737 Gewerbe wurden im Jahr 2013, 708 im Jahr 2014 neu im Landkreis Bad Kissingen angemeldet. Dem standen 687 und 674 Abmeldungen gegenüber. "Der Gründungssaldo ist also wie im Jahr davor positiv, wenn auch leicht reduziert", freut sich Matthias Wagner, Geschäftsführer des Rhön-Saale Gründerzentrums (RSG). "Der Landkreis hat Potenzial", ist er überzeugt.
Seine Einrichtung hat sich die Unterstützung von Existenzgründern auf die Fahnen geschrieben, auch die Wahl-Nüdlingerin Dagmar Bartoleit hat dort ihr Rüstzeug für die Selbstständigkeit bekommen.


Seit März in Nüdlingen daheim

"In dem Seminar hat sich der Wunsch verfestigt, dass ich mich selbstständig machen will", erinnert sich die 52-Jährige an ihre Fortbildung im RSG. Mitte 2013 war das. Damals lebte Dagmar Bartoleit noch im Ruhrgebiet, eine Bekannte aus Haßfurt machte sie auf das Gründerseminar aufmerksam. "Die Region hier liegt so zentral in Deutschland", hatte ihre Bekannte damals geworben. Mitte 2014 zog Dagmar Bortoleit deshalb zunächst nach Haßfurt um, seit März wohnt sie in Nüdlingen.
Im Seminar erfuhr sie zwar, wie sie ein Gewerbe beim Finanzamt anmeldet, wer Gründungskredite gewährt oder wie sie ihr Unternehmen vermarktet, aber die Idee kommt natürlich von ihr selbst: "Jede Frau mit meiner Körperlichkeit sollte endlich einen passenden BH finden und ohne Rückenschmerzen durchs Leben gehen können", nennt sie als einen der Ausgangsüberlegungen.
Dagmar Bartoleit hat selbst einen langen Leidensweg hinter sich: In ihrer Konfektionsgröße 52 bis 54 gebe es zwar noch Kleider, aber keine Unterwäsche: "Umfang 110, aber nur B-Körbchen, das ist so selten wie eine rote Taube hier in Nüdlingen." Selbst wenn Online-Händler Übergrößen anbieten, seien die großen Größen so gut wie nie auch wirklich verfügbar. "Frauen wie ich sind einfach nicht in der Norm."
Frustrierend sei auch die Suche bei unterschiedlichen Größenbezeichnungen: Italienische Unterwäsche sei selbst in 10XL noch zu lang und schmal, chinesische Wäsche sei dagegen zu kurz. Solche Wäsche zu bestellen und festzustellen, dass sie wieder nicht passt, sei sehr frustrierend. Aber auch im Alltag vermisste Bartoleit passende Unterwäsche: "Man sitzt schon beim Arzt mit einem schlechten Gefühl im Wartezimmer, weil man sich ausziehen muss."
Bartoleit hat eine Vision: "Ich wünsche mir, dass Frauen mehr Selbstbewusstsein bekommen, mutiger und frei in der Seele werden." Deshalb hat sie sich eine Designerin gesucht, mit der sie eine eigene Kollektion entwarf. Bis März hat das gedauert. Um die Kunden noch besser beraten zu können hat sie zudem ein Studium zur Heilpraktikerin Psychotherapie begonnen. Denn: "Wäsche bedeutet nicht nur Körper, sondern auch Seele, gerade bei uns Viel-Frauen." Um die Unterwäsche auch wirklich produzieren zu können, musste sie drei Industrie-Nähmaschinen kaufen. Allein das kostete 23 000 Euro. Ein neues Auto, der Internet-Auftritt www.great-diamonds.de und hochwertige Stoffe kamen dazu. Neben einem KfW-Kredit ging die Witwe und dreifache Mutter dabei auch ans Ersparte. Einnahmen hat sie bislang nicht, aber das sieht sie entspannt: "Ich habe mir zwei Jahre gegeben, um das Unternehmen aufzustellen." Nun hofft sie natürlich auf viele Kontakte, organisiert Dessous-Abende in privaten Wohnungen und präsentiert sich auf Messen - im Ruhrgebiet und am 20. und 21. November in Bad Kissingen (siehe rechts).
"Die Messe soll aufzeigen, was sich in der Region im Gründerbereich entwickelt hat. Und wir wollen jungen Gründern aktuelle Informationen an die Hand geben", sagt RSG-Geschäftsführer Wagner. Mit im Boot ist auch Wirtschaftsförderer Frank Bernhard vom Landkreis Bad Kissingen: "Es ist wichtig, hier vor Ort Beratungsmöglichkeiten aufzuzeigen." Dazu sei die Messe eine gute Kontaktplattform.