Jetzt lässt es sich nicht mehr wegdiskutieren oder bezweifeln: Der Kissinger Sommer 2021 hat begonnen - er wird also auch stattfinden. Ob hoffentlich zumindest so wie geplant, wird man am 18. Juli nach dem Abschlusskonzert wissen. Unter dem Thema "Fin de siècle" steht das Festival in seiner 35. Auflage (ohne Corona wäre es die 36.).

Das sei sehr gut gewählt, meine Oberbürgermeister Dirk Vogel in seiner Eröffnungsbegrüßung, denn die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert sei nicht nur für die Kultur eine wichtige Phase gewesen, sondern auch für den Kurort Bad Kissingen. In dieser Zeit seien viele Gebäude errichtet und Institutionen gegründet worden, die den Ruf der Stadt international verstärkt und gefestigt hätten. Man müsse nur an den Bau des Regentenbaus denken, heute die Heimstatt des Kissinger Sommers.

Früher war mehr Lametta. Oder anders gesagt: Vor Corona hätte der Kissinger Sommer mit einem prächtigen Orchesterkonzert begonnen - in den letzten Jahren mit dem Festivalorchester, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Das ließ sich in diesem Jahr aus mehreren Gründen nicht machen. Und dafür rückte - sehr zur Freude des einen oder anderen Musikfreundes - die Kammermusik in den Blickpunkt.

Natürlich braucht man Leute auf dem Podium, die sich in den Weiten des Max-Littmann-Saales behaupten können. Die hatte Intendant Tilman Schlömp eingeladen: den Cellisten Mischa Maisky und seine Tochter, die Pianistin Lily Maisky. Das war schon insofern eine Premiere, als Lily Maisky damit ihr Debüt beim Kissinger Sommer gab. Aber auch für ihren Vater war etwas neu. Mischa Maisky war ja nun schon einige Male da, aber immer als Orchestersolist, meistens mit Antonin Dvoráks h-moll-Konzert oder Joseph Haydns C-dur-Konzert. Da war er in eine höhere Disziplin eingebunden, und da spielte er Konfektion aus dem Repertoire. Ein bisschen merkte man ihm immer die Routine an: Es würde schon nichts passieren - und es passierte auch nicht viel.

Aber jetzt war er im Regentenbau erstmals als Kammermusiker zu erleben. Natürlich war er wiederzuerkennen. Aber man merkte, dass es ihm Spaß zu machen scheint, nicht von Klangkörpern, sondern von einzelnen konkreten Menschen gefordert zu werden. Das zeigt sich ganz besonders deutlich mit seinen beiden Triopartnern Martha Argerich und Gidon Kremer, mit denen er auf absoluter Augenhöhe musizieren kann, die ihm nichts schenken und er ihnen auch nicht. Aber das zeigte sich auch jetzt im Zusammenspiel mit seiner Tochter Lily, die auf dem besten Weg dazu ist, diese Dialogebene zur Gänze zu erreichen.

Gleich das erste Stück war in dieser Hinsicht am interessantesten: Ludwig van Beethovens zumindest vom Titel her berühmtester Variationensatz über "Bei Männern, welche Liebe fühlen" aus Mozarts "Zauberflöte". Das ist für die Cellisten gar nicht so einfach zu spielen, weil sie sich zum einen trauen müssen, bei Beethoven Humor zu erkennen und zu gestalten (was Mischa Maisky durchaus ansteckend gelang), zum anderen aber auch, weil sich hier Spannung nur aus der Gestaltung bilden kann, denn Beethoven hat sich in den Variationen nie sehr weit vom Originalthema entfernt.

Aber Mischa Maisky wusste, was Beethoven wollte: Er spielte den Verzückten, den Irritierten, den eitlen Hagestolz, den Misstrauischen, den Erfolgreichen mit einer wunderbar erzählenden, sehr stark gezeichneten Agogik und hohem Erkennungswert - es machte einfach Spaß, ihm zuzuhören. Das galt freilich auch für Lily Maisky, die mit einem frischen, lockeren, farbigen Anschlag spielt, die sich virtuos nicht unter Druck setzen lässt. Was man sich aber hier noch gewünscht hätte, wäre ein stärkeres, weniger dienendes Gegengewicht zum Klavier. Man darf es den Liebe fühlenden Männern nicht zu einfach machen.

Wo diese konfrontative Partnerschaft schon erreicht ist, das war bei der Cellosonate C-dur op. 65 von Benjamin Britten. Da machten die beiden Maiskys aus einem Werk, das man des öfteren als akademisch erlebt, weil vielleicht manchmal die Interpretationsideen fehlen, eine tolle Auseinandersetzung, in der sich jeder immer wieder gegen den anderen wehren musste. Da war die Führungsfrage keineswegs eindeutig geklärt, und das machte die Sache so spannend. Da wurde mit rhythmischen Aggressionen, mit temporeichen Jagden, mit harten, eisigen Klangfarben gekämpft. Da wurde das Scherzo pizzicato zu einem rätselhaften Zauber, der leichter klingt, als er zu spielen ist; da entwickelte die Elegie im absoluten Kontrast wunderbare Klangfarben. Ehrlich gesagt: Was die Maiskys lieferten, war wesentlich spannender als die Einspielung mit Benjamin Britten und dem Widmungsträger Mstislav Rostropowitsch.

Dann musste sie ja kommen, die russische Schiene mit Tschaikowsky und Rachmaninow, sechs kurze Sätze von Tschaikowskys "Oktober" bis Rachmaninows "Vocalise". Wären sie klanglich und agogisch nicht so gut gespielt gewesen, hätte man sie vielleicht schnell wieder vergessen - allesamt kleine Gelegenheitskompositionen, die dem Anspruch der beiden vorausgegangenen Werke nicht standhalten konnten, allesamt ein bisschen zu lang. Freilich ist auch das Problem: Wenn aus einem Klaviersatz die singende Mittelstimme ins Cello verlegt wird, fehlt sie im Klavier.

Das letzte Werk war Entschädigung genug: Astor Piazzollas "Le Grand Tango". Da beharkten sich die beiden ohne jeden Kompromiss, offensichtlich mit dem Vergnügen, einmal das musikalische Borstenvieh rauslassen zu können - allerdings immer im Vertrauen auf den anderen. Wer anfängt zu zählen, hat schon verloren. Denn in geordneten Bahnen verläuft diese Musik vermeintlich nicht mehr. Als Zuhörer ist man da schon erleichtert, wenn man mal zwei Takte Tanzbarkeit entdeckt. So wurde der Tango zu einer Demonstration dessen, was erreichbar ist, wenn man nicht nur Emotionen, sondern auch Kraft zulässt.

Am Ende waren nicht nur die Zuhörer, sondern auch Mischa und Lily Maisky restlos fertig. Dennoch gab es zwei Zugaben: Johannes Brahms" "Lerchengesang" und das berühmte krachende Scherzo von Dmitri Schostakowitsch.