Verkehrserzieher klagen, dass immer häufiger Schüler kein Fahrrad mehr fahren können, Ärzte warnen seit Jahren, dass sich der Gesundheitszustand deutscher Kinder verschlechtert. Wer Schlagworte "Bewegungsmangel" und "Kinder" googelt, der erhält 245 000 Treffer darüber, wie ungesund unsere Kinder leben. Als Ursachen werden die üblichen Verdächtigen genannt: Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, zu intensive Mediennutzung. Übersetzt heißt das, deutsche Kinder treiben zu wenig Sport, essen zu viel Junk-Food und verbringen zu viel Zeit vor Fernseher und Computer.

Sport ist heute so wichtig wie noch nie. Da sind sich die beiden Grundschul-Lehrerinnen einig. Christine Steigmeier und Andrea Foth unterrichten Sport an der Sinnberg Volksschule Bad Kissingen. Sie beobachten erhebliche Defizite bei ihren Schülern, sowohl bei der Koordination wie auch bei den motorischen Fähigkeiten. Und: "Sie können heute immer seltener schwimmen", meint Foth. In ihren zweiten und dritten Klassen gebe es mehr Nichtschwimmer als Schwimmer. Für die Pädagogin ist das ein enormes Manko: "Es gibt keine Sportart, die fürs Überleben wichtig ist. Außer Schwimmen", sagt sie. Wer nicht schwimmen kann, ertrinkt wenn er ins Wasser fällt.

Die Eltern sind an dieser Entwicklung nicht unschuldig. "Das liegt an deren Haltung", findet Steigmeier. Die Eltern hätten oftmals die Verantwortung für Sporterziehung an die Schule abgegeben. Schulsport fördert also die Gesundheit und kompensiert Mängel der Kinder im Alltag.

Es braucht keine negativen Schlagzeilen aus der Presse, um zu wissen, wie wichtig Sport für kleine Kinder ist. "Den Kindern macht Sport prinzipiell großen Spaß", findet Steigmeier. Zwar gibt es immer mal wieder Schüler, die gerne ihren Turnbeutel vergessen, aber der Großteil genießt es, sich so richtig auszutoben. Das dient in Zeiten von Bewegungsarmut dem Aggressionsabbau. Kinder brauchen ein Ventil für ihre angestaute Kraft. "Danach sind sie im Unterricht viel ruhiger."

Um das zu erreichen, könnte man die Schüler einfach eine halbe Stunde auf dem Pausenhof toben lassen. Wenn das langt, wozu braucht man dann den Sportunterricht? Ist da mehr als Bewegung und Schwitzen? "Wir verlangen, dass die Kinder eigene Sport-Kleidung dabei haben", sagt Foth. Umziehen und Waschen gehört dazu. Die Grundschüler bekommen eine Lektion in Sachen Hygiene und Reinlichkeit. Außerdem hat Sport Einfluss auf das soziale Lernen der Kinder: Sie müssen sich an Spielregeln halten, aufeinander Rücksicht nehmen ("Fairplay") und lernen Teamgeist, etwa wenn sie gemeinsam die Turnmatten aufräumen.

Die Kinder machen im Sport spielerisch wichtige Erfahrungen fürs Leben. "Es kommt ein Leistungsbegriff dazu. Die Kinder wollen Leistung bringen und sich miteinander vergleichen", hat Stegmeier beobachtet. Wie schnell kannst du rennen, wie weit werfen und springen? Dass neben Erfolgen auch Niederlagen nicht ausbleiben, gehört zur Vorbereitung auf das Leben. Die Lehrerinnen finden es beeindruckend, wie vernünftig die Kinder mit diesen Erfahrungen umgehen, trotz allen Ehrgeizes, der an den Tag gelegt wird. Nur selten wird geprahlt oder jemand gehänselt, weil er schlechter ist.

Der Sportunterricht, sagt Rektor Klaus Lotter, soll den Schülern Selbstbewusstsein und ein gesundes Körpergefühl vermitteln. "Wir wollen die Kinder fit fürs Leben machen." Die Kinder lernen, ihren eigenen Körper richtig wahrzunehmen und merken, was ihnen gut tut. "Wer das hat, kann später auch ,Nein' sagen zu Bulimie, Tabak und Alkohol", hofft Lotter.

Der Schulsport beeinflusst das Leben der Kinder auf sehr komplexe Weise. Damit sich Effekte nachhaltig bemerkbar machen, reichen zwei bis drei Wochenstunden kaum aus. Deshalb steht der Sportunterricht an der Sinnbergschule nicht isoliert. Zur Unterstützung gibt es verschiedene Aktionen und Angebote, wie den Aktiv-Pausenhof, auf dem immer Fußball gespielt werden darf. Es gibt gesundes Pausenbrot und tägliche Bewegungsphasen, die den Unterricht auflockern. Lotter: "Wir versuchen, unseren Beitrag zu leisten." Ein gesunder Geist braucht einen gesunden Körper