der Polizei: Sie stehe in der Verantwortung, die gültigen Bestimmungen im Straßenverkehr durchzusetzen und Verstöße zu ahnden. 

Das tue die Polizei in Bamberg und anderswo auch, erklärt André Nelle von der Polizei in Bamberg. Seit neun Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema Autotunig und -poser. Dabei hätte es immer wieder mehr oder weniger Probleme gegeben - „das ist auch witterungsabhängig“. Es gebe durchaus bekannte Routen in der Stadt – neben der bereits angesprochenen Innenstadtrunde rund um Lange Straße und Königsstraße sei hier auch der Berliner Ring zu nennen. 

Zunahme in der Corona-Zeit?

Eine Zunahme in der Corona-Zeit sei jedoch nicht belegbar – wenn auch durchaus plausibel: Schließlich fehlten den jungen Leuten Beschäftigungs-Alternativen und es sei möglich, dass einige Szenemitglieder mehr Geld für ihr Auto ausgegeben hätten, weil andere Freizeitaktivitäten oder Hobbys nicht möglich gewesen sein.

Eine deutliche Zunahme von Beschwerden hätte man jüngst aber nicht verzeichnen können, so Nelle. Eine Einschätzung, die auch das Polizeipräsidium Oberfranken teilt. Dort habe man jedoch beobachtet, dass die Szene sich mittlerweile in größeren Gruppen treffe, so Pressesprecher Wolfgang Birner. Dabei sei es aber selten zu Ordnungswidrigkeiten gekommen. Auch die Corona-Beschränkungen seien größtenteils eingehalten worden, so Birner.

Welche Möglichkeiten hat die Polizei überhaupt?

Im Wesentlichen kann die Polizei laut Birner mit regelmäßigen Kontrollen auf das Problem reagieren. Dabei geht es um die Kontrolle der Fahrtüchtigkeit nach Paragraf 36 StVO – was sowohl den Fahrer als auch den Pkw betreffe. Zudem kann die Polizei auf Geschwindigkeitsverstöße reagieren. Dabei kommt vor allem auch dem Paragrafen 315/d des StGB besondere Bedeutung zu – also dem Verbot illegaler „Kraftfahrzeugrennen“. Nach Paragraf 1 der StVO müssen sich Verkehrsteilnehmer außerdem so verhalten, dass „kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird“. Auch das gibt den Beamten eine gewisse Handhabe gegen Autofahrer, die zum Zeitvertreib lärmend durch die Innenstadt fahren.  

Die Aufgabe für die Polizei ist trotzdem nicht leicht: Laut Nelle ist die Geschwindigkeit oft nicht das Problem. Es brauche auch keine illegal hoch-getunten Boliden, um Anwohner aus dem Schlaf zu schrecken. Vielmehr ist die hochtourige Fahrweise entscheidend – dafür müsse man aber nicht mit 100 km/h durch die Stadt donnern. 

Problematisch ist auch das Strafmaß, so Nelle. Bußgelder von 10 Euro (Belästigung anderer durch unnötigen Lärm- und Abgasausstoß) wirken auf Menschen, die tausende Euro in ihre Autos stecken, wenig abschreckend. Stärker wirkt dann schon die Möglichkeit Stilllegung oder Beschlagnahmung der hoch-getunten Wagen– doch dies ist nur unter bestimmten Bedingungen möglich. 

Ausgleich für geringes Selbstwertgefühl

So bleibt vor allem die Hoffnung, dass sich die Szene von allein auflöst oder sich andere Strecken sucht, bei denen sie keine Anwohner aufschrecken. Doch wie wahrscheinlich ist das? Verkehrspsychologen betonen immer wieder, dass es sich bei der Autoposer-Szene vor allem um junge Männer handelt, für die ihr Auto einen wesentlichen Teil ihres Selbstbildes und ihrer Identität ausmache. 

Ihnen geht es um Aufmerksamkeit. Darum, von anderen wahrgenommen zu werden und größer und wichtiger zu erscheinen. „Viele der Raser und Autoposer kommen aus ländlichen Gebieten. Auf dem Land braucht man ein Auto. Es bedeutet Freiheit, Unabhängigkeit und ist ein Zeichen, dass man erwachsen ist. Vielfach erhält das Auto dadurch eine zu große innere Bedeutung. Poser werden eins mit ihrem Auto. Sie geben ihm einen Namen und sprechen mit ihm. Sie identifizieren sich mit dem Auto“, erklärte beispielsweise Verkehrspsychologe Urs Gerber gegenüber der Aargauer Zeitung

Hoffnung kann also hier nur ein Wandel der Jugendkultur machen. Laut André Nelle befindet sich auch die örtliche Szene im ständigen Wandel. Das heißt, Jüngere kommen hinzu, sind einige Zeit dabei und „wachsen irgendwann von allein heraus und werden vernünftiger“. Und vielleicht finden zukünftige Generationen sinnvollere Wege, ihr Selbstbild aufzuwerten. Es wäre ihnen ebenso zu wünschen, wie den genervten Anwohnern.

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