Es ist ein milder Sommerabend, auf einem Campingplatz im spanischen Nájera. Der Mann, der am anderen Ende der Verbindung in sein Smartphone spricht, klingt erschöpft aber gut gelaunt. Walter Lauter ist frisch geduscht, hat einen Kaffee spendiert bekommen und freut sich jetzt auf sein Abendessen nach einem anstrengenden Tag auf dem Jakobsweg. "Bisher bin ich gut durchgekommen", erzählt der 56-Jährige. "Ich habe noch keine Probleme gehabt.
Weder körperliche noch psychische."


100 Kilometer Tagesdistanz

Er klingt entspannt und zufrieden, wenn er von seiner Tour schildert. Zum Beispiel, dass er heute rund 100 Kilometer und 2000 Höhenmeter in den Beinen hat und dass ihn noch 600 Kilometer von seinem Ziel trennen. Dass er vor zwei Tagen die Pyrenäen überquert hat und dann durch Pamplona gekommen ist. "So schön die Städte auch sind, ich bin froh, wenn ich dem Verkehr wieder entfliehen kann", berichtet er.

Das 1,70 Meter große Kraftpaket aus Hausen fährt den 2550 Kilometer langen Jakobsweg von München nach Santiago de Compostela. 54 Kilometer Anstiege muss er bewältigen, vier Wochen hat er eingeplant. Der Fahrradfreak fährt die Tour abseits befestigter Straßen, immer querfeldein durchs Gelände. "Ich bin fast nur auf dem original Jakobsweg."


Fahrrad oder Motorrad?

Wunderschön sind die Pilgerwege, aber oft auch sehr steinig. Es geht durch die Schweizer Alpen, über die Pyrenäen und eigentlich andauernd durch welliges Gelände. Für die anspruchsvolle Route hat sich Walter Lauter das entsprechende Gefährt ausgesucht: Ein "Fatbike", also ein Mountainbike mit extrem breiten Reifen. So breit, dass Passanten ihn immer wieder fragen, ob er nicht Motorrad fährt. "Das Fatbike ist zwar schwerer als ein normales Mountainbike, aber gerade im Gelände ist es sehr schön zu bewegen", erklärt Walter Lauter. Das Rad ist sehr robust und verzichtet deshalb auf Luxus. Es hat keine Federung, weil die relativ anfällig sind, die Scheibenbremsen funktionieren mechanisch mit einem Seilzug. "Wenn technische Probleme auftreten, kann ich mir leicht selbst helfen."

Seit mehr als 20 Jahren ist Lauter als Extrem-Radfahrer unterwegs. Über 260 000 Kilometer Strecke hat er in dieser Zeit getreten. Obwohl der Mann topfit und hart im Nehmen ist, verlangt ihm der Jakobsweg alles ab. "Das geht schon an die Substanz. Abends fühle ich mich richtig schlapp", erzählt er am Telefon. Sieben Kilogramm habe er in 19 Tagen verloren. Er lacht leise: "Das war aber nur Winterspeck."


Abschalten in der Einsamkeit

Walter Lauter ist nicht sonderlich gläubig. Trotzdem hat es ihm die berühmte Pilgerstrecke angetan: "Der Jakobsweg ist einfach eine wunderschöne Kombination. Man ist ständig in der Natur und trifft interessante Leute." Seit Frankreich begegnet er häufiger anderen Pilgern. Der Bad Kissinger genießt die Gespräche, ist aber die meiste Zeit des Tages dann doch allein unterwegs. "Man hat unendlich viel Zeit und fühlt sich auch ein Stück weit einsam. Aber das wusste ich vorher und ich genieße es." Anfangs, in Deutschland und der Schweiz, hat er täglich so viele Kilometer wie möglich geschafft.

Dafür bleibt ihm in Frankreich und Spanien mehr Zeit zum abschalten. "Man reduziert sich auf die wichtigen Sachen." Also Radeln, Schlafen, Essen, Trinken. Selbst die unscheinbarsten Kleinigkeiten werden zur Herausforderung. "Ich muss mich tagsüber zwingen, viel zu trinken", sagt er. Sechs bis zehn Liter Flüssigkeit müssen bei mediterranen Temperaturen jenseits der 30 Grad sein.


Unter den Sternen campieren

Da legt sogar einer wie Walter Lauter öfters mal eine Rast ein. "Ich besuche überall die kleinen, alten Kirchen", sagt er. Dort genießt er die Kühle und Ruhe des Ortes. Nach dem Telefonat schwingt sich der Pilger ein letztes Mal für den Tag aufs Fahrrad. Lauter nächtigt meistens im Freien und selten in einer Herberge. Heute gönnt er sich zur Abwechslung ein Abendessen in einer Gastwirtschaft und fährt deshalb noch ins nächst gelegene Städtchen. Vielleicht gibt es auch ein Glas Rotwein dazu.