Abend, den Simone Solga den 470 begeisterten Gästen schenkte - teils mit tiefgründiger Schärfe durchsetzt, die das Zwerchfell verkrampfte. Dabei wandelte die Kabarettistin mit der flotten Zunge und dem lockeren Mundwerk stilsicher auf dem schmalen Grat zwischen feinen Sticheleien, humoristischen Kalauern und bitterbösem Spott.

Eine elegante Erscheinung ist die 50-Jährige: schwarzes Kostüm, blonde Haare,. ein "Herzlich-Willkommen-Lächeln" im Gesicht und die frohe Botschaft: "Ich soll sie von Angela Merkel grüßen." Mit einfachen aber wirkungsvollen Mitteln hatte Simone Solga innerhalb von zwei Minuten das Publikum für sich gewonnen und ließ es bis zum Ende des über zweistündigen Auftritts nicht mehr los.

Natürlich ist es einfach, mit der Politik und den Politikern aller Couleurs einen Kabarett-Abend zu bestreiten, denn die Lacher sind nur zu oft vorprogrammiert. Aber nur wenige können es mit der Qualität, wie es Simone Solga mit ihrem durchinszenierten Programm tat, das trotzdem mit aktuellen Bezügen nur so protzte.

Natürlich nutzt sie den kabarettistischen Mainstream und die bekannten Vorlagen aus Berlin, München oder Brüssel - aber auf eine Art und Weise, die jeder Szene, jeder Bemerkung, jeder Anklage ihre ganz persönliche Note gibt. Da sitzen jedes Wort und jeder Übergang, da passt jede Geste - gleich ob Simone Solga den engen Rock glatt streift oder die blonde Strähne aus dem Gesicht schiebt - da wird Angedeutetes durch ein Blick oder ein Lächeln beim Publikum zum vollständigen Gedanken.

Für ihr Solo-Programm hat sich die Kabarettistin ein Szenario ausgedacht, das ihr als "Kanzlerin-Souffleuse" mit dem Titel "Im Dienste Ihrer Bundeskanzlerin" ein weites Spielfeld einräumt. Ganz aktuell beginnt sie mit der NSA-Abhöraffäre und nutzt dabei ihr Handy, um einige Fotos der ersten Reihe zu machen und so nebenbei "Peter mit dem weißen Hemd" zum Fragenbeauftragten zu machen, der Kritik und Beschwerden des Abends sammeln soll.

Dabei kommen unangenehme Wahrheiten über Peter zu Tage, denn längst ist er umfassend erfasst: "Stimmt die hinterlegte Steuernummer noch?" oder "Ist die Dame neben Dir Deine Frau oder die andere?"

FDP ohne Profil

Die Kanzlerin selbst arbeitet nur noch mit Abkürzungen. An ihren Mann sendet sie "KIL" und das bedeutet: Kühlschrank ist leer! Neben solchen Kalauern geht es aber auch in die Vollen - und das sind unsere politischen Entscheidungsträger, egal ob Partei oder Politiker. So müsste die FDP eigentlich ein Profil haben, "so wie die unter die Räder gekommen ist", oder zu Peter Ramsauer: "Der sollte Stuttgart 21 versenken, nicht den Berliner Flughafen." Bei Solgas bissigen Rundumschlag kommt auch das Sakrale ("Trebartz-van Elst hat sich die Zukunft verbaut, aber zu Ostern steht er wieder auf.") oder die Omnipräsenz der Talk-Shows nicht zu kurz: "Leute, die wir nicht sehen wollen, sagen Sachen, die wir nicht hören wollen." - und Merkel meint dazu: "Solange die Leute so etwas schauen, kann mir nichts passieren."

Ausführlich hat sie sich mit Bad Kissingen, Garitz und dem Stadtoberhaupt befasst. Mal sind es statistische Daten, die genussvoll auf Bad Kissingen bezieht ("Kissingen hat mehr Steuerhinterzieher und künstliche Kniegelenke, Garitz hat 28 Prozent mehr Sex."), mal zeigt die ausgebildete Schauspielern, wie es im Hause Blankenburg zugeht, wenn ein Brief an Merkel formuliert wird und man schon in der Anrede zwischen "Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin" (zu unterwürfig) und "Hey, Angie" (kann sie überhaupt Englisch?) schwankt.
Dazwischen geht es um den modischen Geschmack der Deutschen, der sich in "Funktionsjacken im Partnerlook für das Abenteuer Fußgängerzone" zeigt, oder um Lehrer, die etwas können, was im Leben nichts taugt, und sehnsüchtig auf ihren Burnout warten.

Europa den Reichen

Mal werden tiefgründige Lieder dargeboten, mal darf "Frau Stockmann, ihre Fahrerin" als Kabarett-Hilfskraft mit Aussagen zur Asylanten-Residenzpflicht und dem Statement "Toleranz wächst mit der Entfernung zum Problem" glänzen, mal ist es das "Haus Europa, in dem die Armen meinen, es gehört allen, und die Reichen meinen: wer zahlt, schafft an". Dabei habe man den Banken mehr Geld hinterhergeworfen als die südlichen Länder bislang bekommen haben. Mit einem Lächeln auf den Lippen, das aber nicht in den Augen wiederzufinden ist, erklärt sie Minderheitenschutz mit "Patenschaften für Sozialdemokraten" oder die harte Wahrheit für Bad Kissingen, das abgebaut und als "kleine fränkische Stadt" an die Arabischen Emirate verkauft wird, damit das Gebiet als atomares Endlager genutzt werden kann: "Sie strahlen?" - so Solgas süffisante und doppeldeutige Anmerkung auf diese frohe Botschaft!

Überhaupt: In der Fülle ihrer Stichworte verliert Simone Solga während des zweistündigen Auftritts nie die Übersicht und verbindet geschickt die einzelnen Themen - ganz im Gegensatz zu den Gästen, die manchmal für die sprachgewandte Kabarettistin zu langsam sind: "Na, das dauert aber", lautet gelegentlich ihr Kommentar. Trotzdem: Sie behält den roten Faden in der Hand und achtet darauf, dass der Kalauer genauso ankommt wie die spöttische Bemerkung oder die vernichtende Kritik. Nach einem fulminanten Abschluss - einem imaginären Dialog zwischen Merkel und dem Seelenkäufer (Tod) aus Faust - bedankte sich das Publikum mit überschäumenden Beifall für einen herausragenden Kabarett-Abend.