Zwei Stunden treffen mit dem Bruder
Denn in Kramatorsk durfte die Wahl-Bad-Kissingerin endlich ihren jüngeren Bruder Maxim treffen. Nach einem halben Jahr Hoffen und Bangen und nur für zwei Stunden, aber immerhin. "Er wirkte sehr müde und traurig, gleichzeitig unruhig, hat abgenommen. In nur einem Jahr scheint er um zehn Jahre gealtert", schildert die Schwester ihren Eindruck. Zum Beweis zeigt sie ein Handyfoto vom letzten Treffen vor einigen Monaten, als Maxim deutlich frischer aussah.
Helfen konnte Larisa ihrem Bruder nicht, auch weil sie ihm seinen Herzenswunsch nicht erfüllen kann. "Er brauchte nichts. Aber er möchte gern mal nach Hause zu seiner Freundin in Iwano-Frankiwsk." Darin spiegelt sich auch die Angst, dass der nächste Tag der letzte sein könnte. Am nächsten Tag ging Maxim in die unmittelbare Frontlinie ab.
Einwählen ins Mobilfunknetz gefährlich
Immerhin hat seine Schwester den Eindruck, dass sie ihm etwas Mut zusprechen konnte, dass er sich nach ihrem Besuch etwas besser fühlt. Die 36-Jährige hat ihm verboten, ihr zu oft per Handy zu schreiben. Denn russische Drohnen finden unvorsichtige ukrainische Soldaten übers Mobilfunknetz.
Nach der Kurzvisite beim Bruder steuerte Kisliaks Hilfskonvoi erst ein Krankenhaus in einer zerstörten Stadt und dann eines in Druzhkivka kurz hinter der Front an. Diese Klinik wird oft beschossen, ebenso die Straße, die in den Ort führt.
Erlebnisse am Stabilisierungspunkt
Gleiches gilt für den sogenannten "Stabilisierungspunkt" des Krankenhauses. An so einem Punkt werden alle Verwundeten des Kampfes versorgt - egal, ob es sich um ukrainische Kämpfer und Zivilisten oder russische Soldaten handelt. Larisa Kislia zeigt Fotos vom dem, was die Geschosse und auch dadurch ausgelöste Brände anrichten.
Selbst mit ansehen musste sie die Verletzungen nicht. Auch einem Beschuss eines Konvois wie dem weltweit bekannt gewordenem beim südukrainischen Saporischschja mit 30 Toten entging sie. Aber sie berichtet, dass die Nachbarn ihres noch weiter südlich lebenden Cousins unter den Opfern waren. Von der Mutter mit ihren drei Kindern überlebte nur ein kleines Mädchen. Übrigens hat der im von Russen annektierten Melitopol wohnende Cousin kürzlich seine Einberufung zur Putin-Armee bekommen. Als Ukrainer soll er gegen seine eigenen Landsleute kämpfen.
Noch einmal erlebte die ukrainische Ärztin drohende Todesgefahr, auf der Fahrt zu weiteren Krankenhäusern in als weniger gefährlich geltenden Teilen des Landes. In Kamjanez-Podilskyj wurde eine Klinik beschossen, wenige Stunden, nachdem sie dort abgereist war. Und im viel weiter westlichen Iwano-Frankiwsk erlebten sie und Sebastian Kippes noch einen Luftalarm.
Veränderungen in der Seele
Die Erlebnisse in der Ukraine - sie machen etwas mit Larisa Kisliak. Die Ukrainerin wirkt nachdenklicher; ihr Blick geht häufiger ins Leere. Gleichzeitig ist sie entschlossener denn je, zu helfen: nicht nur als Ärztin und mit Hilfstransporten, sondern auch mit mehr. Sie spricht davon, an einem Stabilisierungspunkt im Osten oder Süden der Ukraine Dienst zu tun. Die Ärzte dort seien stets bewaffnet. Schließlich wären sie auch bei den Russen als Kriegsgefangene begehrt, die Verwundeten helfen können.
Larisa Kisliaks Reise an die ukrainisch-russische Front - es wird nicht ihre letzte gewesen sein.