Je mehr Freunde ich habe, desto interessanter bin ich: In Zeiten von Facebook ist der Beliebtheitsgrad längst ein Statussymbol. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die ihr Leben in der Isolation fristen. Weihnachten ist für sie ein Fest der Einsamkeit. Viele wenden sich in ihrer Not an die Telefonseelsorge, mit deren Bamberger Leiterin wir sprachen: Susanne Röhner

Alle Jahre wieder schlägt das Fest der Liebe einsamen Menschen auf die Psyche. Stehen bei Ihnen dann die Telefone nicht mehr still?
Susanne Röhner: Nein, zahlenmäßig verzeichnen wir an solchen Tagen nicht mehr Anrufer als sonst. Aber es zeigt sich eine besondere Tristesse: Viele Menschen, die sich an uns wenden, leben ja auch vollkommen auf sich alleine gestellt. Und an den Weihnachtsfeiertagen finden sie kaum Ablenkung. Alle verbringen das Fest aus ihrer Sicht gemeinsam, sie aber einsam. Auch im Fernsehen erlebt man diese Weihnachtssentimentalitäten, die unseren Anrufern zusetzen.

Leiden Ihrer Erfahrung nach vor allem ältere Menschen unter dieser Trostlosigkeit?
Junge Anrufer haben wir tatsächlich eher selten. Die meisten Menschen, die unsere Hilfe suchen, sind zwischen 30 und 60 Jahre alt - sowohl Männer als auch Frauen. Viele sind psychisch sehr angeschlagen und kaum mehr in der Lage, soziale Kontakte zu pflegen. Und die Zahl dieser zum Teil völlig isolierten Menschen, die verbittert sind und keinerlei Perspektive mehr sehen, steigt. Manche erzählen uns, dass sie ihre Wohnung seit Wochen nicht verlassen haben. Sie seien froh, überhaupt wieder mit jemandem sprechen zu können.



Großer Druck, perfekt zu sein

Was aber bedingt diese wachsende Einsamkeit, die Zunahme der psychischen Probleme?
Ich denke, es gibt den familiären Rückhalt nicht mehr wie früher. Bei vielen Anrufern sind die Familienverhältnisse vollkommen zerrüttet. Dann haben wir mehr Singles denn je, nachdem die Stabilität der Beziehungen offenbar abnimmt. Der Trend geht hin zu unverbindlichen Kontakten. Verpflichtungen einzugehen, wird als unangenehm empfunden. Das betrifft auch den Freundeskreis, der Menschen mit sozialen Problemen nicht mehr auffängt. Etliche unserer Anrufer haben sich im Lauf der Zeit mit allen zerstritten. Auch ist der Druck, perfekt zu sein, in unserer Gesellschaft groß, worunter vor allem Frauen und Männer mit geringem Selbstwertgefühl leiden. Mancher schämt sich wegen seines Äußeren, andere, auf Hartz IV angewiesen zu sein. Sie ziehen sich zurück, um nicht verletzt zu werden.

Heutzutage aber gibt es die Möglichkeit, sich in virtuelle Welten zu flüchten: Wie beurteilen Sie die Rolle der sozialen Netzwerke?
Sie bieten einerseits die Chance, aus der vertrauten Umfeld heraus Kontakte aufzunehmen: unsichtbar und mehr oder weniger anonym. Man kann sich mit ähnlich fühlenden Menschen in entsprechenden Foren austauschen. Ja, das ist sicher eine Hilfe. Andererseits bleibt die körperliche Nähe auf diese Weise aus. Viele unserer Anrufer sehnen sich danach, mal wieder in den Arm genommen zu werden und wirkliche Geborgenheit zu spüren. Und dann besteht natürlich auch die Gefahr, dass sich die Betroffenen ganz in dieser virtuellen Welt verlieren und den sozialen Umgang im realen Leben verlernen.



Schritt für Schritt zurück ins soziale Leben

Wie aber können die Betroffenen aus ihrer Isolation ausbrechen?
Wir raten Anrufern nicht, wir hören zu. Und versuchen Menschen das Gefühl zu geben, dass Gespräche auch positiv verlaufen können und soziale Kontakte nicht immer nur negativ sind. Viele müssen erst wieder Schritt für Schritt lernen, Beziehungen aufzubauen. Das ist ohne professionelle Hilfe nur schwer möglich. Wer nicht berufstätig ist, könnte über ein ehrenamtliches Engagement ein Stück weit aus seiner Isolation kommen, oder über Hobbys. Aber solche Versuche haben viele schon erfolglos hinter sich.

Wie viele solcher Beratungsgespräche führen Mitarbeiter der Bamberger Telefonseelsorge jährlich?
Um die 9000. Wobei als häufigste Probleme neben der Einsamkeit Konflikte in Beziehungen und psychische Erkrankungen genannt werden. Ein Drittel unserer Anrufer sind Männer - Tendenz steigend. Jeder Zweite, der unsere Hilfe sucht, lebt alleine - mancher darunter nahezu isoliert.