Es gab begeisterten Applaus für das Ensemble und Bravo-Rufe für Eliza Doolittle alias Christin Deuker - die Premiere der Bad Kissinger Festspiele 2022 mit dem Musical "My Fair Lady" im Innenhof des Luitpoldbades überzeugte die Gäste mit Evergreens und Ohrwürmern sowie spielfreudigen Profis und engagierten Laien.

Das Flair des Luitpoldbades an einem Sommerabend bildete den Rahmen für das bekannte Musical, dessen literarischen Ursprung auf George Bernhard Shaws "Pygmalion" von 1913 zurückgeht. Erzählt wird die Wandlung des schnoddrigen Blumenmädchen Eliza Doolittle in eine Dame von Welt. Hintergrund sind die Straßen Londons im 19. Jahrhundert und eine Wette zwischen dem überheblichen und sarkastischen Phonetiker Henry Higgins, für den die Sprache die Grenze der gesellschaftlichen Abgrenzung darstellt, und dem moralisierenden Oberst Pickering: In sechs Monaten soll Higgins in diesem "Erziehungsexperiment" aus der schnippischen Göre eine Lady kreieren, die sich beim Rennen in Ascot und beim Diplomatenball sicher auf dem gesellschaftlichen Parkett bewegen kann.

Ausgeschmückt wird die Handlung durch den trinkfreudigen und leichtlebigen Vater Alfred P. Doolittle (Frank Damerius, der zuletzt am Nürnberger Theater den Titel Kammerschauspieler erhielt), der sich seine Moral für fünf Pfund abkaufen lässt, einer resoluten Mrs. Pearce als Hausdame und Schutzpatronin von Eliza und einem liebestrunkenen Freddy Eynsford Hill, der jedoch am Ende mit leeren Händen dasteht.

Bekannte Evergreens inklusive

Entstanden sind humorvolle Dialoge, skurrile Verwicklungen um Hoffnungen und Enttäuschungen sowie einem gefühlvollen Happy End - alles eingebettet in die eingängigen Melodien der bekannten Evergreens, die für das Musical "My Fair Lady" aus dem Jahre 1956 geschrieben und die in ihrer Übersetzung dem überwiegend älteren Publikum bekannt waren. "Wart's nur ab Henry Higgins", "Es grünt so grün, wenn Spaniens Blumen blühen", "Ich hätt' getanzt heut' Nacht", "Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht", "Mit 'nem kleenen Stückchen Glück" und weitere Ohrwürmer waren die musikalischen Begleiter bei der Verwandlung der Hauptakteure: Eliza Doolittle zu einer Lady und Henry Higgins zu einem Menschenfreund.

Mit einer gelungenen Mischung aus Schauspielerei, Tanz und Gesang überzeugten Profis und Laien, allen voran Christin Deuker, die den Londoner Kulissen nicht nur die freche Berliner Schnauze gegenüberstellte, sondern auch gesanglich überzeugte und deren Auftritte zu Recht mit Beifall und Bravo-Rufen quittiert wurde.

Ein Oberst mit vielen Aufgaben

Henry Higgins alias Manfred Gorr spielte über weite Strecken den zynischen Wissenschaftler, der mit derber Sprache sein nach Zuneigung lechzendes Wesen schützt und am Ende seine Zuneigung zur Eliza eingesteht. Mit David Gerlach als Oberst Pickering hat Eliza einen Fürsprecher, der nicht nur an Higgins Moralkodex appelliert, sondern auch Stichwortgeber und Gesangspartner ist. Doolittle ist Elizas schräger, aber liebenswerter Vater - ein Mann, der zum Leben zuallererst ein ordentliches Getränk braucht und gesellschaftskritisch anmerkt: "Moral? Den Luxus kann ich mir nicht leisten." Christine Reinhardt spielt mit Misses Higgins und Miss Hopkins gleich zwei Rollen.

Stuhlreihen im vorderen Bereich, eine Tribüne im hinteren Drittel - das Luitpoldbad präsentiert sich als Open-Air-Festspielort mit einem wunderbaren Flair, aber auch mit Einschränkungen. So mancher musste auf seinem Platz mal links, mal rechts am Gast davor vorbeischauen, um das Geschehen auf der Bühne verfolgen zu können - auch wenn die Stühle leicht versetzt gestellt waren. Diesem Manko begegnete man mit einer Bühne, bei der sich dank Treppen zwei erhöhte Ebenen ergaben und somit das Bühnengeschehen erlebbarer machte.

Auch wenn manche Szenen des Musicals - gerade mit dem Chor - auf der untersten Ebene stattfanden, so nutzten die Akteure für Monologe, Soli und Duette die Treppenstufen oder die oberen Ebenen und dank guter Beleuchtung konnte man bei einbrechender Dunkelheit bis zur letzten Reihe das Bühnengeschehen sehen. Auf diesen Ebenen befanden sich auch Requisiten wie Schreibtisch, Grammophon oder Sessel, mit deren Hilfe wurden die verschiedenen Räume vom Marktplatz über Higgins Privathaus bis zur Loge beim Pferderennen von Ascot dargestellt.