Es ist wie bei einem Zug auf freier Strecke. Wenn die Lok einmal Fahrt aufgenommen hat, kann man sie kaum noch bremsen. Auch Herbert Meyer, ehemaliger Maschinenbauingenieur aus Augsburg, kann die Leidenschaft für seine neue Heimatstadt Bamberg kaum zügeln: "Eine Durchfahrt durch Bamberg für Güterzüge ist das Dümmste, was ich je gehört habe. Das ist ein Schritt zurück ins Mittelalter, und die Bahn will uns glauben machen, dass uns drei Meter hohe Mauern schützen."

Der 65-Jährige, Mitglied bei der Arbeitsgemeinschaft Bahnsinn Bamberg, opfert seit Monaten viele Stunden Freizeit für einen bambergverträglichen Ausbau der Bahntrasse. Meyer und seine Mitstreiter hat es schwer getroffen, als vergangene Woche die Sitzungsunterlagen der Stadt in die Öffentlichkeit gelangten. Diese Stoffsammlung mit vielen Zahlen und Bewertungen müssen noch vom Stadtrat beraten werden, doch die ersten Würfel scheinen bereits gefallen.

Denn unverblümt favorisiert die Bauverwaltung die beiden innerstädtischen Trassenvarianten, "Tunnel" und "innovativer Lärmschutz". Die Ostumfahrung rangiert auf der städtischen Bewertungsmatrix dagegen abgeschlagen - trotz einer mittlerweile auch von der Bahn vorgeschlagenen Untertunnelung am Autobahnkreuz. Sie sei die Lösung mit dem höchsten Flächenverbrauch und mit der größten Lärmbelastung der weiter von Güterzügen belasetten Stadt, begründet Baureferent Thomas Beese die Entscheidung.

Nur eine Mogelpackung

Herbert Meyer hat wenig Verständnis für solche Argumente. Sie könnten am Ende bedeuten, dass Bamberg zur geteilten Stadt wird. "Wer sagt uns denn, dass es bei drei Meter hohen Mauern bleibt?" fragt der Bahnsinn-Mann. Seine These: "Der innovative Lärmschutz ist nichts anderes als eine Mogelpackung."
Der Bahnausbau in Bamberg - ein Verwirrspiel, das schon bei den Begriffen beginnt. Zum Beispiel die Ostumfahrung, wie sie die Bahn vorgeschlagen hat. Sie ist eine reine Nord-Südverbindung für ICE und Güterzüge und darf nicht mit dem verwechselt werden, was Bahnsinn im Schilde führt.

Die Initiative stellt sich eine getunnelte Güterzugumfahrung mit Westschleife über Hallstadt vor. Diese Alternativtrasse soll in nur sieben Metern Abstand zur Autobahn A 73 etwa ab Höhe der Pödeldorfer Straße bis unter die A 70 hinaus getunnelt geführt werden. In einer Schleife über Gründleins- und Stöckigtbach würde sie oberirdisch und damit grundwasserschonend weiter Richtung Hallstadt verlaufen - zum Anschluss nach Norden und in Richtung Würzburg.

Der "Stein der Weisen"

Für Meyer und seine Mitstreiter ist dieser von eigenen Experten ausgearbeitete Plan so etwas wie der Stein der Weisen, nach dem alle bislang vergeblich gesucht hatten. Die getunnelte Güter-zugumfahrung wäre die einzige Variante, die die als Hauptkrachmacher gebrandmarkten Güterzuge komplett aus Bamberg verbannen könnte. Nebeneffekt: Selbst in Hallstadt würde sich die Höhe der dort gplanten fünf Meter hohen Lärmschutzwände verringern, weil sich die Zahl der durchfahrenden Güterzüge verkleinern würde. Und auch die bei einer früheren Variante befürchtete Beeinträchtigung von Bosch ist durch die neue Trasse vom Tisch.
Und wie steht es mit dem im Bamberger Osten befürchteten Lärm ? Und was ist mit dem dort befürchteten weiteren Verlusten im Hauptsmoorwald? Durch die getunnelte Bauweise gebe es für die Anwohner "null Lärm", verspricht Meyer. Und auch der Flächenverbrauch soll sich in Grenzen halten: "Wegen der autobahnnahen Bauweise reicht eine Trasse von 30 Metern. Den Verlust an Bäumen können wir im Verhältnis 1:5 ausgleichen."

Ist die Ostumfahrung angezählt?

Doch der mit Engelszungen beschworene Appell für eine Güterzugumfahrung verfängt in Bambergs Öffentlichkeit bislang wenig. Nur wenige Tage, nachdem die Nachrichten aus dem Rathaus drangen, wähnt die Initiative "Trasse mit Vernunft" die Ostumfahrung bereits als angezählt.
Die gegnerische Gruppe, in der sich Naturschützer, aber auch Vertreter von Bürgervereinen und Stadtratsfraktionen zusammengetan haben, wertet die Entscheidungsmatrix der Bauverwaltung als glaubwürdig, die Ergebnisse als begrüßenswert. Haupthindernisse für die Ostumfahrung seien die Zerschneidung des Hauptmoorwaldes, der Flächenverbrauch und die Folgen beim Wassermanagement.

Auch Baureferent Thomas Beese blockt ab: Beim Bahnprojekt Deutsche Einheit gehe es darum, eine Verbindung von Berlin nach München zu schaffen und keine Güterzuganbindung nach Westen. Doch warum sollte die Bahn nicht darüber nachdenken, wie die für sie wichtigen Güterzüge so durch den Raum Bamberg fahren können, dass die daraus resultierenden Belastungen möglichst klein sind.

Dies wollen zumindest Bambergs Grüne damit bewirken, dass sie eine neutrale Prüfung der "Ostumfahrung light" nach dem Vorschlag von Bahnsinn fordern. Die bisherigen Planungen einer Ostumfahrung durch die Bahn lehnen die Grünen klar ab. Aber es gebe Grund zur Annahme, dass der nun vorliegende neue Trassenvorschlag den Flächenverbrauch mindert und den Lärm vermeidet, wenn nicht sogar Verbesserungen schafft, sagt die Fraktionsvorsitzende Ursula Sowa. Dass die Verwaltung sich bereits für eine innerstädtische Trassenführung ausgesprochen habe, hält Sowa dagegen für voreilig. "Wir fürchten, dass beide Trassen einen Rieseneinschnitt für Bamberg bedeuten. Man muss sich nur mal vorstellen, was es heißt, wenn die Ost-West-Verbindungen in Bamberg über Jahre hinweg unterbrochen sind."

Kommentar von Michael Wehner: Nur wer alles weiß, kann gut entscheiden

D ie Gelegenheit ist günstig. Der personelle Wechsel bei der Bahn, wo einer der maßgeblichen Planer das Verkehrsunternehmen verlassen hat, schafft Zeit für eine Denkpause . Warum sollte die Stadt diese Alternative, eine getunnelte Güterzugumfahrung, nicht prüfen lassen - nach so vielen Vorplanungen.

Im Gegenteil, wer es nicht tut, muss sich den Vorwurf machen lassen, er habe nicht alles getan, um die Grundlagen für eine gute, am besten die beste Entscheidung zu schaffen. Da geht es nicht nur um die Frage der Trasse, um die Kosten für die Bahn und am Ende für Bamberg.

Auch der jahrelange Ausbau, egal ob im Bestand oder im Tunnel, wird das Alltagsleben in Bamberg auf eine gewaltige Probe stellen. Die Stadt wird danach eine andere sein.


Doch natürlich muss man sich klar darüber sein, wo die Interessen der Bahn liegen. Sie will die Fahrzeit der Intercity-Züge von Berlin nach München verkürzen und keine Güterzugumfahrungen bauen. Um Bamberg geht bei diesem Kräftemessen leider nur am Rande.

Doch das sollte weniger Hindernis als vielmehr Ansporn sein. Auch das Verkehrsproejekt Deutsche Einheit ist nicht von Gott gegeben, sondern es dient den Menschen dieses Landes. Dazu gehören auch die Bamberger.